1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Ludwigsburg
Logo

Folgen der Hitzewelle
42 Grad im Nistkasten: Naturschützer schlägt Alarm wegen Hitzetod bei Jungvögeln im Kreis Ludwigsburg

Experten schlagen Alarm wegen des Hitzetods bei jungen Vögeln. Bei Hitze verlassen Jungvögel, die noch nicht flügge sind, ihre Nester und liegen dann hilflos am Boden.
Experten schlagen Alarm wegen des Hitzetods bei jungen Vögeln. Bei Hitze verlassen Jungvögel, die noch nicht flügge sind, ihre Nester und liegen dann hilflos am Boden. Foto: Patrick Pleul/dpa (Symbolbild)
Die Hitze setzt nicht nur Menschen zu. Ein Naturschützer berichtet von verendeten Jungvögeln und warnt auch vor den Folgen der Trockenheit für Streuobstbäume.

Kreis Ludwigsburg. Helmut Mager ist seit Jahrzehnten Naturschutzwart der Ortsgruppe Sachsenheim des Schwäbischen Albvereins. Der Diplomverwaltungswirt nimmt seine Aufgaben gewissenhaft wahr und ist für sein Engagement schon vielfältig ausgezeichnet worden. Aber im Zusammenhang mit der Hitze nimmt er nun zwei Phänomene wahr, die ihm Sorgenfalten ins Gesicht treiben. Zum einen stellte er während der Extremhitzewelle am vergangenen Juniwochenende mit Temperaturen bis knapp 42 Grad fest, dass noch nicht flügge Jungvögel wohl wegen Hitzestau ihre Nisthilfen verlassen haben und hilflos am Boden lagen. Und zum anderen bemerkte der Naturschützer, dass vom Albverein gepflanzte Hochstämme wegen der vorherrschenden Trockenheit enorme Anwachsschwierigkeiten haben.

72 Grad im Nistkasten gemessen

Mager, der auch in ornithologischen Dingen sehr bewandert ist, betreut für den Schwäbischen Albverein 120 Nistkästen auf Sachsenheimer Gemarkung. Es handelt sich dabei um die unterschiedlichsten Typen von Behausungsmöglichkeiten für die gefiederten Geschöpfe. Probleme gab es am letzten Juniwochenende in solchen Behausungen, die südlich exponiert und somit extrem der Sonne ausgesetzt waren. Unterhalb von Schwalbennestern an der Südseite einer Gerätehütte fand er zwei leblose Rauchschwalben. Magers Vermutung: In Panik aus dem Nest geflüchtet wegen Überhitzung. Mit dem Thermometer ermittelte er eine Temperatur von 72 Grad. Unter dem Dachvorsprung der Hütte sind die künstlichen Halbhöhlen einer extremen Überhitzung ausgesetzt. Des Weiteren stieß der Naturschützer auf Reste von Kohlmeisen, die auch aus ihren Meisenkästen geflüchtet waren und dann verspeist wurden. Wenn noch nicht flügge gewordene Piepmätze am Boden liegen, sind sie eine leichte Beute von Katzen, Mardern und Waschbären. Keine Spuren für die Misere fand der Vaihinger bei Nisthöhlen, die ganz oder teilweise beschattet sind.

Jungvögel flüchten aus überhitzten Nestern

Mager, der auch Kassier des NABU-Kreisverbandes Ludwigsburg ist, nahm auch mit dessen Geschäftsstelle des Landesverbands auf. Hier bestätigte man seine Beobachtungen. Weil Rauch- und Mehlschwalben sowie Mauersegler unter den Dachvorsprüngen ihren Nachwuchs aufziehen, sind sie extremen Hitzeinwirkungen bei südexponierten Lagen ausgesetzt. Die Ornithologen berichteten dem Naturschutzwart, dass einige der wenigen Vogelaufzuchtstationen einen Aufnahmestopp verhängten, weil zu viele verletzte Vögel dorthin gebracht wurden. Welche Lehren zieht der Schützer aus der zunehmenden Hitze? ,,Ich werde Nistkästen in Zukunft so aufhängen, dass die Sonne nicht unbegrenzt dort einwirkt“.

Auch junge Obstbäume leiden unter der Trockenheit

Und das andere, das den Albvereinsfunktionär umtreibt, ist das Anwachsproblem neu gesetzter Hochstämme. Der Schwäbische Albverein ist ja nicht nur ein Wanderverein, sondern auch ein Naturschutzverband. Deshalb liegen der Organisation auch die Streuobstwiesen am Herzen. Der Wart setzt dieses Engagement dahingehend um, dass er kontinuierlich Nachpflanzungen vornimmt. ,,Bis vor drei Jahren war das gar kein Problem mit dem Anwachsen. Ich pflanzte im Spätherbst oder Winter, nahm die Winterfeuchte mit und der Baum wuchs an, ohne dass er gegossen werden musste“, konstatiert Mager dazu. Seit nun der Klimawandel seine eindeutigen Spuren hinterlässt und für zu wenig Regen sorgt, muss gegossen werden. Der im Streuobstbau Engagierte, der auch vom LOGL (Landesverband für Obstbau, Garten und Landschaft Baden-Württemberg) zertifizierter Fachwart und Obst- und Gartenbau ist, geht mittlerweile so weit, dass er sagt, dass es nur Sinn macht Bäume zu pflanzen, wenn sie gegossen werden.

Naturschützer fordert Konsequenzen

Der Experte ist mit seiner Meinung nicht alleine. Er ist auch Mitglied beim Obst- und Gartenbauverein Sachsenheim. Deren beide Vorsitzende Joachim Zimmermann und Thomas Wörner haben dieses Jahr schon zweimal darauf hingewiesen, dass neu gepflanzte Hochstämme gegossen werden sollen. Zudem soll die Baumscheibe von Bewuchs freigehalten werden. ,,Es wird immer schwieriger, die Pflanzungen durchzubringen“, meint der Naturschutzwart. Zornig wird der Fachwart, wenn der Klimaawandel geleugnet und gehofft wird, dass es bald kühler wird und Regen einsetzt. ,,Wir sind nun lange genug von der Wissenschaft gewarnt worden. Die von mir geschilderten beiden Probleme verdeutlichen, es ist schon 5 nach 12“, heißt es abschließend in der Pressemitteilung des Schwäbischen Albvereins. (red)