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Schule

Ein Virus, viel Stoff, wenig Unterricht

Die Schulen sind zu, der digitale Unterricht lässt viele Schüler mit dem Unterrichtsstoff allein. Vor allem Schwächere fühlen sich beim Homeschooling abgehängt. Kein Wunder, dass bei Schülern und Eltern die Frage nach Chancengleichheit laut wird. Ein Wiederholen des Schuljahrs wird ebenso angeregt wie Samstagsunterricht. Unsere Zeitung hat Stimmen eingefangen.

Hochgestellt sind die Stühle in einem leeren Klassenzimmer. Der Unterricht muss digital stattfinden. Foto: Jan Woitas/dpa
Hochgestellt sind die Stühle in einem leeren Klassenzimmer. Der Unterricht muss digital stattfinden. Foto: Jan Woitas/dpa

Kreis Ludwigsburg. Der Jahreswechsel ist in vielen Schulen eine heiße Phase. Vor Weihnachten werden viele Klassenarbeiten geschrieben, im Januar noch einige Wissensstände geprüft. Schließlich steht die Austeilung der Halbjahresinformationen an. Die Schulschließung und Probleme mit dem digitalen Unterricht lassen allerdings viele Schüler und deren Eltern mit Sorgen zurück. So wie Ralf Karcher (Name von der Redaktion geändert), dessen zwei Söhne in ein Ludwigsburger Gymnasium (10. und 11. Klasse) gehen. „Über die Bildungslücke, die der erste Lockdown hinterlassen hat, ist man hinweggaloppiert“, beschwert sich Karcher. Viele Schüler hätten diese Lücken behalten, die dadurch entstanden seien, dass von März bis zu den Sommerferien nur wenig Unterricht stattgefunden habe. Auch der Onlineunterricht, aus dem der Lernertrag deutlich geringer sei als aus dem Präsenzunterricht, habe seinen Teil dazu beigetragen. Im Gymnasium seiner beiden Söhne hätten es die Lehrer bis zu den Sommerferien nicht geschafft, sich bei der Lernplattform Moodle anzumelden und darüber wenigstens Aufgaben zu verschicken. Digitaler Unterricht mit der Vermittlung von Inhalten werde auch heute nur sehr spärlich angeboten. „Oft sieht das folgendermaßen aus“, sagt Karcher. „Die Schüler melden sich bei Moodle an, holen sich ihre Aufgaben ab und melden sich wieder ab.“ Bis Anfang vergangener Woche habe sein großer Sohn seit Beginn des Schuljahrs gerade mal vier Klassenarbeiten geschrieben. „Wie soll auf diese Weise ein Leistungsnachweis erfolgen?“, möchte Karcher wissen. Schließlich würden die Noten aus dem ersten Halbjahr voll in das Abiturzeugnis einfließen. „Es findet zu wenig Schule statt“, kritisiert der Vater. Es sei zudem eine Frage der Bildungsgerechtigkeit, wenn in einer Schule digitaler Unterricht gut funktioniere, an einer anderen nicht. Am Ende werde an allen Schulen das gleiche Abitur geschrieben. Er regt daher an, dass alle Schüler die Möglichkeit erhalten, das Schuljahr freiwillig wiederholen zu können. „Wenn das Jahr nicht zählen würde, würden das meine beiden Söhne gerne wiederholen“, sagt Karcher. Um die entstandenen Lerndefizite aufzufangen, regt er außerdem an, den Schülern für einen gewissen Zeitraum Samstagsunterricht anzubieten. „In Kombination mit Hybridunterricht könnten auf diese Weise Lücken geschlossen werden“, sagt Karcher.

Eine Elftklässlerin eines anderen Ludwigsburger Gymnasiums möchte das Schuljahr dagegen keineswegs wiederholen. „Ich fände es total ärgerlich, wenn man wegen Corona ein Jahr länger in die Schule gehen müsste“, äußert sie sich gegenüber unserer Zeitung. Man dürfe jetzt nicht auch noch bestraft werden, der Unterricht finde schließlich statt. „Bei uns läuft’s gut, es gibt Videokonferenzen, Aufgaben – das ist genau richtig. Jeder lernt was.“ Beim Unterrichtsstoff müsse man eben aktiv werden und die Aufgaben selber angehen. „Außerdem findet jedes Fach statt.“ Inzwischen sei man nicht mehr nur auf Moodle angewiesen, jeder habe auch einen Zugang zu Office 365; das funktioniere besser, auch würden die Lehrer verstärkt darauf setzen. Die 16-Jährige ist überzeugt, dass auch andere in ihrer Klassenstufe das so sehen und kein Interesse daran haben, die Schulzeit zu verlängern.

Ihre Eltern finden es „vorbildlich, wie die Schüler sich mit Videokonferenzen und Lernplattformen schnell und unkompliziert immer wieder auf Neues einstellen“. Solange Lehrer und Schüler in engem Kontakt stehen, funktioniere auch das Lernen, der Unterrichtsstoff könne ausreichend gut vermittelt werden. Für Schüler, die weniger eigeninitiativ sind, könnten Zusatzangebote gemacht werden, auch könnte die Idee weiterhelfen, Lehramtsstudenten einzubinden, die ergänzend Lerngruppen übernehmen. „Hauptziel muss sein, dass die Schulen so unterrichten, dass der nötige Unterrichtsstoff vermittelt werden kann“, so die Eltern der Schülerin.

„Wenn es nach mir gegangen wäre“, so die Gesamtelternbeiratsvorsitzende der Freiberger Oscar-Paret-Schule (OPS), Monika Michelfelder, hätte ich das letzte Schuljahr schon wiederholen lassen.“ Es gebe immer Schüler, die mit besonderen Situationen gut zurechtkommen und andere nicht. Ihr Sohn beispielsweise habe eine Chemiearbeit mit Stoff aus sechs Wochen geschrieben, wobei er wegen Krankheit, Quarantäne, Krankheit der Lehrerin und ausgefallenen Stunden an keiner einzigen Chemiestunde teilgenommen habe. Youtube-Videos und Google hätten den Unterricht ersetzt. In Biologie und Physik habe er dagegen bisher noch keine einzige Arbeit geschrieben. „Sie können sich ausrechnen, wie gut und fair eine Leistungsmessung hier ist“, so Michelfelder auf Anfrage unserer Zeitung. Stoff, der nicht vermittelt wird, könne nicht prüfungsrelevant sein. „Eine faire Leistungsmessung kann gar nicht mehr stattfinden“, sagt sie und spricht von „Teilzeitschule“. Der Onlineunterricht an der OPS funktioniere, doch nicht jeder Schüler habe daheim ein eigenes Zimmer, nicht jedes Elternteil ein eigenes Büro und nicht jeder Lehrer ein Arbeitszimmer, um in Ruhe arbeiten zu können. Der Unterricht am Computer sei für Schüler viel anstrengender als der Präsenzunterricht. „Das Umfeld Schule ist nicht zu ersetzen“, sagt Monika Michelfelder, weshalb sie für eine Wiederholung des Schuljahrs ist. Die Situation sei „einfach nur traurig“.

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