Logo

Jugendhilfe

Kein Tag gleicht dem anderen

Dominik Seyfried ist als Sozialarbeiter für die diakonische Jugendhilfe der evangelischen Brüdergemeinde tätig. Die Betreuung einer stationären Wohngruppe bietet Abwechslung, erfordert aber Flexibilität und wird für die Betreuer nicht selten zu einer psychischen Belastungsprobe.

Dominik Seyfried betreut Kinder und Jugendliche in stationären Wohngruppen der Korntaler Jugendhilfe. Foto: Frank Klein
Dominik Seyfried betreut Kinder und Jugendliche in stationären Wohngruppen der Korntaler Jugendhilfe. Foto: Frank Klein

Korntal-Münchingen. Gleich nach seinem Studium an der evangelischen Hochschule Ludwigsburg fing Dominik Seyfried als Sozialarbeiter bei der Korntaler Jugendhilfe an, seit 2013 betreut er Kinder und Jugendliche in stationären Wohngruppen. Eine solche Kontinuität ist nicht selbstverständlich. Denn in diesem Berufsfeld, das auch über verschiedene Ausbildungsgänge im erzieherischen Bereich zugänglich ist, sei eine rege Fluktuation der Normalfall, erzählt Seyfried.

Auch nach acht Jahren ist er glücklich über seine Berufswahl. „Die Arbeit ist anstrengend, aber unglaublich spannend.“ Vor seinem Studium absolvierte er eine Lehre und arbeitete als Industriemechaniker. Diese Tätigkeit habe ihm auf Dauer zu wenig Abwechslung geboten. „Wenn ich an einer Maschine auf einen Knopf drücke, funktioniert sie“, meint der 36-Jährige. Wenn er dagegen morgens in seine Wohngruppe komme, wisse er nie, was passiert; kein Tag sei wie der andere. „Jeder Mensch funktioniert anders. Langeweile gibt es nicht, Abwechslung und neue Herausforderungen machen diesen Beruf interessant.“

Die Jugendhilfe betreut in Korntal acht Wohngruppen mit jeweils acht Plätzen, Seyfried arbeitet mit älteren Jugendlichen zusammen. Für jede Gruppe sind mehrere Betreuer zuständig, die im Schichtdienst rund um die Uhr mit den Bewohnern zusammenleben. Nur vormittags, wenn die jungen Leute in der Schule oder bei der Ausbildung sind, ist kein Betreuer in der Wohnung. „Eine Wohngruppe ist wie eine bunte Großfamilie“, sagt Seyfried. Nach dem Wecken wird gefrühstückt, danach geht’s in die Schule oder zum Arbeitsplatz. Nachmittags stehen feste Hausaufgabenzeiten auf dem Programm. So lernen die Bewohner eine feste Tagesstruktur kennen.

In Seyfrieds Wohngruppe gibt es einen Fernseher und Spielkonsolen, im Keller einen Billardtisch, Tischkicker und eine Tischtennisplatte. Auf dem Außengelände in der Münchinger Straße können die Jugendlichen auf einem Tartanplatz kicken und Basketball spielen, sich an einer Kletterwand und im Fitnessraum austoben. Es gibt eine Sport- und Schwimmhalle, und es wird sogar therapeutisches Reiten angeboten. Die Jugendhilfe ist eine offene Einrichtung. Die Bewohner, die alle ein eigenes Zimmer haben, können das Gelände verlassen.

Wie in einer echten Familie sind Konflikte an der Tagesordnung. „Wir versuchen, den Jugendlichen zu vermitteln, wie man Streit in einer Familie beilegt“, erklärt der Sozialarbeiter. Dabei werden in Gesprächen Ziele vereinbart: etwa die Fähigkeit zur Einsicht, dass soziale Konflikte ohne Gewalt gelöst werden können. „Die Leute müssen auch verstehen, dass sie nicht im Hotel wohnen und sich einbringen müssen.“ Sauberkeit und Ordnung sind wichtig, das Bad muss geputzt, beim Einkauf auf das Budget geachtet werden. „Lebenspraktische Dinge, die man braucht, wenn man irgendwann alleine lebt.“

Wer im betreuten Wohnen arbeiten will, müsse sich am besten schon vor dem Studium über gewisse Nachteile wie die ungewöhnlichen Arbeitszeiten klar werden. Im Tarifvertrag sind 39 Stunden festgeschrieben, aber betreut werden müssen die Jugendlichen eben rund um die Uhr, auch am Wochenende sowie an Feiertagen. Das könne sich negativ auf private Beziehungen auswirken. Dominik Seyfried sieht es positiv: „Dafür endet meine Schicht oft um 9 Uhr morgens, dann kann ich Termine erledigen oder auch unter der Woche etwas mit meinen eigenen Kindern unternehmen.“ Zudem gebe es Aufschläge für Wochenend- und Nachtschichten.

Nicht selten sei die Arbeit psychisch belastend. Manche Bewohner leben freiwillig in der Wohngruppe, weil sie zumindest vorübergehend keine Perspektive in der eigenen Familie sehen. Andere werden vom Jugendamt zugewiesen. Da bleibt es nicht aus, dass nicht alle Bewohner die Regeln des neuen Umfelds respektieren. Mitunter kommt es auch vor, dass Jugendliche straffällig werden. „Manche fallen tief“, weiß Seyfried. „Wenn jemand, den man eigentlich mag, sein eigenes Leben wegwirft, kann das wehtun. Das darf man nicht unterschätzen.“

Der Beruf erfordere die Bereitschaft, sich permanent weiterzuqualifizieren. Im Studium der Sozialarbeit werde zwar breites Wissen vermittelt, aber eben auf ganz unterschiedlichen Feldern. Wer nach seinem Abschluss im betreuten Wohnen tätig werde, müsse sich etwa im psychologischen Bereich weiterbilden. Denn viele Jugendlichen seien traumatisiert oder litten unter Bindungsstörungen. „Wenn ich zum Beispiel mit jemandem rede, der ein Trauma hat, muss ich mir darüber bewusst sein, dass ich mit einer unbedachten Äußerung schlechte Erinnerungen oder einen Flashback auslösen kann.“

Im ersten Berufsjahr habe „absolutes Chaos in meinem Kopf“ geherrscht, erinnert sich Seyfried. Im zweiten Jahr aber sei er wirklich in den Wohngruppen angekommen, habe seinen eigenen „Methodenkoffer“ immer weiter bepackt. „Irgendwann kommt man an den Punkt, an dem Bilder und Erfahrungswerte hochkommen, wenn man jemanden kennenlernt“, meint Seyfried. „In der Lage zu sein, den Leuten für sie passende Methoden und Hilfen anzubieten, ist das A und O in diesem Beruf.“

Autor: