Ludwigsburg. Ziemlich genau neunzig Minuten ist dieser Konzertabend jung, als sich dramaturgisch wie biografisch der Kreis schließt: Heftige Unwetter kündigen sich an, es rauscht und tröpfelt, Blitze zucken über die LED-Leinwände. Tokio Hotel lassen sich hinter der Bühne noch einmal Zeit, es ist wie ein zweites Intro, bevor sich unter ohrenbetäubendem Kreischen in der mit 4000 Zuschauern prallvoll ausverkauften Ludwigsburger MHP-Arena jene Naturgewalt entlädt, die anno 2005 über das deutsche und bald internationale Pop-Geschäft hereinbrach. „Durch den Monsun“ war vor fast genau 20 Jahren die vielbeachtete Debüt-Single des damals noch im Teenie-Alter befindlichen Magdeburger Quartetts um Frontmann Bill Kaulitz, das die Herzen vor allem junger weiblicher Fans eroberte. „Ich muss durch den Monsun / Hinter die Welt / Ans Ende der Zeit / Bis kein Regen mehr fällt“: Das passt zur Geschichte dieser Band, die gerade wegen ihres enormen Erfolgs mitunter schwierige Zeiten erlebte. Auch das Ende des Songs fügt sich nun, wenn anlässlich des Jubiläums eine große Europatournee – mit knapp 20 Konzerten in Deutschland, Großbritannien, Polen, der Schweiz, Spanien, Frankreich, Italien und Belgien – auf dem Programm steht, schließlich wird irgendwann „alles gut“.

Dieses Eindrucks kann man sich an diesem 103-minütigen Abend, an dem zwei Dutzend Songs quer durch die Schaffensphasen präsentiert werden, jedenfalls kaum erwehren. 2010, als der Trubel um die Band überhand nahm, siedelten die federführenden Zwillingsbrüder Bill und Tom Kaulitz nach Los Angeles über, möglicherweise haben sie sich damit vor dem persönlichen wie künstlerischen Absturz gerettet, nochmal die Kurve gekriegt – und wirken nun, seltsam beschwingt unter der leichten Last des frühen Erfolgs, motiviert wie selten. Die Ludwigsburger Auftaktshow zur Tour bietet fast alles auf, was in den räumlichen Dimensionen der MHP-Arena machbar ist: LED-Leinwände und Lichtshow in allen Formen und Farben, Pyrotechnik, bewegliche Bühnenelemente, Konfettikanone, Disconebel, Ventilatoren für flottere Frisuren. Und doch hat man zu keinem Zeitpunkt an diesem kurzweiligen Abend das Gefühl, dass die Musik eine Nebenrolle spielen würde – im Gegenteil. Der Sound ist satt und kraftvoll, transparent, wenn auch vielleicht ein wenig zu basslastig, die Truppe selbst wiederum präsentiert sich eingespielt und spielfreudig.
Engelsflügeln aus Federn auf dem Rücken
Strukturiert wird die Bühne durch mehrere auf der Vorderseite verspiegelte Würfel und Quader, die aber auch LED- und Video-Projektionen ermöglichen, was erstaunliche Effekte mit sich bringt, zugleich ist ein Großteil des Instrumentariums darauf postiert. Eine in luftige Höhen ausfahrbare hydraulische Säule ermöglicht Sänger Bill Kaulitz gleich zu Beginn seinen ersten großen Auftritt, der für „Ah“ und „Oh“ im durchweg begeisterten Publikum sorgt: Mit Engelsflügeln aus Federn auf dem Rücken, in einer Dracula-artigen Robe und mit Sonnenbrille auf der Nase singt er, langsam hinabschwebend, das brandneue „Miss It (At All)“ in einer etwas rockigeren Variante und setzt damit ein echtes Ausrufezeichen. Es folgen Songs wie „Girl got a gun“, „Dark Side of the Sun“, das eingängige „Hands up“, das erst am 21. März offiziell erscheint, die Hymnen „Rette mich“ und „Spring nicht“, „Fata Morgana“, „White lies“, aber auch das George-Michael-Cover „Careless Whisper“.

Die – gelinde gesagt – schrillen Outfits von Bill Kaulitz sind eine eigene Show in der Show. Mehrfach verschwindet der 35-Jährige auf seinen Absatz- und Plateauschuhen kurz hinter oder neben der Bühne, um sich umzuziehen oder Teile seiner Robe und Accessoires zu wechseln. Längst geht er so offen mit seiner Homosexualität um, dass er seiner femininen Seite den Raum geben kann, den sie aus seiner Sicht braucht. Mal ist er Cowboy, mal schwarz gekleidete Braut oder Witwe, und doch bleibt der enorm stimmfeste und intonationssichere Sänger, der mehrmals damit kokettiert, etwas aufgeregt zu sein, immer die nette Ulknudel. „Hallo, ihr Mäuse, jetzt muss ich euch erst mal richtig anschauen“, ruft er dem Publikum zwischen zwei Songs zu. „Gut seht ihr aus!“
Vom Personenkult zum Gesamtkunstwerk
„Pink, pinker, Bill“, lautet später offenbar die Devise: Nun auf einem der Podeste stehend, trägt Kaulitz einen glitzernd-pinken Hosenanzug mit Armstulpen, die ebenso flauschig sind wie der ebenfalls pinke Sombrero, und selbst seine Flying-V-Gitarre ist, mit Ausnahme der Saiten, von pinkem Flausch eingehüllt. Der gebürtige Leipziger, der über die Jahre schon die unterschiedlichsten Frisuren hatte und die Haare aktuell lockig-lang-blondiert trägt, wirkt bisweilen wie eine Parodie seiner selbst, und das dürfte durchaus beabsichtigt sein. Es scheint, als habe sich der Hype vom Personenkult zum Gesamtkunstwerk verschoben.

Trotz ihrer Millionenvermögen und der Prominenz, die in den vergangenen Jahren durch TV-Formate („The Voice of Germany“), die Netflix-Doku „Kaulitz & Kaulitz“ und die Ehe Tom Kaulitz‘ mit Model und TV-Casterin Heidi Klum nochmal einen weiteren Push bekommen hat, ist die Band auf ihre Weise bodenständig geblieben. Dazu gehört auch, dass nach den zwei Jahrzehnten immer noch die Originalbesetzung besteht, was schon bemerkenswert ist. Dabei ist die Verteilung klar: Bill und Tom Kaulitz bilden die Frontachse, während Georg Listing (Bass) und Gustav Schäfer (Schlagzeug) gewissermaßen im Maschinenraum malochen, unauffällig, aber professionell-solide.
Von Mittvierzigern bis Teenies
„Waren wir schon mal in Ludwigsburg? Nein, oder?“, fragt Kaulitz sicherheitshalber ins Publikum, um dann zu ergänzen: „Gott sei Dank, endlich!“ Die Barockstadt dient seit Jahren immer wieder als Ausweichspielort, wenn in der Landeshauptstadt mal keine passende Halle frei ist. Für die Schleyerhalle, die Tokio Hotel etwa 2006 bespielte, reicht die Nachfrage vielleicht nicht mehr ganz, dafür platzen nun kleinere Hallen aus allen Nähten. Das Publikum ist durchaus mit- und nachgewachsen, von Mittvierzigern bis Teenies ist alles vertreten. An diesem Abend scheinen sich auch einige Leute mit glitzernden Jacken, Hüten und blinkenden Kopfgarnituren direkt von der Faschingsparty in die Arena begeben zu haben – was angesichts von Bills Outfits wiederum recht stimmig bleibt.

Mit 35 Jahren seinen Zwanzigsten als Band zu feiern, dazu gehört schon eine Menge. Geliebt von den einen, verspottet von den anderen: Das hat sich bis heute gehalten, auch wenn sich die Wogen geglättet haben und sich der Stil stetig vom frühen Teenie-Emo-Rock zu einem eher urbanen, elektronisch angehauchten Rock-Pop-Mix gewandelt hat. Immer im Fokus: Sänger Bill Kaulitz („Ich sehe aus wie 21.“), der es geschafft hat, vom androgynen Frauenschwarm zur queeren Galionsfigur zu werden, ohne dass seine Popularität Schaden genommen hätte – eher im Gegenteil. Das liegt sicherlich auch an dem koketten Witz, den der Frontmann an den Tag legt, nicht zuletzt auf der Bühne. „Ich mache mir ein wenig Sorgen um euren Alkoholpegel“, erklärt Kaulitz nach gut einer Stunde in Richtung Fans. „Geht doch lieber nochmal zur Bar.“ Notfalls könne die Band auch eine kurze Pause machen, damit niemand etwas verpasse.
Am Ende strömt das Publikum davon
Bei „Durch den Monsun“ als Zugabe am Ende hätte es die Band eigentlich belassen können – vielleicht sogar sollen. Dass dann noch „Great Day“ nachgeschoben wird, mag spendabel sein, für die Dramaturgie des Abends ist es eher kontraproduktiv. Während das Gros des Publikums weiterfeiert, macht sich ein sichtbarer Menschenstrom bereits auf in Richtung der Ausgänge. Das Motto „Alles gut“, wie es im 2005er-Hit heißt, dürfte für sie an diesem Abend aber wohl genauso gegolten haben.

