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Interview

„Junge Leute nicht gewaltbereiter“

Kriminologe Jörg Kinzig über die Stuttgarter Randalenacht, was Corona damit zu tun haben könnte und angemessene Polizeiarbeit

Nach dem Gewaltausbruch vor einer Woche verstärkte die Polizei am Wochenende ihre Präsenz in der Stuttgarter Innenstadt. Inzwischen wurden 37 Personen identifiziert, die an den Krawallen beteiligt gewesen sein sollen, 13 von ihnen sitzen in Untersuch
Nach dem Gewaltausbruch vor einer Woche verstärkte die Polizei am Wochenende ihre Präsenz in der Stuttgarter Innenstadt. Inzwischen wurden 37 Personen identifiziert, die an den Krawallen beteiligt gewesen sein sollen, 13 von ihnen sitzen in Untersuchungshaft. Foto: Gollnow/dpa
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Tübingen. Hunderte junge Menschen ziehen randalierend und plündernd durch Stuttgart. Die Bilder aus der vergangenen Woche schockieren immer noch. Nun hat die Diskussion um Ursachen und Folgen begonnen. Alleine mehr Polizeipräsenz und härtere Strafen werden nicht helfen, sagt dazu der Tübinger Kriminologe Jörg Kinzig im Gespräch mit unserer Zeitung.

Auslöser der Krawalle soll die Kontrolle eines Jugendlichen gewesen sein, der Drogen bei sich hatte. Schwer vorstellbar, dass eine Personenkontrolle solche Aggressionen freisetzt. Sehen Sie noch andere Gründe?

Jörg Kinzig: Zunächst sollte der vermeintliche Auslöser, die Drogenkontrolle, genau aufgearbeitet werden. Ist dabei etwas schiefgelaufen? Hätte man etwas besser machen können? Im Übrigen kann man über die Gründe der Krawalle derzeit nur spekulieren. Wenn es einfache Erklärungen gäbe, wären wir von den Unruhen und ihrer Massivität ja nicht derart überrascht worden. Bei aller Vorsicht in der Interpretation: Eine Rolle gespielt haben dürften die Frustrationen im Zusammenhang mit den Einschränkungen in der Coronakrise, der Alkohol, eine gewisse Gruppendynamik und die zunächst aus den USA herrührenden Diskussionen über echte oder vermeintliche Polizeigewalt.

Streetworker berichten von Jugendlichen, die sich über den rüden Ton von Polizisten beklagen und sich bei Kontrollen oft provoziert fühlten. Fehlt es gerade mit Blick auf junge Heranwachsende an Deeskalationsstrategien?

Zunächst gilt es festzuhalten, dass hierzulande die Polizei das sogenannte Gewaltmonopol besitzt. Das ist gut und richtig und daher auch unbedingt zu respektieren. Das verpflichtet die Polizei aber auch, ihrerseits gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern bei Kontrollen korrekt aufzutreten und mit ihnen respektvoll umzugehen. Hilfreich wäre auch, wenn dabei – den jeweiligen Lagen angepasst – sensibel vorgegangen wird.

Am vergangenen Wochenende wurde die Polizeipräsenz in Stuttgart deutlich erhöht. Hundertschaften in Schutzausrüstung – das wirkt nicht gerade sensibel. Hätte die Stadt auch anders reagieren können oder sogar müssen?

Dafür, dass die Polizei an diesem Wochenende erst einmal demonstrieren musste, dass sie die Lage unter Kontrolle hat, habe ich Verständnis. Freilich kann man bei diesem ersten Schritt nicht stehenbleiben. Das dürfte aber allen Verantwortlichen auch klar sein. Jetzt gilt es zunächst, den Ablauf und die Ursachen der Krawalle möglichst genau aufzuklären. Dabei sollten insbesondere präventive Maßnahmen in den Blick genommen werden, wie zum Beispiel eine Verstärkung der Sozialarbeit, auch durch Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, strukturierte Freizeitangebote oder Alkoholprävention.

Aus der Politik wurden reflexhaft Rufe nach härteren Strafen laut. Halten Sie härtere Strafen für sinnvoll?

Im Allgemeinen führen härtere Strafen nicht viel weiter. Diese Logik ist deutlich zu simpel. Aber selbstverständlich muss man die Täter möglichst ermitteln und zur Verantwortung ziehen. Dabei dürften die auf die Rechtsbrecher zukommenden Schadensersatzforderungen mindestens genauso schmerzhaft und abschreckend wirken wie eine massive strafrechtliche Ahndung.

Welche Maßnahmen empfehlen Sie?

Es wäre unseriös, wenn ich so tun würde, also würde ich sozusagen vom Schreibtisch aus die richtigen Empfehlungen kennen. Zunächst gilt es, die Ursachen zu ermitteln. Welche Rolle hat gespielt, dass den Jugendlichen über Wochen hinweg keine Angebote gemacht werden konnten? Freizeitbetätigungen wie der Sport in Vereinen oder etwa in Fitnessstudios, gesellige Zusammenkünfte aller Art, all das kam doch zum Erliegen. Zudem fehlte es an einem Eingebundensein in Schule und Beruf. Das kann schon problematisch werden.

Auch die Herkunft der Randalierer rückte schnell in den Fokus. Das erweckt immer den Eindruck, Menschen mit „Migrationshintergrund“ seien gewaltbereiter als Deutsche. Ist das so oder sind Jugendliche und junge Heranwachsende insgesamt gewaltbereiter geworden?

Nein. Dafür, dass junge Leute gewaltbereiter geworden seien, daran fehlt es an jeglichen Belegen. Eher im Gegenteil ist von einem Rückgang der Gewaltkriminalität auszugehen. Und was den Migrationshintergrund betrifft: Da kommt es nicht auf das Etikett „Ausländer“ oder „Deutscher“ an. Sondern es sind die Lebenslagen, die einen entscheidenden Einfluss haben. Fehlt es an einer Perspektive, fühlen sich die jungen Leute als Verlierer, haben sie vielleicht Probleme mit Bezugspersonen und mit Drogen. Dann kann es gefährlich werden.

Der Begriff „Migrationshintergrund“ bietet einfache und schnelle Erklärungen für Ereignisse wie in Stuttgart. Die einen fordern dann mehr Integrationsarbeit, die anderen „Ausländer raus“. Wird das dem Problem gerecht, müsste stattdessen nicht viel mehr Jugendarbeit gemacht werden?

Jedenfalls müsste man sich früh um problematische Jugendliche kümmern. Dass in einer Familie oder bei einem Kind etwas schief läuft, ist ja häufig schon im Grundschulalter zu sehen. Das ist der Zeitpunkt, zu dem man noch am Sinnvollsten eingreifen kann.

Erwarten Sie in der Zukunft noch mehr Gewaltausbrüche junger Menschen?

Mit Prognosen sollte man sehr vorsichtig sein. Ich gehe aber fest davon aus, dass die Polizei alles dafür tun wird, dass sich derartige Ereignisse jedenfalls in Stuttgart nicht in absehbarer Zeit wiederholen. Allerdings lehrt die Vergangenheit auch, dass man in einem liberalen Rechtsstaat Krawalle wohl kaum ganz verhindern kann.

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