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Corona

Herausforderung für Schulsozialarbeit

Der direkte Kontakt mit Kindern und Jugendlichen ist für die Schulsozialarbeiter wesentlich. Als im Frühjahr das öffentliche Leben wegen der Pandemie heruntergefahren wurde, mussten neue Wege des Austauschs gefunden werden. Denn auch Erziehungsberechtigte suchten immer wieder das Gespräch mit den Schulsozial- arbeitern.

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Besigheim. Theaterstücke, klasseninterne Kurse und gemeinsame Ausflüge sollen für ein harmonisches Miteinander in den Schulen sorgen. Bei solchen Aktion kommen die Schulsozialarbeiter mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch, erhalten Einblick in Klassengefüge und -hierarchie und erkennen vielleicht auch Probleme, die sonst unentdeckt geblieben wären. Die Schulsozialarbeit lebt von den kurzen Wegen, von den Gesprächen zwischen Tür und Angel – und bei Bedarf auch von fest vereinbarten Beratungsgesprächen. Bis März war das Alltag an den weiterführenden Schulen in Besigheim. Dann kamen Corona, der Lockdown und die Frage, wie der Kontakt zu den Schülern gehalten werden könnte.

„Für uns Schulsozialarbeiter war es eine enorme Herausforderung, als die Schulen im März geschlossen wurden“, sagte Matthias Cramme, der an der Schule am Steinhaus, Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum, arbeitet, nun im Verwaltungsausschuss des Gemeinderats. Denn: Auch wenn der Präsenzunterricht weggefallen war – „das Leben der Kinder geht weiter, und das nicht immer in optimalen familiären Verhältnissen“. Über Telefon und soziale Medien wurde versucht, Kontakt zu halten. Das klappte mal mehr, mal weniger gut. Sein Dank ging auch an die Lehrkräfte, die beispielsweise Lernpakete verteilten, und sich so zumindest kurz mit den Schülern austauschen konnten. Bei wöchentlichen Online-Konferenzen mit Schulleitung und Kollegium wurden Probleme angesprochen und Matthias Cramme sah, wo er handeln musste.

Die Auswirkungen der Pandemie auf die Kinder und Jugendlichen beziehungsweise auf die Familien dürften sich laut Cramme erst in nächster Zukunft zeigen: Er befürchtet, dass sich die häuslichen beziehungsweise psychosozialen Situationen zum Teil noch verschlechtern; die Schulsozialarbeit mehr Hilfe und Unterstützung leisten muss. „Die Unsicherheiten in der Familie übertragen sich auch auf die Kinder.“ Nach der schrittweisen Wiederöffnung der Schulen habe sich dieser Eindruck bestätigt, die Schulsozialarbeit sei verstärkt in Anspruch genommen worden.

Die hohe Nachfrage konnte auch Nicole Brecht in ihrem Jahresbericht bestätigen. Die Schulsozialarbeiterin ist am Schulzentrum im Einsatz. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Antje Dräger und der Semesterpraktikantin Lea Galic kümmerte sie sich um die Belange der Christoph-Schrempf-Gymnasiasten und der Maximilian-LutzRealschüler. Als die Schulen geschlossen wurden, ist eine Hotline eingerichtet worden. „Die ersten drei Wochen war es relativ ruhig, dann hat es zugenommen“, berichtete die Sozialpädagogin. Bis zu 15 Anrufe gingen pro Tag ein. Dabei ging es beispielsweise um Erziehungsfragen, Homeschooling oder aber auch um Existenzängste, psychische Belastung und häusliche Gewalt. Auch suchten Jugendliche über die sozialen Medien Kontakt mit den Schulsozialarbeitern, etwa, wenn sie sich Sorgen um Mitschüler machten. Da gerade bei den Fünftklässlern der Wunsch nach Kontakt nach und nach stieg, wurden über eine App Klassengruppen gebildet, die wöchentliche Aufgaben bekamen. So wurden Osterhasen aus Socken gebastelt oder ein Fotowettbewerb veranstaltet. Doch gerade der Kontakt mit den Eltern habe während der Pandemie enorm zugenommen: „Die Kontakte sind um das Vierfache gestiegen“, sagte Nicole Brecht. Nachdem der Unterricht vereinzelt wieder starten konnte, ist ein Elternsorgetelefon eingerichtet worden. Mit der Konsequenz, dass die Arbeitstage der Schulsozialarbeiter länger wurden – „die meisten Eltern arbeiten tagsüber, weswegen wir erst abends miteinander sprechen können“.

Den Kontakt zu Kindern und Jugendlichen zu halten, war auch in Zeiten der Schulschließung für Joscha Weber sehr wichtig. „Wir sahen nicht mehr, ob es ihnen gut oder schlecht ging“, fasste der Schulsozialarbeiter der Friedrich-Schelling-Gemeinschaftsschule in seinem Bericht zusammen. Die Schüler konnten nicht mehr einfach so angesprochen werden, man konnte ihnen keinen geschützten Raum für sich und ihre Anliegen bieten. Per Telefon, E-Mail und Internet war die Schulsozialarbeit fortan für Beratungsgespräche erreichbar. Dass vieles jetzt auf digitalem Weg abläuft, bringt laut Weber auch Schwierigkeiten mit sich. Zum einen bezog er das auf die Chancengleichheit – „es gibt nun mal Kids, die haben kein Smartphone, die sind dann abgehängt“. Zum anderen erschwert es die Beratung: „Man sieht weder Mimik noch Gestik, wenn per Chat beraten wird.“

Zwar sind die Schulen wieder geöffnet, doch nicht alle Angebote sind wie gewohnt umsetzbar. Da wäre vor allem das Prinzip des „Offenen Büros“ – jeder, der einen Rat braucht, einen kleinen Plausch halten oder etwas besprechen möchte, konnte ins Büro des Schulsozialarbeiters kommen. Der Raum hatte sich vor allem in den Pausen zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt. „Jetzt dürfen nur noch sechs Personen einer Klassenstufe in mein Büro“, kam Weber auf die pandemiebedingten Änderungen zu sprechen. Sonst seien es bis zu 20 gewesen. „Offene Arbeit funktioniert so nicht mehr.“ Zwar sei die Gruppe, die dann bei ihm ist, viel homogener – doch „ich kann nicht mehr einen Ort für alle schaffen“.

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