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Umwelt

Grüner heizen ohne Ölkessel

Erneuerbare Energien spielen bei der Wärmeversorgung bisher eine untergeordnete Rolle – das soll sich jetzt aber ändern

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Möglingen. Die gut 11.000 Möglinger heizen in Zeiten globaler Klimastreiks immer noch am liebsten mit Energie aus weiter Ferne: In fast jedem Haus stehen Ölkessel. Doch die will die Gemeinde jetzt nach und nach überflüssig machen und im Wohnquartier Löscher damit anfangen. Das Ziel: Den Heizölverbrauch dort um rund 150.000 Liter im Jahr zu reduzieren. Nach rund vierjähriger Vorbereitungszeit hat die Bürgermeisterin Rebecca Schwaderer am Donnerstagabend im Technischen Ausschuss des Gemeinderats das Einvernehmen zur Errichtung einer Heizzentrale im Gewerbegebiet Unholder Weg hergestellt.

Auf dem Grundstück sind ein Blockheizkraftwerk mit Wärmepumpe, zwei Pufferspeicher, ein Trafogebäude und ein Schornstein geplant. Der kommt auf eine Höhe von rund 20 Metern. Die fensterlosen Süd- und Südwestfassaden sollen mit Rank- und Kletterpflanzen begrünt werden. Darüber hinaus bekommt das Grundstück einen Stabmattenzaun. Für den Anfang des kommenden Jahres erwartet die Bürgermeisterin die Baugenehmigung. „Je nach Witterung könnte dann im Frühjahr mit dem Bau begonnen werden“, so Schwaderer am Donnerstagabend.

Mit im Boot beim Vorhaben „Grüner heizen“ ist die VR-Bank Asperg-Markgröningen, die der Möglinger Gerhard Schaaf anführt. Dazu kommt die Gesellschaft „Bürger Energie Neckar Enz“, des Geschäftsführers Ulrich Ramsaier. Der Hemminger steckt auch hinter der Naturenergie Glemstal und dem Bissinger Ingenieurbüro Schuler und ist ein Spezialist für den Aufbau von Nahwärmenetzen.

Den Löscher in Möglingen haben sich die Projektpartner nicht ohne Grund ausgesucht: Rund 3000 Menschen leben hier auf relativ engem Raum zusammen. Ihr Hunger nach Energie? Ist so groß wie sonst fast nirgendwo im Kreis. Das geplante Möglinger Nahwärmenetz soll zunächst an ein Wohnbauprojekt der VR-Bank angeschlossen werden und an Immobilien an der Hohenzollern-, Hohenstaufen- oder Teckstraße. Das Investitionsvolumen liegt nach Ramsaiers Angaben nach Abzug von Fördermitteln bei rund 2,7 Millionen Euro. Langfristig schwebt ihm vor, den kompletten Löscher an ein Nahwärmenetz anzukoppeln.

Möglingen ist kein Einzelfall. Überall im Kreis sind in den vergangenen Jahren Nahwärmenetze entstanden – in Vaihingen, Freudental oder Markgröningen. In Marbach nimmt derzeit eine großflächige Nahwärmeversorgung der Innenstadt Gestalt an: Der Gemeinderat hat sich vor der Sommerpause für zwei Planungsbüros entschieden. Sowohl kommunale als auch private Gebäude sollen in Zukunft mit Wärme versorgt werden, die in einer Anlage beim Schulzentrum und einem BHKW erzeugt wird.

In Korntal-Münchingen gibt es schon seit Längerem ein Nahwärmekonzept, erweitert wurde das Netz unlängst um einen Anschluss des Heimatmuseums Münchingen. Und an der Stadthalle Korntal wird eine neue Heizzentrale gebaut.

Mit erneuerbaren Energien wie Biogas, Holzpellets oder Holzhackschnitzeln werden diese Netze gespeist – und häufig hat Ramsaier seine Finger mit im Spiel. Das erste Nahwärmenetz seiner Naturenergie Glemstal ist vor mehr als zehn Jahren in Betrieb genommen worden. Es versorgt die kommunalen Liegenschaften in Schwieberdingen mit rund 1,3 Megawattstunden Wärme aus einer Biogasanlage. „Seither haben wir die Wärmenetze in Schwieberdingen und Hemmingen kontinuierlich ausgebaut“, sagt Ramsaier. Aktuell versorgen drei Wärmenetze mit einer Leitungslänge von insgesamt neun Kilometern allein in Hemmingen rund 2000 Wohnungen, Gewerbebetriebe und die meisten kommunalen und kirchlichen Liegenschaften mit CO-neutraler Wärme.

Aus der Heizzentrale im Hemminger Gewerbegebiet liefern ein Holz- und ein Pelletkessel sowie ein Biomethan-Blockheizkraftwerk zusätzliche Energie für die Wärmenetze Hemmingen-Nord, -Mitte und Schlossgut. Mittlerweile wurde auch die Wärme einer weiteren Biogasanlage in das Nahwärmenetz eingebunden. So kommen rund 20.000 Megawattstunden grüner Energie pro Jahr zusammen. Im Frühjahr war hier der Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) zu Besuch – und adelte das Unternehmen als „Ort voller Energie“ mit einem Gütesiegel für vorbildlichen Klimaschutz. Der Minister sagte allerdings auch: „Ohne ein Umdenken im Wärmesektor können wir unsere Klimaschutzziele nicht erreichen. Wir müssen zukünftig weit mehr klimaneutrale Wärme erzeugen als bislang.“

Der Experte Ramsaier fordert, den Preis für fossile Energien anzuheben. Er wünscht sich zudem Planungssicherheit aus der Politik. „Aber was ganz entscheidend ist: Wir brauchen auch Menschen, die nicht immer auf den allerletzten Cent schauen.“ Trotzdem müsse es sich für die Leute natürlich rechnen, auf grüne Energie umzusteigen. In Möglingen sagte er auf einer Veranstaltung vor den Sommerferien, dass der Markt wegen stark schwankender Heizölpreise zwar schwer einzuschätzen sei. Im vergangenen November aber habe ein Liter Heizöl rund 90 Cent gekostet – Nahwärmekunden könnten auf lange Sicht mit etwa 60 Cent kalkulieren.

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