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Gesundheit

Politik gibt Ja-Wort unter freiem Himmel

Die Regionale Kliniken-Holding ist seit gestern einen Schritt weiter, um das Management der drei Krankenhäuser des Kreises Reutlingen zu übernehmen

Auf Wachstumskurs: Die Regionale Kliniken-Holding mit Sitz am Ludwigsburger Klinikum übernimmt die Führung der Kreiskrankenhäuser in Reutlingen. Der dortige Kreistag hat gestern einem Managementvertrag zugestimmt – an der frischen Luft (unten). Fotos
Auf Wachstumskurs: Die Regionale Kliniken-Holding mit Sitz am Ludwigsburger Klinikum übernimmt die Führung der Kreiskrankenhäuser in Reutlingen. Der dortige Kreistag hat gestern einem Managementvertrag zugestimmt – an der frischen Luft (unten). Foto: Philipp Schneider, privat
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Ludwigsburg/Reutlingen. Am Montagnachmittag herrscht auch in Reutlingen Frühling. Milde 17 Grad zeigt das Thermometer im Innenhof des Landratsamtes an, auf dem sonst die kommunalen Spitzenbeamten ihre Autos abstellen. Doch dieses Mal ist alles anders. Landrat Thomas Reumann hat den Parkplatz wegen Corona zur Arena für die Sitzung des Kreistages umbauen lassen. „Außergewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Lösungen“, so der Landrat.

Den Kreis Reutlingen drücken seine drei defizitären Krankenhäuser in der Kreisstadt, Bad Urach und Münsingen. Ein Managementvertrag soll her, der mithilft, die Hospitäler ab dem 1. Mai wieder auf Trab zu bringen. Erster Anwärter für einen Abschluss: die Regionale Kliniken-Holding, zu der auch die Krankenhäuser des Kreises Ludwigsburg gehören (wir berichteten). Der Landrat Reumann muss jetzt aufs Tempo drücken. „In Zeiten wie diesen darf nicht mal der Eindruck einer unsicheren Entscheidungslage entstehen.“

Also tritt am Montag auch der Ludwigsburger Klinikenchef Jörg Martin auf dem Parkplatz des Landratsamtes ans Rednerpult und präsentiert seine Holding von der Schokoladenseite: größter kommunaler Krankenhausträger im Südwesten, Expertise in den drei Kreisen Ludwigsburg, Enz und Karlsruhe, auf Wachstumskurs, bei der Digitalisierung angekommen und Erfahrung bei der Sanierung von Krankenhäusern. Beispiel Kreis Karlsruhe: „Wir haben die Kliniken in Bruchsal und Bretten 2008 mit einem hohen Defizit übernommen und jetzt mehr als eine schwarze Null erreicht.“

Den Reutlingern sagt er zu, weiterhin autark zu bleiben und alle drei Standorte zu behalten. „Aber Wachstum muss sein“, so der Krankenhausmanager. Er will die Auslastung von 75 Prozent auf mehr als 85 Prozent steigern und die Personalquote im Gegenzug drücken. Das Reutlinger Haus soll zu einem überregionalen Schlaganfallzentrum ausgebaut werden, in Bad Urach schwebt ihm ein Gesundheitscampus vor und in Münsingen der Ausbau der Schmerztherapie mit Kältekammer. Der designierte Geschäftsführer Dominik Nusser, bisher RKH-Direktor im Enzkreis, verspricht: „Wir machen keine betriebsbedingten Kündigungen.“

Martin ist zusätzlich zu seinen Aufgaben bei der RKH als medizinischer Geschäftsführer vorgesehen, der auch physisch auf der Alb anwesend sein will. Den Reutlinger Kreisräten ruft der habilitierte Anästhesist am Montag zu: „Die Medizin wird sich in den kommenden Jahren gravierend verändern. Da ist man nur gemeinsam stark.“

Martins Botschaft scheint zu verfangen. Mit deutlicher Mehrheit stimmt der Reutlinger Kreistag für den Managementvertrag mit der Regionalen Kliniken-Holding. Die Freien Wähler heben hervor, dass die RKH der eindeutige Sieger eines Wettbewerbs gewesen sei. Der CDU gefällt, eine kommunal verankerte Lösung gefunden zu haben. Die SPD hofft, dass Martin nicht auf den kurzen Erfolg schiele, sondern „sockelwirksame Maßnahmen“ umsetze.

Dafür hat der Manager nun drei Jahre Zeit. Der Vertrag enthält zudem eine Option, um weitere zwei Jahre zu verlängern. „Danach können die Karten neu gemischt werden“, wie der Grüne Hans Gampe betonte. Deutliche Kritik übten die Reutlinger Linken. Sie werfen der RKH vor, „einen süßen Kelch mit bitteren Ingredienzien zu servieren“. Sie stört, dass etwa das Bad Uracher Haus „entbeint“ werden soll. Offenbar nicht ganz zu Unrecht. Der dortige Bürgermeister Elmar Rebmann (SPD) enthielt sich bei der Abstimmung und lud den Klinikenchef zu Gesprächen in seine Stadt ein.

Martin und Nusser wollen sich nun an eine Bestandsaufnahme machen. Ursprünglich sollten die Ergebnisse zu Jahresende vorliegen. Das will Martin wegen Corona aber nicht mehr versprechen. Darüber hinaus brauchen sie noch grünes Licht der RKH-Gremien. Daran sollte der Deal aber nicht mehr scheitern.

Der Reutlinger Landrat Reumann hofft nun, dass die Sitzung an der frischen Luft ein einmaliges Format bleiben werde. Das sorgte bei den Kreisräten für Seufzer des Bedauerns.

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