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Pilotprojekt: Medikamententransport per Drohne

Die Regionale Kliniken Holding will künftig Laborproben, Coronatests oder Medikamente an ihre Standorte fliegen. Schon kommendes Jahr könnten die unbemannten Geräte abheben – wenn die Technik funktioniert.

„Drohnen werden nicht die Welt retten“, sagt Holger Schulze vom Start-up German Copters in Markgröningen. „Sie sind aber ein Baustein, um logistische Prozesse zu verbessern.“ Foto: Andreas Becker
„Drohnen werden nicht die Welt retten“, sagt Holger Schulze vom Start-up German Copters in Markgröningen. „Sie sind aber ein Baustein, um logistische Prozesse zu verbessern.“ Foto: Andreas Becker

Markgröningen. Feueralarm auf der A81. Ein Lastwagen ist in Flammen aufgegangen und blockiert die drei Fahrspuren. Dahinter bildet sich ein kilometerlanger Stau, in dem auch ein Fahrzeug der Regionalen Kliniken Holding RKH mit Medikamenten feststeckt. Die eilige Lieferung sollte eigentlich so schnell wie möglich aus Ludwigsburg ins Hospital nach Bruchsal kommen. Stattdessen klappt nun ein Experte in einem Büro seinen Laptop auf und lässt mit wenigen Mausklicks eine Drohne in die Luft steigen. An Bord: die dringend benötigten Arzneimittel.

So stellt sich der Klinikenchef Jörg Martin künftig die Versorgung seiner Krankenhäuser vor. Die RKH ist der größte kommunale Krankenhauskonzern in Baden-Württemberg. Er erstreckt sich über vier Landkreise, in denen mehr als 2500 Betten stehen: Ludwigsburg, Enz, Karlsruhe und seit neuestem auch Reutlingen.

Die unbemannten Miniflieger sind längst nichts mehr nur für Spinner, sondern die Bestseller in der Luftfahrtindustrie. Sie kommen bei der Strafverfolgung, in der Landwirtschaft oder der Medizin zum Einsatz. „Unser Berufsbild wird sich in den kommenden Jahren radikal verändern“, prophezeit der habilitierte Anästhesist Martin. „Wir müssen schauen, dass wir nicht abgehängt werden.“

Verstopfte Straßen kosten Zeit

Deshalb wagt er nun einen Versuch, den es in Deutschland so noch nicht gibt. Am gestrigen Donnerstag kündigte Martin in der Orthopädischen Klinik in Markgröningen an, dass er schon im kommenden Jahr Drohnen nicht nur mit Medikamenten beladen lassen will, sondern auch mit Laborproben oder Coronatests, die dann von Ludwigsburg durch die Luft und ohne Staus nach Mühlacker, Reutlingen oder Bruchsal gelangen. Gesteuert wird das Ganze an Computern. Bei einer Geschwindigkeit von 150 Stundenkilometern wären die Miniflieger in etwa einer halben Stunde an ihren Zielen, wenn alles klappt. Martin hat schon häufiger zu spüren bekommen, dass er bei Chaos auf der Autobahn gerne mal zwei Stunden bis ins Badische braucht. „Wir sehen in diesem Projekt großes Potenzial.“

Einen Partner hat der Krankenhausmanager bereits gefunden: Das Start-up German Copters aus Dresden, das seit rund eineinhalb Jahren am Markt ist und in Sachsen bis zu 8000 Coronaproben pro Woche mit Drohnen transportiert. Allerdings legen die unbemannten Flugobjekte dort nur Entfernungen von rund zehn Kilometern zurück. Allein die Strecke Ludwigsburg–Reutlingen kommt aber auf 80 Kilometer. „Drohnen werden nicht die Welt retten“, sagt der German-Copters-Manager Holger Schulze am Donnerstag in Markgröningen. „Sie sind aber ein Baustein, um logistische Prozesse zu verbessern.“ Dann zählt Schulze die Vorteile auf, die die Miniflieger in seinen Augen bieten: schnell, sicher, flexibel und umweltfreundlich.

Natürlich weiß der Experte auch, dass er in der Bevölkerung Aufklärungsarbeit leisten muss. Drohnen werden hierzulande ja immer noch mit Terrorismus und Überwachung assoziiert. Die Medizinprodukte der Regionalen Kliniken Holding will er deshalb nicht in direkter Linie aus Ludwigsburg an die anderen Standorte bringen lassen. Stark besiedelte Flächen sollen ebenso ausgespart werden wie Naturschutzgebiete oder neuralgische Punkte wie Autobahnen. Zum Einsatz kommt ein GT20 Gyrotrak des Hamburger Herstellers Airial Robotics.

Defekt vor dem Demonstrationsflug

Die Kosten hält der Ludwigsburger Klinikenchef Martin für „überschaubar“. Er hofft zudem auf Fördermittel. „Im Detail ist das aber noch nicht ausverhandelt“, bekennt er. „Klar ist, dass die Drohnen nicht wesentlich teurer sein dürfen als der Transport auf dem Boden.“

Martin und German Copters hatten für diesen Donnerstag auch einen Drohnendemonstrationsflug angekündigt. Sie stehen also in Markgröningen auf dem ehemaligen Hubschrauberlandeplatz und blinzeln in die Sonne. Unter den Gästen sind der Landrat Dietmar Allgaier und der Bundestagsabgeordnete und Verkehrsstaatssekretär Steffen Bilger (CDU), beide Befürworter des Pilotprojekts. Bilger war im Frühjahr bei einem Drohnenflug in Berlin dabei, als die Polizei einschritt, weil sie von der Aktion offenbar nichts wusste.

In Markgröningen soll die Drohne nun wie ein Helikopter in den Himmel steigen. Stattdessen meldet der Flugcontroller einen Fehler. „Safety first“, Sicherheit zuerst, sagt der Marketingmanager Schulze. Am Donnerstag muss das unbemannte Flugobjekt noch am Boden bleiben.

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