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Izhak Akerman: Die Täter sind nicht mehr da, ich bin es noch

Interview mit einem der letzten Überlebenden der Konzentrationslager Vaihingen und Unterriexingen über die Schwierigkeiten von Zeitzeugenschaft und Erinnern

Lange hat ihn keiner nach dem KZ gefragt: Izhak Akerman.
Lange hat ihn keiner nach dem KZ gefragt: Izhak Akerman.

Kreis Ludwigsburg. Wer an die Schoah erinnern will, muss immer öfter ohne Zeitzeugen auskommen: Izhak Akerman gehört zu den letzten Überlebenden, die noch selbst von ihren Leiden in deutschen Konzentrationslagern berichten können. Vielen Opfern fällt es sehr schwer, darüber zu sprechen. Andere, auch Izhak Akerman, hat lange niemand gefragt.

Herr Akerman, seit wann können Sie über Ihre Erlebnisse in der Schoah erzählen?

Izhak Akerman: Ich hätte die ganze Zeit erzählen können. Aber lange Zeit wollte uns Überlebenden niemand zuhören, auch und gerade in Israel nicht. Man hat uns eher herablassend behandelt. Selbst meine Geschwister, die gute Zionisten waren und deshalb rechtzeitig – also vor 1939 – nach Israel gegangen waren, wollten eigentlich nichts wissen.

Weil die Schoah ein Stigma war und ein guter Israeli ein tapferer Soldat ist, der sich nicht „als Lamm zur Schlachtbank führen“ lässt?

Genau! Man hat unsere Situation nicht verstanden, diese jahrelange, stufenweise und systematische Herabwürdigung, die Ohnmacht gegenüber der damals stärksten Militärmacht der Welt. Das hat sich erst durch den Eichmann-Prozess verändert. Das war in Polen am Kriegsbeginn, als die Deutschen zunächst einmal die polnische Intelligenz umbrachten, ähnlich. „Was jammert ihr“, hat man die Juden gefragt. „Euch schlägt man nur, uns erschießen sie!“ Und das hat anfangs ja gestimmt. Unsere Situation damals zu erfassen, ist fast unmöglich.

Wie und wann haben Sie sich entschlossen, doch zu erzählen?

Eine Nichte hat mich gefragt und ein Video aufgenommen. Das hat andere Verwandte sehr bewegt. Ich habe seither auch in Dachau gesprochen, hier in Wörishofen und in Vaihingen. Viele Leute, nicht nur Jugendliche, können die Schrecken, über die ich berichte, aber nicht wirklich erfassen und stellen daher naive Fragen, etwa nach Freundschaft im Lager. Diese Frage ist eigentlich sinnlos. Freundschaftliche Beziehungen haben im Lager einfach keine Rolle mehr gespielt. Jeder hat für sich gehungert und musste zuerst an sich denken. Auch die israelische Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hat mich eingeladen, aber da habe ich abgesagt. Ich erzähle auch weiterhin nicht oft…

Weil Sie keinen Sinn mehr darin sehen?

Nein, Zeitzeugenberichte sind nicht nutzlos. Nur fühle ich mich nicht zum Erzähler berufen. Die Atmosphäre auf der Rampe von Birkenau, die kann ich nicht darstellen.

Wie schwer fällt es Ihnen, wieder in Deutschland zu sein, deutsche Luft zu atmen?

Gar nicht! Die Luft hier in Wörishofen ist sehr gut, sie tut mir gut. Wissen Sie, die Zeit verzeiht. Außerdem: Die Täter sind nicht mehr da, ich bin es noch! Die Endstation kennen wir zwar alle. Aber ich habe keine Eile!

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