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Gewerkschaft

Stets fest an der Seite der Arbeitnehmer

Konrad Ott hat als Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ludwigsburg viele Tarifkonflikte erfolgreich durchgestanden – Jetzt nimmt er Abschied

Konrad Ott ist im Ruhestand. Foto: Holm Wolschendorf
Konrad Ott ist im Ruhestand. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. „Mir geht es gut“, sagt Konrad Ott. „Nein, mir fällt der Abschied nicht schwer“, betont er und lächelt. Der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Ludwigsburg wirkt beim Gespräch mit unserer Zeitung tiefenentspannt. Seit 1. Dezember ist er in der passiven Phase der Altersteilzeit und überlässt die Leitung der Gewerkschaftsarbeit seinem Nachfolger Matthias Fuchs. 35 Jahre lang ist Ott für die Metaller im Landkreis Ludwigsburg aktiv gewesen. Nun hat er sein Büro in der der Schwieberdinger Straße in Ludwigsburg geräumt – und geht in den Skiurlaub ins Zillertal.

Zur Person
Die IG Metall hat Konrad Ott politisiert – Als Friedensaktivist bei Heckler & Koch gefeuert

Konrad Ott – Jahrgang 1957 – stammt aus ländlich-konservativen Verhältnissen. Aufgewachsen ist er im Landkreis Rottweil in der 1600-Seelen-Gemeinde Winzeln, wo seine Eltern im Nebenerwerb einen Bauernhof bewirtschafteten. Die Landwirtschaft war nicht die Sache des jungen Otts. Er machte eine Ausbildung zum Werkzeugmacher im nahen Oberndorf beim Waffenhersteller Heckler & Koch.

„Für mich war Heckler.&.Koch damals ein ganz normales Unternehmen. Die Arbeit mit den Kollegen hat mir Spaß gemacht“, erinnert sich Ott. .Er wurde Jugendvertreter, Vertrauensleuteleiter und Betriebsrat. Die Arbeit in der IG Metall hat ihn politisiert. Er engagierte sich schon in den 1970er Jahren für die Friedensbewegung und trug auch als Betriebsrat bei Heckler.& Koch gut sichtbar den Button mit dem Aufdruck „Ohne Rüstung leben“ am Revers, der ein zerbrochenes Gewehr zeigt.

Die Waffenschmiede reagierte prompt und schickte dem Aufmüpfigen die Kündigung. „Auch der Betriebsrat hat nicht widersprochen“, berichtet Ott, für den dieses Ereignis letztlich den Weg freimachte für seine hauptberufliche Laufbahn bei der IG Metall.

An der Akademie für Arbeit in der Universität in Frankfurt – eine Stiftung des Deutschen Gewerkschaftbundes – hat Ott studiert. Von der IG Metall bekam er dafür ein Stipendium. Das Studium war für ihn die Grundlage für seine künftige hauptamtliche Arbeit bei der IG Metall.

Im Jahr 1983 startete Ott als Gewerkschaftssekretär bei der Ludwigsburger IG-Metall-Verwaltungsstelle. Von 1991 an war er Zweiter Bevollmächtigter und ab dem Jahr 2000 Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ludwigsburg, die heute 11.000 Mitglieder hat und im Landkreis Ludwigsburg die Interessen von gut 22.000 Mitarbeitern in 74 Betrieben der Metall- und Elektroindustrie vertritt.

Auf die gewerkschaftliche Bildungsarbeit hat Ott einen Schwerpunkt gesetzt. Im Jahr 1995 gründete er eine Bildungskooperation mit den IG-Metall-Verwaltungsstellen Ludwigsburg, Waiblingen, Esslingen, Göppingen und Geislingen. Von diesem Verein, der sich die Qualifizierung von Betriebsräten zur Aufgabe gemacht hat, war er von Beginn an Geschäftsführer und Vereinsvorsitzender. Im Jahr 2000 gab er die Geschäftsführung und 2014 den Vereinsvorsitz ab.

Ott lebt in Ludwigsburg-Hoheneck mit seiner Frau Ursula Genswürger, die auch als aktive IG-Metallerin im Landkreis Ludwigsburg bekannt ist. Lange Jahre war sie Betriebsratsvorsitzende beim Autozulieferer Valeo-Wischer in Bietigheim-Bissingen. (bie)

Ott schlägt das neue Kapitel in seinem Leben bewusst und mit Gelassenheit auf. Die beliebte Formulierung „mit einem lachenden und weinenden Auge“ kommt dem 61-Jährigen nicht über die Lippen. Phrasen passen nicht zu dem Mann, der zu den profundesten Kennern der Metall- und Elektroindustrie im Landkreis Ludwigsburg zählt, der einen harten Arbeitskampf nicht scheut, der bei Fackelzügen voranschreitet, wenn es gegen Werksschließungen geht, der es gewöhnt ist, tosenden Applaus von Tausenden Menschen zu bekommen, wenn er bei Großdemonstrationen komplexe Sachverhalte der Tarifauseinandersetzungen mit fester Stimme und klaren Worten erklärt. Dabei versäumt er es nicht, dem Kapital und dem Management auch kräftig eins mitzugeben.

Zimperlich ist der Gewerkschafter nicht, wenn es darum geht, den Klassenstandpunkt klarzumachen.

Es sind turbulente Zeiten, als Ott im Jahr 1983 als neuer Gewerkschaftssekretär in Ludwigsburg beginnt. Die Auseinandersetzung der Tarifparteien um die 35-Stunden-Woche hat ihren Höhepunkt erreicht. Mit einem gemeinsamen Streik 1984 setzen die IG Metall und die IG Druck und Papier die Arbeitszeitverkürzung durch. Auch im Kreis Ludwigsburg geht es hoch her. „Wir hatten mit Mahle in Markgröningen und ZF in Bietigheim zwei Streikbetriebe im Landkreis“, berichtet Ott. Noch genau hat er den ersten Streiktag vor Augen. „Die Kollegen sind gestanden wie eine Eins“, erinnert er sich. „Es war ein richtig starkes Erlebnis.“ Später haben die großen Unternehmen ausgesperrt – vom Filterspezialisten Mann.+.Hummel angefangen, über den Getriebehersteller Getrag und ITT, dem späteren Autozulieferer Valeo-Wischer. „Da war richtig was los“, sagt Ott. „Dieser Arbeitskampf hat mich stark geprägt.“ Gelernt hat er, dass die Arbeitnehmer mit Solidarität alles erreichen können, und der Verhandlungstisch nicht alles ist. Das Tabu der Arbeitgeber gebrochen zu haben, dass über Arbeitszeit nicht verhandelt wird, zählt er rückblickend zu seinen größten Erfolgen. „Wenn es um Arbeitszeit geht, sind Arbeitgeber besonders kompromisslos, weil es um die konkrete Verfügbarkeit über die Beschäftigung geht“, erklärt er und drückt sich marxistisch aus: „Wenn die Beschäftigten nicht im Betrieb sind, schaffen sie keinen Mehrwert.“

Die 1955 gegründete Ludwigsburger IG Metall hat bei den Tarifverhandlungen immer eine aktive Rolle gespielt. Sie gilt als kämpferisch. „Dieser Tradition habe ich mich verpflichtet gefühlt“, sagt Ott. Auch bei den jüngsten Verhandlungen im Januar dieses Jahres, als die Ludwigsburger Metaller sich mit 24-stündigen Warnstreiks beteiligten und somit eine neue Kampfform erprobten. „Diese zusätzliche Eskalationsstufe hat gewirkt“, stellt Ott fest. Der ausgehandelte Tarifvertrag kommt gut an. Er bringt den Beschäftigten ein Lohnplus von 4,3 Prozent und eine neue soziale Komponente. Schichtarbeiter und Beschäftigte, die Kinder zu versorgen oder Pflegebedürftige zu betreuen haben, bekommen die Chance, Entgelt in Freizeit umzuwandeln. Dafür sind im IG-Metall-Bezirk Ludwigsburg laut Ott bereits 1200 Anträge gestellt worden.

Den aktuellen Tarifvertrag betrachtet Ott als Erfolg am Ende seiner beruflichen Laufbahn. „Für mich schließt sich hier der Kreis sehr schön“, sagt er. Es freut ihn besonders, dass diese Tarifverhandlungen in Ludwigsburg im Forum begonnen wurden und die abschließende entscheidende Runde auch dort war. „Das war ein guter Abschluss für die Zeit, in der ich in der Verantwortung war.“ Ott geht davon aus, dass die IG Metall ein Lohnplus von 22 Prozent seit dem Jahr 2012 für die Beschäftigten herausgeholt hat.

Neben den Erfolgen gibt es auch Tiefschläge. Dazu gehören für Ott das Aus für Ludwigsburger Traditionsunternehmen wie des Werkzeugmaschinenbauers Hüller Hille oder die Produktionsverlagerung des Brauereitankherstellers Ziemann ins unterfränkische Bürgstadt. Ein wunder Punkt ist für ihn auch die Verlagerung der Zentrale des Getriebeherstellers Getrag nach Untergruppenbach und das Aus für den Getrag-Stammsitz in Ludwigsburg. Ein Trost ist für Ott, dass der Traditionsstandort von der Koepfer Zahnrad- und Getriebetechnik GmbH weitergeführt wurde, wenn auch mit weniger Beschäftigten. „Da fühlt man sich schon hilflos“, sagt Ott. „Hinter jedem Arbeitsplatz steht eben auch ein Kollege.“ Es sei schwierig, Entscheidungen rückgängig zu machen, die ein Konzern einmal getroffen habe. Besonders schmerzt ihn der stetige Arbeitsplatzabbau in der Ludwigsburger Weststadt in den vergangenen Jahren. Nach einer Statistik der IG Metall gab es dort im Jahr 1980 in den größeren Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie 8580 Beschäftigte – heute sind es 3230.

In die Zukunft blickt Ott nicht ohne Sorge. Er räumt ein, dass es immer schwieriger werde, Menschen für die Gewerkschaft zu begeistern. Das hängt seiner Einschätzung zufolge mit der zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft zusammen. Die Politisierung nehme ab. Die großen Feiern zum 1. Mai, dem Internationalen Tag der Arbeit, gehörten der Vergangenheit an.

Die Entwicklung weg vom Verbrennungsmotor hin zur Elektromobilität betrachtet der Gewerkschafter als eine der größten Herausforderungen für den heimischen Wirtschaftsstandort. Die Region Stuttgart stehe vor einer Umstrukturierung, die vergleichbar mit der Stahlbranche im Ruhrgebiet und der Uhrenindustrie im Schwarzwald sei, warnt Ott. 70.000 bis 80.000 Arbeitsplätze, die am Strang des Verbrennungsmotors hingen, seien bundesweit gefährdet. Die IG Metall müsse diese industrielle Transformation im Sinne der Arbeitnehmer entscheidend mitgestalten.

Auch im Ruhestand wird Ott immer einer sein, der sich für die Menschen einsetzt und gesellschaftliche Missstände beheben will. „Ich werden nicht zu Hause sitzen“, sagt er. Gut vorstellen kann er sich, in der Kommunalpolitik tätig zu werden. Sein Thema ist klar: Er will sich dafür starkmachen, dass in einer der reichsten Regionen in Deutschland das Thema Wohnen und Soziales mehr Gewicht bekommt. Seine ganze Energie will er auch für Bekämpfung der Altersarmut einbringen. Der Metaller Konrad Ott bleibt sich treu.

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