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Diskussion um mögliche Verlängerung von Atomkraftwerk Neckarwestheim: Auch das Uran kommt von Putin

Steht Deutschland vor dem zweiten Ausstieg aus dem Atomausstieg? Die maßgeblichen Ministerien in Bund und Land sagen: Nein! Auch die EnBW geht fest davon aus, dass Neckarwestheim II Ende dieses Jahres vom Netz geht

Das Atomkraftwerk Neckarwestheim. Block I (rechts) ist seit dem Gau von Fukushima 2011 abgeschaltet, Block II (links) soll zum Jahresende vom Netz gehen. Zwischen den Reaktoren steht bereits die Rückbaufabrik. Archivfoto: Alfred Drossel
Das Atomkraftwerk Neckarwestheim. Block I (rechts) ist seit dem Gau von Fukushima 2011 abgeschaltet, Block II (links) soll zum Jahresende vom Netz gehen. Zwischen den Reaktoren steht bereits die Rückbaufabrik. Archivfoto: Alfred Drossel

Neckarwestheim. Günther Oettinger fordert sie, wie schon 2005 als damaliger baden-württembergischer Ministerpräsident. Markus Söder ist dafür, der FDP-Wirtschaftspolitiker Andreas Pinkwart, das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft – und die AfD sowieso: Politiker und Lobbyisten verlangen längere Laufzeiten für die drei noch im Betrieb befindlichen deutschen Atomkraftwerke. So, argumentieren sie, lasse sich die Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas klimaneutral lösen.

Zahlen und Fakten zu GKN II

• 193 Brennelemente mit 18 mal 18 quadratisch angeordneten Stäben bilden den Reaktorkern des Atomkraftwerks Neckarwestheim II. Um den Meiler mittelfristig weiter betreiben zu können, müsste er zunächst komplett neu beladen werden.

• 19 Brennelemente passen in einen Castor V/19, den Standardbehälter im Standort-Zwischenlager Gemmrigheim. Es verfügt über 151 Castor-Stellplätze, aktuell belegt sind 94. Bleibt es bei der planmäßigen Abschaltung von GKN II zum Jahresende, werden insgesamt 119 Stellplätze gebraucht. Mit einer kompletten Neu-Beladung von GKNII kämen weitere elf Castoren V/19 mit hoch radioaktivem Atommüll hinzu.

Doch anders als 2010, als die zweite Regierung Merkel aus dem rot-grünen Atomausstieg ausstieg, um sich ein Jahr später korrigieren und den zweiten Ausstieg beschließen zu müssen, sind die Schlüsselministerien in Bund und Land diesmal allesamt in grüner Hand. Zudem lehnen nicht nur Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, seine Umwelt-Kabinettskollegin Steffi Lemke und die baden-württembergische Ressortchefin Thekla Walker eine Laufzeitverlängerung für Neckarwestheim II – wie für Emsland bei Lingen und Isar2 bei Landshut – einhellig als nicht zielführend ab. Vielmehr winken auch die deutschen Stromkonzerne diesmal, ganz anders als vor zwölf Jahren, ab. Und das hat gute Gründe.

Die Wirtschaftlichkeit

Die Ansage der EnBW-Zentrale ist glasklar: Der geltende „gesetzliche Rahmen schließt eine Stromproduktion in deutschen Kernkraftwerken über den 31. Dezember 2022 hinaus eindeutig aus“, heißt es in Karlsruhe. Die Bestückung des Reaktors mit Brennelementen sei daher „insgesamt so berechnet“, dass GKN II auch nur so lange Atomstrom produzieren könne. Ein weiterer Betrieb wäre mit der aktuellen Beladung des Reaktors allenfalls „noch für wenige Wochen bei verminderter Leistung möglich“ – und über weitere, neue Brennelemente verfüge die EnBW nicht.

Theoretisch wäre es zwar auch möglich, die Produktion sofort zu drosseln und damit zu strecken – doch das ergäbe zwar eine längere Laufzeit, unterm Strich aber keine höheren Strommengen.

Mit anderen Worten: Für eine effektive Laufzeitverlängerung in Neckarwestheim müsste die EnBW 193 neue Brennelemente beschaffen. Doch die gibt es nicht im Atomkaufhaus von der Stange: Die Brennelemente müssen vielmehr für jede Anlage maßgeschneidert werden. Und das dauert – Habeck und Lemke sprechen in einem gemeinsamen Prüfvermerk von 18 bis 24 Monaten.

Die EnBW lehnt eine Beantwortung dieser Frage ab – man äußere sich nicht zu Fragestellungen „rein hypothetischer Natur“. Die Isar-2-Betreiberin Preussen-Elektra hingegen bestätigt die Einschätzung der beiden Bundesministerien: „Nach einer ersten Abschätzung gehen wir davon aus, dass frische Brennelemente in gut 1,5 Jahren zur Verfügung stehen könnten“, sagte eine Konzern-Sprecherin der Rheinischen Post.

Das aber bedeutet: Zusätzlichen Strom könnten die drei Atomkraftwerke auch bei einer Laufzeitverlängerung frühestens Ende 2023 liefern – ein Jahr zu spät für eventuelle Versorgungslücken im Winter 2022/23, die ohnehin eher bei der Wärme- als bei der Stromproduktion drohen.

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Hinzukommt, dass das natürliche Uran, das für die Brennstaberzeugung benötigt wird, in der EU nach Angaben der Euratom-Versorgungsagentur ESA zu 42 Prozent aus Russland und den Kreml-Vasallenstaaten Kasachstan und Usbekistan kommt. Einige osteuropäische EU-Staaten sind mit ihren Druckwasser-Reaktoren sowjetischer Bauart sogar komplett von angereichertem Uran aus Russland abhängig. Deutschland müsste also entweder russisches Uran kaufen, um russisches Erdgas zu ersetzen – oder sich weltweit nach neuen Lieferanten umsehen, so wie Robert Habeck dies gegenwärtig für die fossilen Energieträger tut.

Betriebswirtschaftlich von Belang sind schließlich auch die Personal- und Anlagenplanungen der AKW-Betreiber. EnBW etwa hat schon 2016 die Genehmigung für Stilllegung und Abbau auch von GKN II beantragt und inzwischen die komplette Rückbau-Infrastruktur errichtet. Der Rückbau könnte also zeitnah beginnen. Im Falle eines Weiterbetriebs sähen die Stromkonzerne daher den Bund als „Quasi-Eigner“ in der Pflicht – mit voller Finanzverantwortung für die drei Meiler.

Das Atomrecht

Wie die EnBW zu Recht feststellt, kann sie das GKN II auf der Basis des geltenden Atomrechts nicht übers Jahresende hinaus betreiben. Der weitere Betrieb bedürfte also einer gesetzlichen Regelung per Fristverlängerung im Atomgesetz. Dadurch würde zwar keine komplette Neugenehmigung der Anlage nötig, sehr wohl aber eine neue Umweltverträglichkeitsprüfung und eine neue Risikoabwägung. Unter dem Eindruck der russischen Angriffe auf die ukrainischen Atomanlagen in Tschernobyl und Saporischschja kämen dabei aus Sicht der Bundesregierung auch „neue Gefährdungsszenarien“ zum Tragen.

Die Sicherheitsfrage

Sowohl GKN II als auch Isar 2 und Emsland laufen derzeit mit Ausnahmegenehmigungen, die ihnen nur im Hinblick auf ihre baldige Abschaltung eingeräumt wurden: Eigentlich hättensie2019 eine turnusgemäß alle zehn Jahre anstehende Sicherheitsüberprüfung durchlaufen müssen. Diese müsste bei einer Laufzeitverlängerung zwingend und umgehend nachgeholt werden. Ob die über 300 durch Rostfraß entstandenen Risse in den Dampferzeugern – also an der Schnittstelle von nuklearem Primär- und nicht-nuklearem Sekundärkreislauf von GKN II – einem solchen, auch hinsichtlich möglicher Störfälle grundlegenden Sicherheitscheck standhielten, gehört zu den laut EnBW „rein hypothetischen“ Fragen, die der Konzern nicht beantwortet. Wegen dieser Risse fordern Bürgerinitiativen und Umweltverbände längst die Abschaltung des Meilers – und zwar sofort.

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