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Mit viel Unterstützung und Ausdauer ans Ziel

Der Geflüchtete Mohammad Reza Rezaee wird für seine erfolgreiche Ausbildung bei der Firma Lotter mit dem mittleren Abschluss belohnt

Mohammad Reza Rezaee (links) erhält von Schulleiter Oliver Schmider die Urkunde über den mittleren Bildungsabschluss. Jacqueline Tilgner-Gliem von der Firma Lotter freut sich mit Abstand für ihren Kollegen. Foto: Holm Wolschendorf
Mohammad Reza Rezaee (links) erhält von Schulleiter Oliver Schmider die Urkunde über den mittleren Bildungsabschluss. Jacqueline Tilgner-Gliem von der Firma Lotter freut sich mit Abstand für ihren Kollegen. Foto: Holm Wolschendorf

Kornwestheim/Remseck. In weißen Turnschuhen, Jeans und Pullover mit blassem Ethno-Muster unterscheidet er sich bei der Übergabe seiner Abschlussurkunde nicht von anderen jungen Menschen. Doch hinter dem bald 22-jährigen Mohammad Reza Rezaee liegt ein weiterer Weg als hinter vielen anderen Absolventen der Erich-Bracher-Schule in Kornwestheim-Pattonville. Vor fünf Jahren ist er aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet. Dass er seither sehr gut die Sprache lernen und eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei der Ludwigsburger Firma Lotter abschließen konnte, hat er engagierten Menschen, aber auch seiner eigenen Ausdauer zu verdanken.

Weil Mohammad Reza Rezaee seine Ausbildung nach drei Jahren mit großem Erfolg beendet hat, wurde ihm Anfang der Woche durch Schulleiter Oliver Schmider zudem offiziell der mittlere Bildungsabschluss zuerkannt. Laut Angelika Schober-Penz, die an der Erich-Bracher-Schule für die Pressearbeit zuständig ist, kommt eine solche Zuerkennung nur selten vor. „Er hat wirklich eine ganz tolle Leistung erbracht“, begründet seine Lehrerin Andrea Staneker-Hepfer die Entscheidung. Schon als Mohammad Reza Rezaee 2016 zum Halbjahr an die Schule kam, habe sie erkannt, dass viel Potenzial in ihm steckt. Zunächst besuchte er das sogenannte VABO (siehe Kasten unten), dann machte er an der Mathilde-Planck-Schule in Ludwigsburg den Hauptschulabschluss.

„Immer, wenn ich ein neues Wort gehört habe, habe ich versucht, es aufzuschreiben und zu Hause zu übersetzen“, erklärt Mohammad Reza Rezaee, wie es bei ihm mit dem Spracherwerb so schnell geklappt hat. Dann habe er das neue Wort zehnmal wiederholt. So habe er jeden Tag zusätzlich Deutsch gelernt, mal eine halbe Stunde, mal zwei Stunden. Auch Nachrichten auf Deutsch anzuschauen, habe ihm geholfen.

„Die Lerntechniken konnte man ihm auf der Flucht nicht nehmen“, sagt seine Lehrerin Andrea Staneker-Hepfer. Denn im Iran hatte Mohammad Reza Rezaee eine weiterführende Schule mit Ausrichtung auf das Fach Medizin besucht und ab der 6.Klasse Englisch gelernt. Neben seiner Muttersprache Persisch kann er auch etwas Arabisch. Doch ein Jahr vor dem Schulabschluss sah er sich zur Flucht gezwungen. Aus „politischen Gründen“, wie er sagt. Die Eltern stammen aus Afghanistan, sodass die Familie bereits im Iran wie Geflüchtete lebte, was Probleme mit sich brachte. Als sich die Lage zuspitzte, wagte Mohammad Reza Rezaee mit seinem zehn Jahre älteren Bruder den Weg nach Europa. Hauptziel sei gewesen, aus dem Iran wegzukommen, Deutschland hatten sie nicht direkt im Blick. Er wollte ein Leben mit mehr Möglichkeiten – und diese auch nutzen.

Dem Bruder, der inzwischen Frau und zwei Kinder hat, ist es beruflich zunächst nicht so gut ergangen. Aufgrund seines Alters kam er schon nicht mehr für geförderte Deutschkurse bis zum erforderlichen Niveau infrage. Eine Ausbildung konnte er auch deshalb nicht antreten, weil er zunächst keine Arbeitsgenehmigung bekam. Erst seit ein paar Monaten darf er bei einer Spedition tätig sein.

Mohammad Reza Rezaee hingegen machte im Herbst 2016 über ein Praktikum als Fachlagerist Bekanntschaft mit der Firma Lotter und erhielt einen Ausbildungsplatz zum Groß- und Außenhandelskaufmann. „Ich war von Anfang an fasziniert“, lobt Ausbildungsleiterin Jacqueline Tilgner-Gliem seine Neugierde, Lernbereitschaft und Persönlichkeit. Äußerst selten stellten sie Bewerber mit Hauptschulabschluss für diese Ausbildung ein, doch sie habe ihm eine Chance geben wollen. „Er ist eine Kämpfernatur, und ich habe nie etwas Negatives über ihn gehört.“

Doch trotz aller guten Voraussetzungen und Vorsätze war besonders das erste Ausbildungsjahr hart. Eine große Hürde stellten laut Jacqueline Tilgner-Gliem die vielen Fachbegriffe dar. „Nach den ersten zwei bis drei Monaten habe ich daran gedacht, zu kündigen“, gibt Mohammad Reza Rezaee zu. Doch er habe so viel Ermunterung erfahren und dann „Gas gegeben“. Nach einiger Zeit waren die sprachlichen und auch kulturellen Anfangsschwierigkeiten überwunden. „Ansonsten war alles schön“, sagt er im Rückblick. Inzwischen arbeitet er bei Lotter in der EDV-Abteilung.

Doch das bedeutet keineswegs, dass sich das Unternehmen damit langfristig einen Mitarbeiter gesichert hat. Denn alle sechs Monate muss seine Aufenthaltserlaubnis verlängert werden – mit offenem Ausgang. „Das verunsichert nicht nur den Arbeitgeber, sondern auch die Person selbst und ist negativ für die Motivation“, so Schulleiter Oliver Schmider. Auch Jacqueline Tilgner-Gliem von der Firma Lotter plädiert dafür, dass die Behörden bei ihren Entscheidungen die Referenzen von Schulen und Unternehmen stärker berücksichtigen sollen.

Was die Einstellung von Geflüchteten angeht, beobachtet Oliver Schmider bei Betrieben oft noch Zurückhaltung, kann aber auch viele Positivbeispiele nennen. Für die Lehrer bedeute das Unterrichten von Geflüchteten mehr als das Vermitteln von Unterrichtsstoff: „Die Kollegen müssen viel Einfühlungsvermögen haben.“ Etwa wenn schlechte Nachrichten aus der Heimat die Schüler beschäftigten. Dass Schule und Unternehmen dabei zu einer Art Ersatz für das Elternhaus werden, kann Jacqueline Tilgner-Gliem bestätigen. „Es ist ja schon schwierig, den richtigen Weg zu finden, wenn man hier in Deutschland geboren wurde“, so der Schulleiter. Während die meisten Schüler mit Fluchthintergrund eine zweijährige Ausbildung zum Verkäufer oder Fachlageristen absolvierten, stelle Mohammad Reza Rezaee schon eine Ausnahme dar. Dieser wendet sich zum Abschluss an seine Wegbegleiter: „Ich danke Ihnen allen und auch Deutschland, dass Sie mir diese Möglichkeit gegeben haben.“

Info:

Ein VABO ist ein Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit dem Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen. Die Erich-Bracher-Schule bietet es für 15- bis 18-Jährige an, seitdem viele Geflüchtete nach Deutschland kommen. Ziel ist auch eine Vertiefung der Allgemeinbildung. Ein Schulabschluss wird noch nicht angestrebt. Je nach anerkanntem Abschluss aus dem Heimatland können die Schüler aber danach eine berufliche Schule besuchen. Am Ende des VABO wird eine Deutschprüfung abgelegt, die maximal das Niveau B1 prüft. Mohammad Reza Rezaee schaffte dieses Sprachniveau bereits nach wenigen Monaten. (sen)

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