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Bahnhof: Bildschirm statt Schalter erregt Unmut

Ein Mensch auf der Mattscheibe soll künftig am Marbacher Bahnhof den Menschen hinter dem Schalter ersetzen. „Video-Reisezentrum“ nennt sich das; einen Stadtrat ärgert das gewaltig und auch der Bürgermeister ist sauer. Denn die Entscheidung sei über die Köpfe von Gemeinderat und Verwaltung hinweg gefallen.

Ein Video-Reisezentrum soll den Schalter am Marbacher Bahnhof ersetzen. Foto: Holm Wolschendorf
Ein Video-Reisezentrum soll den Schalter am Marbacher Bahnhof ersetzen. Foto: Holm Wolschendorf

Marbach. Bei seiner jüngsten Sitzung hat der Verkehrsausschuss der Region beschlossen, in sechs Bahnhöfen sogenannte „Video-Reisezentren“ zu installieren, und zwar in vier Bahnhöfen zusätzlich zum Schalter, in Marbach und Korntal aber anstelle des Schalters. Wer einen Fahrschein kaufen und eine Auskunft haben möchte, spricht dann nicht mehr mit dem Menschen, der vor ihm sitzt, sondern drückt einen Knopf und kommuniziert mit dem Bahn-Mitarbeiter auf dem Bildschirm. Auf diese Art „können die Servicezeiten ausgeweitet werden“, freut sich der Verband Region Stuttgart in einer Pressemitteilung – nämlich von 6 bis 19.30 Uhr unter der Woche und von 8 bis 18 Uhr am Wochenende. (Derzeitige Öffnungszeiten: Montag 7.45 bis 13 Uhr und 14 bis 18 Uhr, Dienstag bis Freitag 9 bis 13 Uhr und 14 bis 18 Uhr.)

Nach Freuen war CDU-Stadtrat Jochen Biesinger allerdings nicht zumute. Er sei „maßlos entrüstet“, sagte er bei der jüngsten Gemeinderatssitzung, dass die Region den „personenbedienten Verkauf“ einstelle, ohne die Kommune zu informieren. Eigentlich sollte man die Umlage kürzen, die Marbach an die Region zahlt, schlug er verärgert vor. Im Übrigen verstoße die Schalterschließung gegen den S-Bahn-Vertrag. Mit seinem Ärger war Biesinger nicht allein. Auch Bürgermeister Jan Trost war sauer, zumal er von dem Plan eher zufällig erfahren habe. Die Schalterschließung treffe vor allem ältere Menschen, die gern am Schalter einen Fahrschein kaufen und sich beraten lassen, glaubt Trost, denn wer internetaffin ist, buche seine Tickets auch heute schon online.

Dass die Entscheidung über die Köpfe der Kommunen hinweg gefallen sei, „das hat mich gefuchst“, sagt der Bürgermeister im Gespräch mit unserer Zeitung. Zwei Tage vor der Entscheidung sei er von der Bahn angerufen und um ein Gespräch gebeten worden. Trost: „Aber ist das dann überhaupt noch sinnvoll?“ Er gab sich die Antwort gleich selbst: „Nein!“

Immerhin sei es doch eine weitreichende Entscheidung; in die hätte die Stadt einbezogen werden müssen, findet er. Sein Schreiben an die Vorsitzenden aller Fraktionen in der Regionalversammlung hatte keinen Erfolg: Eine Mehrheit aus Grünen und CDU lehnte es ab, das Thema zunächst in den Gemeinderäten behandeln zu lassen. Bei der Region spricht man von einer „Pilotphase“, aus der erst nach positiver Resonanz eine Dauereinrichtung werden soll. Daran glaubt Trost aber nicht: „Was weg ist, ist weg.“

Wolfgang Hoepfner, Regionalrat der Linken und Kenner des öffentlichen Nahverkehrs, sieht dagegen eine „klare Serviceverbesserung“. Das Thema werde schon seit einiger Zeit diskutiert, die Kommunen hätten Bescheid wissen und sich einbringen können. Trosts Ärger nennt er „wohlfeilen Alarmismus“.

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