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Maskenpflicht

Gesichter wie verschlossene Bücher

Für Gehörlose hat die Maskenpflicht durchaus Folgen. Doch Kommunikationsprobleme gab es vorher schon, denn viel zu wenige Hörende beherrschen Grundkenntnisse der Gebärdensprache. Das sollte sich ändern, wünscht sich der Landesverband der Gehörlosen.

Verbirgt sich dahinter ein Lächeln? Oder ein fragendes Gesicht? Foto: Soeren Stache/dpa
Verbirgt sich dahinter ein Lächeln? Oder ein fragendes Gesicht? Foto: Soeren Stache/dpa

Stuttgart. Verschärft die Maskenpflicht die Verständigung zwischen Gehörlosen und Hörenden? Mit einem einfachen Ja ist es nicht getan. Schwieriger wird die Kommunikation, weil für Gehörlose Gestik und Mimik eines Gesichts das Verstehen erleichtern; sie so zum Beispiel erkennen können, ob eine Frage gestellt worden ist oder nicht. Und auch der Wegfall des Lippenlesens hat die Situation komplizierter gemacht, aber: „Gehörlose Menschen können höchstens 30 Prozent der gesprochenen Sprache von den Lippen absehen. Kommunikationsbarrieren gab es also auch schon vor der Maskenpflicht“, sagt Wolfgang Reiner, der Vorsitzende des Landesverbands der Gehörlosen Baden-Württemberg. Bei ihm habe die neue Situation mit den Masken jedenfalls nicht viel geändert. „Es ist immer noch die gleiche Grundsituation, und zwar, dass es Schwierigkeiten in der Kommunikation mit nicht gebärdensprachkompetenten Hörenden gibt“, berichtet der 53-Jährige weiter.

Langfristig helfe es deshalb, „wenn mehr Menschen zumindest Grundkenntnisse in Deutscher Gebärdensprache hätten“. Viele Volkshochschulen würden entsprechende Kurse anbieten. Auch das Fingeralphabet könne weiterhelfen. „Es ist leicht zu erlernen und Worte können einfach mit den Händen buchstabiert werden“, sagt Reiner. Selbst Gehörlose untereinander nutzten das Fingeralphabet, wenn es trotz Gebärdensprache Unklarheiten gebe.

Für die etwa 11.000 Gehörlosen und 33.000 Hörgeschädigten in Baden-Württemberg besteht keine Maskenpflicht. Das ist in der Coronaverordnung des Landes geregelt. Im Begleittext zu der seit dem 27. April geltenden Verordnung steht: „Auch schwerhörige oder gehörlose Menschen, die auf das Mundbild oder eine besonders deutliche Aussprache in der Kommunikation angewiesen sind, sowie deren Begleitpersonen müssen keine Maske tragen.“

Kommunikationsprobleme lassen sich so aber schwerlich lösen. Denn während sich Gehörlose mit der Gebärdensprache trotz Maske unterhalten können, wird es beim Einkaufen wieder kompliziert, weil Verkäuferinnen und Verkäufer einen Mundschutz tragen müssen. Hier könnten transparente Masken helfen, sagt Reiner.

Er selbst trage die Maske dort, wo die Pflicht bestehe, immer. „Ich möchte ja auch meinen Beitrag leisten zur Eindämmung der Coronapandemie.“ Der Landesverband habe seine Mitglieder dazu aufgefordert, die Masken ebenfalls zu tragen „und nur, wenn es in der Kommunikation nicht anders geht, die Masken kurz abzusetzen“.

Durch die Berichterstattung über Regierungspressekonferenzen und TV-Ansprachen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) zur Coronakrise sind die Gehörlosen zuletzt stärker in die Öffentlichkeit gerückt. Auf Drängen des Verbands werden Kretschmanns Statements inzwischen von Gebärdendolmetscherinnen übersetzt. „Für die Gehörlosen in Baden-Württemberg war das ein großer Erfolg“, betont Reiner. „Denn gehörlose Menschen haben das Recht, Informationen zur gleichen Zeit zu erhalten wie hörende Menschen.“ Weil es ständig neue Maßnahmen gebe, sei es „lebenswichtig, gut informiert zu sein“. Corona-Infos gibt es für Gehörlose und Hörgeschädigte mittlerweile auch per Videochat. Dabei können Fragen in Gebärdensprache gestellt werden. Auch das war eine Forderung des Verbands. Mit Blick auf die Barrierefreiheit sind das positive Entwicklungen, sagt Wolfgang Reiner, der hinzufügt: „Wir hoffen, dass diese auch erhalten bleiben, wenn die Coronapandemie abklingt.“

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