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Porträt

„Inklusion ist ein Menschenrecht“

Vor ihrem Schreibtisch liegt Blindenführhund Rover, auf dem Schreibtisch steht ein riesiger Bildschirm: Claudia Lychacz verfügt nur noch über einen kleinen Rest ihrer Sehkraft. Sie weiß aus eigener Erfahrung um die materiellen und sozialen Barrieren, mit denen Menschen mit Behinderungen zu kämpfen haben. Seit Anfang April vertritt die 42-Jährige deren Belange hauptamtlich im Landratsamt.

Foto: Holm Wolschendorf
Foto: Holm Wolschendorf

Kreis Ludwigsburg. Das Wort Behindertenbeauftragte mag Claudia Lychacz nicht: Es stammt aus der hergebrachten Sichtweise von Behinderung als Defizit. Offiziell lautet ihre neue Berufsbezeichnung daher auch „Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung im Landkreis Ludwigsburg“. Doch am liebsten wäre der gelernten Sozialarbeiterin der Titel Inklusionsbeauftragte. Denn der für manche noch immer sperrig klingende Begriff Inklusion, der das alte Leitbild der Integration ersetzt hat, kennzeichnet für Claudia Lychacz einen Paradigmenwechsel, der der 2008 in Kraft getretenen UN-Behindertenrechtskonvention zu verdanken sei. Diese nämlich gehe davon aus, „dass alle Menschen dazu geboren sind, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Das heißt: Auch Menschen mit Behinderung sollen so selbstbestimmt wie möglich leben können. Nicht diejenigen, die sie unterstützen, wissen am besten, was gut für sie ist, sondern die Menschen mit Behinderungserfahrungen selbst. Sie haben zu bestimmen, wie und mit wem sie leben wollen“.

Diesen Bewusstseinswandel will Claudia Lychacz im neuen Job – den ihr langjähriger Vorgänger Dr. Eckart Bohn noch ehrenamtlich versah – hauptamtlich und möglichst breit vermitteln und so professionell und engagiert dazu beitragen, dass er in der Gesellschaft, in der Kommunalpolitik und in den Verwaltungen ankommt. Alle Ebenen müssten verstehen, „dass Inklusion nichts Anstrengendes ist, das Geld kostet, sondern ein Menschenrecht. Sie sollte daher bei allen Planungen von Anfang an mitgedacht werden“.

Obwohl sie die Büroarbeit erschwert, ist ihre Blindheit für Claudia Lychacz dabei kein Hindernis: Sie wirkt gerade auf Menschen mit Behinderungen als ein Ausweis persönlicher Expertise, kann ihr einen Vertrauensvorschuss verschaffen. Außerdem: Blinde hören anders als Sehende – „Augentiere“ lassen sich optisch leicht von Unter- und Zwischentönen ablenken: „Wie geht es dem Menschen, was transportiert er mit dem, was er sagt – das hört man vielleicht besser, wenn man ihn nicht sieht“, sagt Claudia Lychacz.

Ihre fachliche Expertise hat sie sich zuletzt bei der Neuen Arbeit erworben, einem freien Träger, für den sie als unabhängige Teilhabeberaterin gearbeitet hat. Eine vom Bund finanzierte, personenzentrierte Tätigkeit, die Schwerbehinderte individuell bei der Wahrnehmung ihrer Belange berät, unterstützt und begleitet. Die Einzelberatungen seien und blieben äußerst wichtig, sagt Lychacz, doch habe sie die Herausforderung gesucht: „Ich liebe es, das große Ganze zu verstehen und politisch etwas zu verändern!“

Und genau das hat sie sich vorgenommen – als kommunale Lobbyistin für die Menschen mit Behinderung, als Netzwerkerin, die Selbsthilfegruppen, Verbände und Beratungs- und Betreuungsangebote verbindet, und als Lotsin für Menschen mit Behinderung, die sich ratsuchend an sie wenden – etwa wenn für den barrierefreien Ausbau der eigenen Wohnung das Mitziehen einer externen Stelle nötig ist.

Auf der größten Baustelle, auf der schon Vorgänger Eckhart Bohn hartnäckig geackert hat, sind mittlerweile Fortschritte zu verzeichnen: Auch wenn es im Kreis immer noch Bahnhöfe ohne Aufzug gibt, sind inzwischen fast alle 39 Städte und Gemeinden auf dem Weg hin zu einem barrierefreien Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln – nicht nur die örtlichen Bushaltestellen, sondern auch die Wege dorthin sind inbegriffen.

Doch was hilft es, wenn der Schulbus barrierefrei ist, die Schule aber nicht inklusiv? Mit der bewussten Entscheidung für eine inklusive Bildung und Kinderbetreuung täten sich viele noch schwer, weiß Lychacz. Es reiche nicht, wenn Kämmerer und Baufachleute darüber entschieden, inwieweit sie den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung Rechnung tragen müssten, sagt sie – da dürfe nicht länger über das Ob, da müsse schlicht über das Wie diskutiert werden.

Dicke Bretter gelte es noch in fast allen Lebensbereichen zu bohren, so die 42-Jährige. Ein schlagendes Beispiel in einer alternden Gesellschaft, in der die Zahl von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen wächst, ist der eklatante Mangel an barrierefreien Wohnungen. Um das nötige Kontingent zu bezahlbaren Preisen zu schaffen, müssten „die Dollarzeichen in manchen Augen kleiner werden“, sagt Claudia Lychacz. Aufzüge müssten möglichst in allen neuen Wohngebäuden Standard werden, Erdgeschosswohnungen sollten zwingend barrierefrei gebaut werden. Außerdem wünscht sie sich, dass neue Baugebiete als inklusive Quartiere geplant werden und dass „Bebauungspläne Konzepte für inklusives Wohnen so selbstverständlich enthalten wie Vorgaben für Klima- und Umweltziele“.

Ein weiteres Großthema ist aus Lychacz’ Sicht die Arbeitswelt. Die faire Bezahlung der Arbeitskräfte in den sogenannten Behindertenwerkstätten gehört ebenso zu diesem Thema wie eine bessere Integration von Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt. „Bei ihnen sehen Arbeitgeber immer noch oft die Probleme statt der Fähigkeiten. Deshalb zahlen viele lieber die Ausgleichsabgabe, statt behinderte Bewerber einzustellen“, klagt sie. „Bei einem Perspektivwechsel würden sie nach der Qualifikation und den Stärken gehen und in Bewerbungsgesprächen fragen: Was brauchen Sie, um den Job machen zu können?“

Die Aufgaben warten also allerorten. Selbst der Zugang zum Gesundheitswesen sei für Menschen mit Behinderung allzu oft erschwert. Claudia Lychacz berichtet von Arztpraxen ohne Aufzug, vom Verzicht auf die gewohnten Assistenzmöglichkeiten, den ein Krankenhausaufenthalt Menschen mit Behinderung abverlangen kann, ohne dass das ohnehin überlastete Pflegepersonal sie ersetzen könnte. Sie berichtet von Bankautomaten, an deren Touchpads Blinde scheitern, von Behördenbescheiden in unverständlicher Sprache, dem Fehlen inklusiver Sportangebote und von hilfsbereiten Mitmenschen, die in ihrem Übereifer übergriffig werden können.

Die neue Inklusionsbeauftragte hat also alle Hände voll zu tun – viel zu viel, um alles auf einmal anpacken zu können. Deshalb will sich Claudia Lychacz zunächst als Bindeglied für alle Akteure im Kreis anbieten, die mit „ihrem“ Thema zu tun haben.

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