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Folgen des Ukraine-Kriegs
Hallen in Kornwestheim und Eberdingen werden zur Flüchtlingsunterkunft

Die Hanspeter-Sturm-Halle am Kornwestheimer Stadion war 2016 schon einmal eine Flüchtlingsunterkunft. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Die Hanspeter-Sturm-Halle am Kornwestheimer Stadion war 2016 schon einmal eine Flüchtlingsunterkunft. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Die Hanspeter-Sturm-Halle und die Eberdinger Sporthalle werden für den Vereinsbetrieb geschlossen, um bis zu 210 Menschen aus der Ukraine unterzubringen. Die Rathauschefs finden dazu deutliche Worte.

Kornwestheim/Eberdingen. Seit vergangenen Donnerstag ist die erste Sporthalle im Kreis wieder mit Flüchtlingen belegt, und den Bürgermeistern war spätestens mit dieser Maßnahme der Landkreisbehörde für ihr Gebäude am Berufsschulzentrum Bietigheim klar, dass das bald auch in ihrer eigenen Zuständigkeit geschehen könnte. Schon im März hatte deshalb Sachsenheim angekündigt, die Sonnenberghalle in Ochsenbach für Ukrainer als Behelf umrüsten zu wollen, Mitte August folgte dann Asperg mit der Stadthalle. Nun kündigten angesichts der dramatisch steigenden Zugangszahlen Kornwestheim und Eberdingen Ähnliches an – und schaffen auch gleich Fakten.

Die Kornwestheimer Hanspeter-Sturm-Halle wird ab Montag geschlossen, um sie in den kommenden vier Wochen für die vorübergehende Aufnahme von bis zu 150 Ukrainern vorzubereiten. „Wir haben alles versucht, das zu verhindern“, betonte Oberbürgermeisterin Ursula Keck bei einem Informationsabend für die Vereine am Dienstagabend. Aber angesichts bereits aufgenommener 268 Menschen – so viele wie insgesamt in den Jahren von 2015 bis 2017 – und angekündigter 172 weiterer allein in diesem Monat bei gleichzeitig nur 340 zur Verfügung stehenden Betten sei man von der Realität eingeholt worden.

Und ihr Amtskollege Peter Schäfer teilte nach Rücksprache mit dem Gemeinderat mit: „Wir machen jetzt von der Möglichkeit Gebrauch, die wir auch im Sinne der Menschen, die aus ihrem Land flüchten müssen, vermeiden wollten – die Unterbringung in der Sporthalle Eberdingen.“ Doch es gehe nicht anders angesichts von weiteren 30 Ankommenden aus der Ukraine und 13 aus weiteren Ländern allein in diesem Monat – halb so viele, wie bislang schon in den drei Ortsteilen leben. Und auch „wohlwissend, dass dies eine erhebliche Härte für die dort Sport treibenden Vereine bedeutet“. Auch die Vereine in Hochdorf und Nussdorf – deren Hallen waren wegen des Schulsports außen vor – seien aufgerufen,zusammenzurücken, um insbesondere den Wettkampfmannschaften im Ligabetrieb auskömmliche Trainingsmöglichkeiten anzubieten.

Zahlreiche Betroffene

Von der Hallenschließung in Kornwestheim sind nicht nur die Schulen und die Kindersportschule betroffen, sondern auch sechs Abteilungen einiger Vereine: der Tennisclub, die Fußballer des türkischen Sportclubs, die Leichtathleten und die Einradfahrer vom SVK, die Triathleten und die Ringer der Skizunft. Für sie alle gilt: Wir müssen draußen bleiben. Ausweichquartiere gibt es keine.

„Natürlich sind wir über die Entwicklung nicht glücklich“, sagt Jochen Fuhrmann vom Hallenbelegungsausschuss des Stadtverbands für Sport. Aber die Situation lasse keine andere Entscheidung zu. Verbandsvorsitzender Marcus Gessl fügt sich ebenfalls, meint aber: „Die Vereine waren ab 2015 schon einmal betroffen. Für den Sport im Winter ist das extrem bitter.“ Vor allem, weil die Halle der Carl-Schaefer-Schule in Ludwigsburg ebenfalls nicht mehr genutzt werden kann und wahrscheinlich auch die Tage auf dem Römerhügel gezählt sind (beide gehören zu Berufsschulen, die der Landkreis betreibt). Aber er erkenne an, dass die Stadt alles getan habe, dieses Schicksal abzuwenden.

Große Lösungen gefordert

Unterdessen rumort es unter den Bürgermeistern immer stärker. „Selten habe ich solche drastischen Worte gehört“, berichtet Hemmingens Rathauschef Thomas Schäfer von einer Konferenz unlängst mit Marion Gentges, Ministerin für Justiz und Migration. Seine Kommune hatte zwar nach dem Brand in einem als Asylunterkunft genutzten Gasthaus gerade noch rechtzeitig Wohncontainer bestellen können – sie sollen am heutigen Donnerstag mit 30 Ukrainern voll belegt werden –, könnte aber im November ebenfalls am Ende sein. Denn für den Herbst werden üblicherweise höhere Zugangszahlen erwartet – zumal es derzeit bundesweit ein Ungleichgewicht gibt. Denn neben Baden-Württemberg sind nur noch Nordrhein-Westfalen und das Saarland für Weiterleitungen aus dem Bund geöffnet. Damit stemmten aktuell drei Länder den Großteil der Aufnahme aus der Ukraine. „Das ist unsolidarisch“, schimpfte deshalb auch Kornwestheims CDU-Fraktionsvorsitzender Hans Bartholomä bei dem Vereinstermin. Er fordert bundesweit verpflichtende, einheitliche Regelungen.

Und auch an den bestehenden gibt es immer wieder Kritik, vor allem an der Verteilung nach dem Königsteiner Schlüssel, weshalb in ohnehin dicht besiedelte Gebiete noch mehr Flüchtlinge zugewiesen werden. Zudem habe konkret im Fall der Ukrainer auch der Rechtskreiswechsel nicht geholfen, wie Schäfer es formuliert. Seit dem 1. Juni bekommen diese Flüchtlinge Hartz IV und nicht mehr Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, zudem sind für die Arbeitsmarktintegration die Jobcenter zuständig.

Mehr Aufnahme im Osten?

Eine weitere Idee zur Lösung will Oberbürgermeisterin Ursula Keck anregen: einen „Kornwestheimer Weg“. Der sähe vor, Geflüchtete in der Partnerstadt Weißenfels in Sachsen-Anhalt unterzubringen und dafür zu bezahlen. Dort gebe es noch ausreichend öffentliche Liegenschaften. Die Unterbringung bedeute aber mehr als Kost und Logis, sondern auch Integration. Denn es sei davon auszugehen, dass die Menschen einen längeren Zeitraum bleiben und sich eine Existenz aufbauen würden. „Das muss aber in der Balance bleiben.“ Und auch sie übte Kritik an den Zugangszahlen, nachdem 60 bereits aufgenommene Ukrainer auf die Quote nicht angerechnet worden seien. Das ist aus Sicht der OB „unlogisch“.

Ob sich nach der Kritik etwas ändert? Schäfer ist skeptisch, habe es nach dem Termin mit Gentges doch „nur Kanzleitrost“ gegeben, nicht mehr. Und spannend wird aus Sicht der Kornwestheimer auch werden, wie die Notunterkunft in der Hanspeter-Sturm-Halle überhaupt angenommen wird, sagte Erster Bürgermeister Daniel Güthler. Ukrainer hätten einen anderen Status als Asylbewerber und hätten keine Wohnsitzauflage. „Sie können kommen und gehen, wann immer sie wollen.“

Änderung in Sachsenheim

Indes hat sich zumindest aktuell für einige Sachsenheimer Vereine die Lage verbessert, weil die Sonnenberghalle, die in den vergangenen Wochen als Notlösung vorbereitet wurde, zunächst wieder für den Sportbetrieb freigegeben werden kann, so Stadtsprecher Matthias Friedrich auf LKZ-Anfrage. Denn die 50 längerfristigen Plätze in der Unterkunft „Steigle“ in Hohenhaslach, die man zuletzt renovierte, stünden nun zur Verfügung und man könne damit die Zuweisungsverpflichtungen durch den Landkreis erfüllen – zumindest bis Jahresende dürfte das Angebot ausreichen, heißt es aber auch.