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Geschichte

Der Holocaust im Schwabenland

Bei der „Liquidierung“ des sogenannten „Familienlagers“ in Auschwitz-Birkenau am 11. und 12. Juli 1944 wurden auch Sidonie und Moritz Herrmann ins Gas getrieben, die letzten Freudentaler Juden. Zwei Wochen später begann die Deportation von über 2000 polnischen Juden ins Schwabenland. Ihr Weg führte vom KZ Radom über die „Selektion“ auf der Rampe von Birkenau und endete in Vaihingen. Im dortigen Konzentrationslager wartete, nur 15 Kilometer von Freudental entfernt, die „Vernichtung durch Arbeit“ auf sie.

Der heute 91-jährige Izhak Akerman ist einer der letzten Überlebenden der Lager in Vaihingen und Unterriexingen. Fotos: Jörg Becker
Der heute 91-jährige Izhak Akerman ist einer der letzten Überlebenden der Lager in Vaihingen und Unterriexingen. Foto: Jörg Becker

Vaihingen/Markgröningen. „Ich bin ein medizinisches Wunder“, sagt Izhak Akerman und lacht trocken. Er erholt sich wieder einmal in Bad Wörishofen, dem Kurbad im Allgäu, aus dem er im Oktober 1946 als „geheilt“ entlassen wurde. Damals, noch keine 19 Jahre alt, hatte er die Konzentrationslager Vaihingen und Unterriexingen überlebt, war – bis auf die Knochen abgemagert und als kaum noch lebensfähiger „Muselmann“ – am 29. April 1945 von der Siebten US-Armee in Dachau befreit worden. Wirklich geheilt war er aber auch anderthalb Jahre später nach Aufenthalten in diversen Krankenhäusern nicht. „Ich habe seit dem Lager alle möglichen Krankheiten“, erzählt Akerman. „Aber die Festplatte funktioniert noch!“

Tatsächlich: Izhak Akermans Gedächtnis arbeitet präzise, seine Erinnerungen sind frisch und lebendig geblieben. Nur viele Daten, räumt er ein, seien für ihn kaum noch zuverlässig zu rekonstruieren. Da freilich können meist Historiker mit ihren Quellen einspringen. Etwa im Blick auf die Ereignisse vor 75 Jahren, im Hochsommer 1944: Als sich die Rote Armee Radom näherte, räumten die Nazis die letzten Reste des dortigen KZ Szkolna. Es war unmittelbar nach der „Auflösung“ des Vernichtungslagers Majdanek am 23. Juli 1944, die Daten für Radom schwanken auch in Geschichtsbüchern zwischen 24., 25. und – dem wahrscheinlichsten Datum – 26. Juli: Die letzten von einst über 30 000 Radomer Juden wurden auf einen Todesmarsch gen Westen geschickt, in die 120 Kilometer entfernte Stadt Tomaszów Mazowiecki. Unter ihnen war der 16-jährige Akerman – seine Eltern hatten die Nazis bereits im Radomer Ghetto ermordet. Auch seiner betont sachlichen Schilderung hört man an, wie lebhaft ihm die Schrecken des mehrtägigen Fußmarsches hungriger, erschöpfter Häftlinge noch vor Augen stehen: „Wer nicht mehr gehen konnte, den hat man auf einem Fuhrwerk fahren lassen. Bei nächster Gelegenheit ist es in einen Wald gefahren. Dann hat man ein paar Schüsse gehört. Als das Fuhrwerk zurückkam, waren die Leute nicht mehr da.“

Nach ein paar Tagen in einer aufgelassenen Fabrik ohne sanitäre Anlagen wurden die Radomer in Viehwaggons verladen – die sie auf der Rampe von Birkenau wieder verließen, vermutlich am 6. August 1944. In Birkenau hatte die sogenannte „Ungarn-Aktion“ ihren Höhepunkt überschritten, die Schornsteine der Krematorien rauchten weiter fast ohne Unterlass. „Ich kann dieses Inferno, die Atmosphäre auf der Rampe, nicht beschreiben – den Gestank, die grau-schwarze Wolke über allem, die geisterhaft mager wirkenden Menschengestalten ohne Haare hinter Stacheldraht.“

Auch die Radomer wurden selektiert, möglicherweise vom berüchtigten Josef Mengele. Der 16-jährige Izhak Akerman hatte Glück, seine älteren Vettern Nathan und Hershel Tyrangel nahmen ihn in die Mitte: „Ich bin zwischen meinen Cousins gegangen, einer links, einer rechts, und konnte sozusagen auf Zehenspitzen am selektierenden SS-Arzt vorbei.“ Die als arbeitsfähig taxierten Männer wurden direkt wieder in die Viehwaggons geschickt, mit denen sie gekommen waren.

Nach einigen Tagen kommt der „Transport“ in Bietigheim an. Dort werden 2187 Juden aus Radom im Durchgangslanger hinter dem Bahnhof gebadet, entlaust und in sechs kleineren „Transporten“ ab dem 11. August 1944 nach Vaihingen gebracht, wo eben ein KZ mit fünf Baracken entstanden ist. Kommandant und Wachmannschaft – „volksdeutsche“ SS, die teilweise schon in Majdanek und Radom eingesetzt war, wo sie die ukrainischen „Trawniki“ abgelöst hatte – sind gerade erst im Glattbachtal eingetroffen.

Die schlechte Behandlung durch die SS, ja sogar einen Teil ihrer Wächter hätten die Radomer also bei ihrer Ankunft schon gekannt, sagt Akerman. Neu aber seien ihm die erkennbar sinnlose Arbeit und das systematische Aushungern der Häftlinge gewesen: „Auch in Radom waren wir nicht satt, aber noch nicht ausgehungert. In Vaihingen und Unterriexingen wurde es katastrophal.“ Ebenfalls mörderisch waren die Arbeitsbedingungen auf der Baustelle „Stoffel“ – einem aufgegebenen Steinbruch, in dem die Nazis eine unterirdische Flugzeugfabrik bauen wollten: „Die Leute der Organisation Todt machten die professionelle Arbeit. Es gab Sprengungen am Steinbruch, und wir Juden mussten Steine schleppen, sie in Loren verladen und aus ihnen ausladen. Das war meine Hauptaufgabe.“

Bereits im Oktober geben die Nazis das Projekt „Stoffel“ auf – die jüdischen Zwangsarbeiter werden auf Unterriexingen und andere Konzentrationslager in Württemberg verteilt. Izhak Akerman kommt ohne seine Cousins nach Unterriexingen, ist als noch 16-Jähriger erstmals auf sich allein gestellt. Er entsinnt sich der Arbeitskommandos beim Startbahnbau auf dem Sachsenheimer Militärflugplatz, beim Stollenbau in Untermberg, besonders aber der Arbeitseinsätze nach Bombenangriffen auf Stuttgart, Kornwestheim, Ludwigsburg oder Mühlacker. Die Aufräumkommandos mussten in aller Frühe zum Bahnhof nach Großsachsenheim ausrücken, wurden in Viehwaggons zum Einsatzort gebracht. „Wer Massel hatte, konnte eine Schaufel erwischen, die anderen mussten mit bloßen Händen arbeiten.“ Erst spätabends ging es zurück nach Sachsenheim: „Auf dem Marsch ins Lager trafen wir auf die ausmarschierende andere Kolonne, die nachts arbeiten musste. Man versuchte, vorne zu marschieren. Denn stets mussten die letzten Reihen die Leichen derer zurück ins Lager tragen, die während des Tages gestorben oder beim Marsch zusammengebrochen waren.“ Die toten Körper wurden im Mittelgang der Baracken in Holzkisten gelegt und gesammelt – und oft erst nach Tagen im Massengrab am Hang oberhalb der Straße nach Oberriexingen begraben. „Das war das Furchtbarste“, sagt Akerman.

Schwerstkrank und abgemagert kehrte er Anfang 1945 zurück nach Vaihingen: Das KZ dort firmierte inzwischen offiziell als Krankenlager, tatsächlich diente es als Sterbelager. Izhak Akerman hatte Glück: Ein weiterer Cousin, Abraham Speisman, war auf dem Neurath’schen Gut beschäftigt – und Irmgard von Neurath, die Schwägerin von Hitlers Außenminister und Reichsprotektor, behandelte die bei ihr arbeitenden Häftlinge gut, so dass auch für Speismans Vetter Akerman ab und zu etwas zu essen abfiel. Auch ein deutscher Soldat, der ihn einmal allein bewachte, teilte seine Mahlzeit mit ihm und meinte selbstmitleidig: „Du hast es gut! Der Krieg ist bald vorüber und du hast gute Chancen, ihn zu überleben. Dann steht dir alles offen. Ich bin Sudetendeutscher, ich werde meine Heimat nie wiedersehen. Und Deutschland wird ein riesiger Kartoffelacker sein!“

Als das KZ Vaihingen vor der Befreiung durch die Franzosen stand, litt Izhak Akerman an schwerer Diarrhö und Tuberkulose. Aber er konnte noch gehen: nach Bietigheim – und weiter im Viehwagen nach Dachau. Dort wäre er fast noch gestorben, inzwischen ein so gut wie verhungerter „Muselmann“. Eines Morgens brach er beim „Appell“ zusammen – ein Todesurteil. Doch ein nichtjüdischer Häftling hakte ihn unter, flüsterte ihm zu: „Halt durch, gibt nicht auf! Morgen kommen die Amerikaner!“ Dieser Mann, sagt Akerman, „hat mir das Leben gerettet.“ Am nächsten Tag wurde er befreit und danach über anderthalb Jahre in diversen Kliniken aufgepäppelt.

Doch viele Leidensgenossen sind noch nach ihrer Befreiung gestorben, so Jakub Nyss und Hirsz Harczyk im Pflegeheim in Freudental. Dort heißt es, sie seien Überlebende aus Vaihingen gewesen, Belege aus Vaihingen fehlen indes. Zumindest Nyss kam aber aus Radom. Beide sind auf Freudentals jüdischem Friedhof bestattet. Dort, wo den ermordeten Freudentaler Juden ihr Grab verwehrt blieb.

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