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Auswanderung

100-Dollar-Schein mit Geschichte

Als Bürgermeister Steffen Döttinger einen Brief aus Amerika aus der Post zieht, ist er ohnehin überrascht. Erst recht, als er zudem einen 100-Dollar-Schein herausfischt. Damit bedankt sich Richard Zahn dafür, dass die Gemeinde seinem Ururgroßvater Johannes Gall 1844 die Auswanderung ermöglichte.

Steffen Döttinger (vorne) freut sich über den 100-Dollar-Schein, Kreisarchivar Wolfram Berner auch über die Geschichte. Foto: Holm Wolschendorf
Steffen Döttinger (vorne) freut sich über den 100-Dollar-Schein, Kreisarchivar Wolfram Berner auch über die Geschichte. Foto: Holm Wolschendorf

Affalterbach. Auch die ersten Zeilen ließen „Steffan“ Döttinger, so war sein Name in der Adresse geschrieben, noch ratlos zurück. Ich hoffe, es geht Ihnen gut, stand da auf Englisch, dabei hatte „Major“ Döttinger noch nie von einem Richard Zahn gehört. Der Rest des Briefes löste das Rätsel: Richard Zahn bedankte sich dafür, dass sein Ururgroßvater Johannes Gall 1844 von der Gemeinde 40 Gulden Zuschuss bekommen hatte, um auszuwandern. Er hatte auch das Gemeinderatsprotokoll vom 18. März 1844 beigelegt, das aber aus der Sütterlinschrift ins Englische übersetzt worden war. Dies hat er wahrscheinlich vom Landesarchiv, wo man in der Auswandererdatenbank recherchieren kann, vermutet Kreisarchivar Wolfram Berner. „Wer bedankt sich nach 177 Jahren bei der Heimatgemeinde der Vorfahren?“, ist Döttinger positiv überrascht und freut sich über die 100 Dollar. Die umgerechnet 120 Euro werden bei der Bürgerstiftung Roswitha und Hans-Werner Aufrecht eingezahlt und für soziale Zwecke verwendet.

Johannes Gall hatte damals 50 Gulden bei der Gemeinde beantragt, um über Heilbronn und Antwerpen nach Nordamerika auszuwandern. Gall war Maurer, verheiratet und Vater von vier Kindern. Offensichtlich war sein Auskommen so schlecht, dass er anderenfalls aus der Ortskasse für die Armen unterstützt hätte werden müssen. Es gibt eine Inventurliste aus dem Jahr 1833, wonach Gall noch 740 Gulden besaß. Zum Zeitpunkt des Antrags gab er an, nichts mehr zu haben, bis auf die 330 Gulden für die Überfahrt. Zur Einschätzung: Der Tageslohn eines Arbeiters im unteren Bereich betrug 30 bis 40 Kreuzer, der Wochenlohn lag bei drei bis vier Gulden. Ein Gulden (60 Kreuzer) entspricht heute rund 6,40 Euro.

„Die Auswanderung nach Amerika ist nichts Ungewöhnliches, allerdings startete die Welle erst später“, erklärt Wolfram Berner. Die zunehmende Verarmung war aber spürbar, 1844 kündigte sich eine neue Wirtschaftskrise mit Inflation und Arbeitslosigkeit an, die 1846 und 1847 in Hungerrevolten gipfelte und eine stärkere Auswanderung nach sich zog. Die Gemeinde war finanziell aber gut gestellt, eine Unterstützung der Familie wäre teurer gewesen. Den Lebensunterhalt bezifferte man auf fünf Gulden pro Familie pro Woche.

Die Reise nach Amerika kostete 330 Gulden, dieses Geld hatte Gall bereits beim Stuttgarter Bankhaus Stahl & Federer hinterlegt, sein Bruder Friedrich Gall fungierte als Bürge. Das Stuttgarter Bankhaus organisierte die Überfahrten in zweimastigen Briggs oder dreimastigen Barks, in denen bis zu 250 Passagiere auf engstem Raum im Zwischendeck transportiert wurden. Die Auswanderer wurden aus dem Königreich Württemberg entlassen, auch von Johannes Gall findet sich eine Bürgerrechtsverzichtsurkunde. Dies alles nahmen die Menschen auf sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Amerika, wo die große Freiheit und viel Land lockten. Der Goldrausch begann allerdings erst 1845, weiß Berner.

Dank Richard Zahn weiß man, dass der 41-jährige Gall gut mit seiner Familie in Nordamerika ankam. Zahn ist ein Abkömmling von Johannes Gall junior, der am 14. Mai 1839 geboren worden war, er wohnt in Grand Rapids im Staat Michigan. Näheres zur Familiengeschichte weiß man nicht – noch nicht, denn Döttinger will Zahn noch Dokumente per E-Mail schicken und hat ihn eingeladen, nach Affalterbach zu kommen. Man weiß auch nicht, ob Nachfahren des Bruders Friedrich Gall noch hier wohnen. „Aber vielleicht meldet sich ja noch jemand“, so Döttinger.

1844 wanderten vier Personen aus Affalterbach aus, neben Johannes Gall, Jakob Gall nach Osteuropa, Dorothea Knödler und Johannes Strieter nach Nordamerika. Insgesamt waren es im 19. Jahrhundert 189 Personen. Diese Zahlen stammen vom Landesarchiv Baden-Württemberg und können für jede Gemeinde abgefragt werden.

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