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„Wir sind im falsch verstandenen Sinne tolerant“

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Ludwigsburg. Herr Dr. Jongen, auf Werten des Christentums, der Antike, des Humanismus, der Aufklärung fußt laut AfD die deutsche Leitkultur. Woran machen Sie sie fest?

Marc Jongen: Deutsche Leitkultur ist zu einem großen Teil identisch mit der Leitkultur anderer Länder in Europa, aber es gibt nationale Eigenheiten. Leistungsbereitschaft, Fleiß, Pünktlichkeit, Gemeinsinn sind Eigenschaften, die für die Wertschätzung Deutschlands in der Welt gesorgt haben. Das sind freilich Dinge, die sich nicht vollständig in Gesetze gießen und verordnen lassen.

 

Sie möchten eher über Kultur als über Leitkultur sprechen. Weil das so klingt, als stünde sie über anderen Kulturen?

Ja, Leitkultur ist kein sehr schöner Begriff, eher ein Notbehelf. Er ruft oft hysterische Abwehrreaktionen hervor, man assoziiert ihn mit etwas Autoritärem. So ist er von uns aber nicht gemeint, sondern als selbstbewusstes Stehen zu den eigenen kulturellen Traditionen und Regeln. Paradoxerweise ist die Leitkultur, die Staat und Regierung heute verordnen, das genaue Gegenteil davon, nämlich der Multikulturalismus.

 

Heißt das, dass die Regierungsparteien unsere Kultur nicht bewahren wollen?

Die Parteien setzen sich ja aus verschiedenen Individuen und Gruppierungen zusammen. Vor allem die SPD und die Grünen sind stark von Interessenverbänden bestimmt – man könnte auch unterwandert sagen –, die nicht die Kultur des Landes bewahren, sondern die Interessen ihrer kulturellen Gruppe durchsetzen wollen. Das machen sie sehr geschickt und subtil.

 

Wie denn?

Migrantenverbände und Islamlobbyisten bedienen sich der multikulturellen Sprache und sagen: Wir wollen Toleranz, Vielfalt und ein weltoffenes Land, also alles Dinge, die erst mal gut klingen. Doch dahinter stecken ganz andere Interessen, und die Parteien werden dadurch in ihren ursprünglichen Zielen, die vielleicht gut gemeint waren, ausgehöhlt und sind nur Fassaden.

 

Wie wollen Sie erreichen, dass die Werte des Christentums bei abnehmender Religiosität erhalten bleiben?

Das christliche Menschenbild und die Werte, die früher religiös konnotiert waren, sind uns heute noch wichtig und nah, aber in säkularisierter Form. Diese Werte muss man verteidigen und darf nicht zurückweichen gegenüber einer Religion wie dem Islam, der keine Aufklärung und Säkularisierung durchgemacht hat. Der Islam ist eine politische Religion, die beansprucht, das tägliche Leben zu regeln. Wir sind hier zu tolerant in einem falsch verstandenen Sinne und auch zu wenig stolz auf das in Europa Erreichte.

 

Aber glauben Sie nicht, dass aufgeklärte Menschen dafür nicht mehr so anfällig sind?

Nicht, dass alle Mitglieder unserer aufgeklärten Gesellschaft zum Islam übertreten, ist die Gefahr, sondern dass sie mehr und mehr aus dem öffentlichen Raum zurückgedrängt werden und anderen diesen Raum überlassen. Und dann tut die Demografie ein Übriges. Wir haben in Deutschland eine sehr niedrige Geburtenrate, die Neuzuwanderer vermehren sich dagegen stark. Man kann sich leicht ausrechnen, dass die Alteingesessenen bald in der Minderheit sein werden. Dagegen muss etwas getan werden.

 

Und was?

Zuerst muss der Missbrauch unserer Asylgesetzgebung zur Masseneinwanderung gestoppt werden. Es müssen rigide Einwanderungsnormen greifen. Die Einwanderung aus islamischen Ländern müsste so gut wie ganz beendet werden, das wäre schon dadurch zu bewerkstelligen, dass man Qualifizierungskriterien einführt und Sprachkenntnisse verlangt. Denjenigen, die im Land bleiben, muss klargemacht werden, dass nicht der Multikulturalismus unser Leitbild ist, sondern eine säkulare Leitkultur, die dem Islam als persönlichem Glaubensbekenntnis seine Freiheit lässt, aber seinen politischen Ambitionen einen Riegel vorschiebt.

 

Die AfD sieht einen Kulturkampf zwischen Christentum und Islam in Europa. Wie kommt sie darauf?

Zwischen islamfreundlichen und islamkritischen Kräften, würde ich eher sagen. Kritik an Ausformungen islamischen Lebens, die nicht immer ganz friedlich sind, wird kriminalisiert und die Meinungsfreiheit stark eingeschränkt. Menschen sprechen über bestimmte Dinge nur noch hinter vorgehaltener Hand, weil sie wissen: Das darf man öffentlich nicht sagen.

 

Die Dinge werden schon geäußert, aber oft mit dem Zusatz: Das wird man wohl noch sagen dürfen.

Viele, die die Unvorsichtigkeit begehen, sich zu äußern, haben massive Konsequenzen zu tragen. Durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz von Minister Maas wurde das noch verschärft. Wer etwas Falsches postet, dem drohen Hausdurchsuchungen, der wird zu Hause abgeholt, kann ins Gefängnis wandern, wird am Arbeitsplatz gemobbt, Selbstständige müssen um Aufträge fürchten. Das ist ein perfides System, keine offene Gesellschaft mehr.

 

Aber es geht dabei doch nicht um freie Meinung, sondern um Botschaften, die strafbar sind oder zu Kriminalität auffordern.

Es ist schwer festzustellen, wo die sogenannte Hassrede beginnt und die freie Meinungsäußerung endet. Ich will gewiss keine Bedrohungen und Beleidigungen, die auch bisher schon vom Gesetz sanktioniert wurden, rechtfertigen. Es geht mir um das Meinungsklima.

 

Im AfD-Programm steht die Festschreibung von Deutsch als Staatssprache. Welchen Effekt hätte das im Alltag?

Nur wer in seiner eigenen Identität gefestigt ist, kann sich auch dem anderen gegenüber öffnen und ihn schätzen. Wer keine eigene Identität hat, geht in einem globalistischen Einerlei auf. Es ist sehr gut, Fremdsprachen zu beherrschen, aber das eigene Land sollte nicht von Fremdsprachen beherrscht werden.