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Freudental 1938: Ein letzter Sommer der Illusionen

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Im Weizen: Hermann Rosenfeld.
Im Weizen: Hermann Rosenfeld.
Postkartenidyll: Auf dem Weg Richtung Hohenhaslach.
Postkartenidyll: Auf dem Weg Richtung Hohenhaslach.
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Tankstelle 1938: Ackerbau vor der Motorisierung.
Tankstelle 1938: Ackerbau vor der Motorisierung.
Bauer Herrmann mit dem Balkenmäher.
Bauer Herrmann mit dem Balkenmäher.
Adolf Herrmann auf dem Schlepprechen.
Adolf Herrmann auf dem Schlepprechen.
Rast: Moritz Herrmann, Max und Hermann Rosenfeld.
Rast: Moritz Herrmann, Max und Hermann Rosenfeld.

Viele Jahre lang befand sich die Pappkiste vergessen in einem Schrank an der nördlichen Pazifikküste der USA. Die Publizistin Toby Sonneman entdeckte sie wieder, kurz bevor sie im Herbst 2017 zu einer Reise nach Deutschland aufbrach. Sie hatte zwei ihr bereits vertraute Ziele: In Mannheim war ihr Vater – der sich in Amerika Eric Sonneman nannte – aufgewachsen, aus Freudental stammte ihre Großmutter Berta. Enkelin Toby, Autorin mehrere Sachbücher, erforscht seit Jahren die Geschichte ihrer europäischen Vorfahren im Holocaust. Sie ist häufig in Freudental zu Gast und gab dem dortigen kommunalen Arbeitskreis Erinnern und Gedenken den Impuls zur Schaffung des vor einem Jahr angepflanzten „Gartens der Erinnerung“: Das über 200 Jahre lang wesentlich von Juden geprägte Strombergdorf war ebenso lang, vom frühen 18. Jahrhundert bis 1942, die Heimat der Familie Herrmann, ihrer Ahnen, gewesen.

In dem Karton, auf den Toby Sonneman eher zufällig stieß, befand sich ein Teil des fotografischen Nachlasses ihres Vaters. Negative, die aus der Zeit vor der Emigration Erich Sonnemanns im Winter 1938 stammten. Darunter: ein Konvolut von über 50 Fotografien, die er bei seinem letzten Besuch bei der Freudentaler Verwandtschaft im Sommer 1938 aufgenommen hatte. Eine Datierung, die Sonnemann nicht selbst notiert hat, die aber aufgrund der von ihm fotografierten Personen unzweifelhaft ist. Fotos mithin aus dem Sommer vor den angeordneten Pogromen der „Reichskristallnacht“, einem Sommer, in dem sich viele deutsche Juden – auch in Freudental – trotz der schon bis dahin erlittenen sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Diskriminierung noch der Illusion hingaben, in Deutschland eine Heimat zu haben. Sie zerstob mit den Gräueln des Novembers 1938: Nach dem „letzten Sommer“ – so der Titel der Ausstellung – begann im „Reich“ die systematische und gewaltsame Verfolgung der Juden.

Sonnemann hält sich im Sommer 1938 nicht zufällig bei seinen Freudentaler Angehörigen auf: Schon als Jugendlicher hat er seine Ferien hier verbracht, seinem Onkel Moritz Herrmann, dem einzigen jüdischen Bauern im Dorf, bei der Ernte geholfen. Das ist jetzt nicht anders. Der Unterschied diesmal: Sonnemann plant bereits die Flucht aus Europa, und er hat beim Abschiedsbesuch seine Rolleiflex im Gepäck. Die Freudentaler Fotos sind Erinnerungsbilder, doch die Wehmut, die den Betrachter angesichts des ländlichen Idyll befällt, verwandelt sich beim Innehalten in Schrecken: Mit großer Empathie fotografiert Sonnemann in landwirtschaftlichen Szenen und Porträts eine Welt am Rand des Abgrunds. Fotograf und Fotografierte mögen das ahnen, wissen können sie es noch nicht. Kaum einer der Menschen, denen wir in der Ausstellung begegnen, hat die Shoah überlebt.

info: Die Ausstellung wird am Sonntag, 11.30 Uhr, im PKC, Strombergstraße 19, eröffnet. Das Begleitbuch mit über 50 Abbildungen kostet zwölf Euro.