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Zwischenlager

Atommüll soll noch länger bleiben

Ende 2022 soll das letzte Atomkraftwerk in Deutschland vom Netz gehen. Übrig bleiben 1900 Behälter mit radioaktivem Abfall. Weil es dafür bisher kein Endlager gibt, soll der Atommüll wohl länger in den Zwischenlagern bleiben. Die Bürgermeister von Neckarwestheim und Gemmrigheim sehen sich in ihren Befürchtungen bestätigt.

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Die Genehmigung für das GKN-Zwischenlager läuft Ende 2046 aus. Doch sehr wahrscheinlich bleiben die Castoren noch viele Jahre länger in Neckarwestheim. Archivfoto: Alfred Drossel

Neckarwestheim/Gemmrigheim. Bestehende Atommüll-Zwischenlager ohne Sicherheitsprobleme sollen in Betrieb bleiben, bis ein Endlager für den hoch radioaktiven Abfall gebaut ist. So der Vorschlag von Wolfram König, Chef des Bundesamts für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE). Es sei nicht nachvollziehbar, warum Lager ohne Anhaltspunkte für Sicherheitsdefizite aufgelöst werden sollten, meint König.

Die Bürgermeister von Gemmrigheim und Neckarwestheim sehen sich durch diese Forderung in ihren Befürchtungen bestätigt. Monika Chef (Gemmrigheim) betont: „Das ist leider keine Überraschung. Das GKN-Zwischenlager wird so zum heimlichen Endlager.“ Ihr Amtskollege Jochen Winkler (Neckarwestheim) meint: „Gefühlt sind wir schon jetzt ein Endlager.“

Die einstige Begrenzung der Genehmigungen für Zwischenlager auf 40 Jahre habe keine Sicherheitsgründe gehabt, sagte König in Berlin. „Ich kenne keinen einzigen Fall, wo wir derzeit Unsicherheiten haben.“ Man könne aber nicht ausschließen, dass sich das einmal ändere. Klar sei, dass die Sicherheit auch in Zukunft angesichts neuer Bedrohungen gewährleistet werden müsse. Er halte das schnelle Räumen dezentraler Lager nicht für realistisch, sondern für eine populistische Forderung. Würden die Zwischenlager nach Ablauf der Genehmigungen aufgelöst, würde dies den Transport von bis zu 1900 Behältern mit hochgefährlichen Stoffen auf Straßen und Schienen bedeuten. Und das Ziel dieser Transporte wäre dann wieder nur eine Zwischenstation. Denn ein Endlager ist bis dahin aller Voraussicht nach noch nicht gefunden.

In Deutschland sollen Ende 2022 die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen – darunter auch das GKN II in Neckarwestheim. Bis zum Jahr 2031 soll ein Standort für ein Endlager gefunden werden, Mitte des Jahrhunderts könnte es in Betrieb gehen. Doch sollte dieser Zeitplan wirklich eingehalten werden – was ziemlich unwahrscheinlich ist –, sind bis dahin bereits die meisten Genehmigungen für die Zwischenlager abgelaufen. Mit am längsten in Betrieb ist das auf Gemmrigheimer Markung gelegene GKN-Zwischenlager. Es gilt außerdem als vergleichsweise zukunftsfähig, da es in Tunnelröhren in einem Steinbruch untergebracht ist.

Was bedeutet das nun für Neckarwestheim, wo seit dem vorigen Jahr auch Castoren aus Obrigheim lagern? Monika Chef glaubt, dass die Politik kein Interesse daran hat, ernsthaft nach einem Endlager zu suchen. „Das ist eine Unverschämtheit“, ärgert sie sich. Jochen Winkler geht davon aus, dass das GKN-Zwischenlager noch viele Jahrzehnte in Betrieb sein wird – auch nach Ablauf der Genehmigung, die Ende 2046 ausläuft. Dass bis zum Jahr 2031 ein Endlager gefunden wird, hält er für „nicht realistisch“. Die Erfahrung zeige, dass die Zeit nicht reichen werde.

Habe man sich auf ein Endlager geeinigt, müsse dort zeitnah ein zentrales Eingangslager für abgebrannte Brennelemente entstehen, in das dann die Castoren aus den Zwischenlagern gebracht werden können, wiederholt Winkler eine Forderung, die die Standortkommunen der deutschen Atomkraftwerke bereits im vergangenen Jahr bei einem Treffen in Neckarwestheim formuliert hatten. Dies wäre zumindest ein positives Signal an die betroffenen Kommunen. Außerdem müssten die Städte und Gemeinden eine Entschädigung erhalten, wenn sie den Atommüll länger als vereinbart duldeten. So könne man den politischen Druck erhöhen.

Und natürlich müssten auch weiterhin die Sicherheitsstandards in den Zwischenlagern gewährleistet sein, betonen Chef und Winkler. Dazu will das BfE einen Dialog mit den Betroffenen organisieren.