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Bildung

Eine Schulart wird abgewickelt

In Markgröningen haben die letzten Werkrealschüler ihre Zeugnisse bekommen. Jetzt bleiben im Landkreis nur noch Ludwigsburg und Hohenhaslach als Standorte übrig. Wie konnte es so weit kommen?

Die Letzten ihrer Art: Markgröninger Werkrealschüler auf der Abschlussfeier in der Ludwig-Heyd-Schule. Foto: Andreas Becker
Die Letzten ihrer Art: Markgröninger Werkrealschüler auf der Abschlussfeier in der Ludwig-Heyd-Schule. Foto: Andreas Becker
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Kreis Ludwigsburg. Manchmal half an der Ludwig-Heyd-Schule in Markgröningen in den vergangenen Monaten nur noch Galgenhumor weiter. „Ich war immer diejenige, die das Licht ausgemacht hat“, sagt die Lehrerin Irmgard Gerock. Seit Freitag wird sie es auch nicht mehr anknipsen – zumindest nicht mehr für die Werkrealschüler. Die letzten 15 haben jetzt ihre Abschlusszeugnisse auf einer kleinen Feier bekommen – zwölf gehen mit einem mittleren Bildungsabschluss, drei mit einem Hauptschulzeugnis. Ab dem kommenden Schuljahr wird die Markgröninger Einrichtung dann zu einer reinen Grundschule. Wie so viele vor ihr.

„Das ist schon traurig“, sagt die Klassenlehrerin Gerock. „Es schwingt eine Menge Wehmut mit. Wir hatten hier tolle Schüler, die ihren Weg machen werden.“ In den vergangenen Jahren waren es bis zu 50 in zwei Zügen. „Doch es sind immer weniger geworden“, sagt Gerock. „Viele Eltern haben alles gegeben, dass ihr Kind nicht auf eine Werkrealschule muss.“

Das Sterben der Werkrealschulen ist zu einem Massenphänomen geworden – im Land und im Landkreis. Vor zehn Jahren gab es noch 22 Werkrealschulen im Schulamtsbezirk Ludwigsburg und zehn Hauptschulen. Ende Juli 2020 sind noch zwei übrig: Die Hirschbergschule in Ludwigsburg und die Kirbachschule im Sachsenheimer Ortsteil Hohenhaslach. „Sie sind derzeit absolut stabil“, sagt Hubert Haaga, der Leiter des Staatlichen Schulamtes, unserer Zeitung. „Wir hätten uns den Erhalt von ein oder zwei Standorten mehr gewünscht.“ Um die Erreichbarkeit einer Werkrealschule in der Fläche zu sichern.

Im Südwesten ging diese Schulart vor zehn Jahren an den Start, um die Hauptschule zukunftsfest aufzustellen. Die Idee: Kinder und Jugendliche, die sich mit dem Lernen schwertun, individuell zu fördern, die Ausbildungsfähigkeit zu stärken – und das Angebot um mittlere Bildungsabschlüsse auszubauen.

Der Niedergang setzte ein, als die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg die Macht übernimmt. Sie gründete Gemeinschaftsschulen und überließ Eltern die freie Schulwahl. Der CDU-Politiker und heutige Landwirtschaftsminister Peter Hauk prophezeite: „Das große Hauptschulsterben wird bald kommen, mit brachialer Gewalt.“ Im Sommer 2020 weiß auch der Letzte: Hauk hatte recht.

Die Werkrealschüler von heute gehen an Realschulen oder Gemeinschaftsschulen, auch wenn Haaga auf die Frage, welche Schulart an ihre Stelle getreten ist, antwortet: „Keine.“ In seinen Augen haben Gemeinschaftsschulen und Realschulen eigene Profile und Vorgaben.

Die Auswirkungen sind in Markgröningen gut zu beobachten. Dort wird die Realschule seit langem von Schülern überrannt. In den ersten beiden Jahren bleiben Realschüler und Hauptschüler zusammen. Erst in der siebten Klasse wird getrennt. Anhängerinnen der Werkrealschulen, wie die Klassenlehrerin Gerock, kritisieren diese „Stigmatisierung“. Sie beobachtet Frust bei den Schwächeren und ist überzeugt: „Viele Kinder bleiben auf der Strecke.“ Doch zurückdrehen lasse sich das Rad nicht mehr.

Die Abschlussklasse der Ludwig-Heyd-Schule hat es immerhin geschafft, trotz Corona und Werkrealschulsterben ihre Laufbahn regulär über die Bühne zu bringen. Vor gut einem Jahr schrieb sie dem Schulamtsleiter Haaga einen Brief, verbunden mit einer höflichen Forderung: Die Klasse trotz geringer Schülerzahlen nicht auf andere Standorte zu verteilen. „Dazu hat viel Kraft und Mut gehört“, sagte Haaga auf der Abschlussfeier am Freitag. „Das hat mich ein Stück weit bewegt“ – und ihn dazu veranlasst, die Klasse in Markgröningen noch nicht abzuwickeln. Die Aktion brachte den Absolventen Lob von Schulleiterin Stephanie Rosenberg ein. Sie rief ihnen zu: „Ihr habt Euch bereits für Euren Schulabschluss stark gemacht, bevor Ihr an der Reihe wart.“

Der Bürgermeister Rudolf Kürner ist überzeugt, dass die letzten Markgröninger Werkrealschüler nun Möglichkeiten „in Hülle und Fülle“ haben werden. „Unsere Handwerksbetriebe suchen händeringend Auszubildende.“ Und auch an weiterführenden Schulen gebe es in der Schulstadt Markgröningen keinen Mangel.

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