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Von den gar nicht süßen Träumen

Sylvia Wanke zeigt „Hirngespinste und Kopfgeburten“ in der Ditzinger Galerie am Laien

Eindrucksvoll: Sylvia Wanke und ihr „Nächtlicher Sänger“.Foto: Susanne Müller-Baji
Eindrucksvoll: Sylvia Wanke und ihr „Nächtlicher Sänger“. Foto: Susanne Müller-Baji

Ditzingen. Eben war noch alles rational, doch dann kam die Dämmerung und mit ihr die Chimären, Nachtmahre und all die anderen. Sie haben sich häuslich beim Ditzinger Kultur- und Kunstkreis in der Galerie am Laien niedergelassen, wo Sylvia Wanke ab morgen ihre Ausstellung „Hirngespinste und Kopfgeburten“ zeigt.

„Lullaby“ heißt eines der Objekte, „Wiegenlied“. Doch das rotnasige Ding aus Pappmaché, das da auf der Maske des Schläfers hockt, wirkt ganz und gar nicht so, als würde es süße Träume bringen. Sylvia Wankes Werk ist ein Spiel mit den Wesen, die uns in der Kindheit begleitet haben, „Archetypen“ nennt sie sie: Der Sandmann taucht darin auf, der Kasper, die Chimären, die man beim Wolkengucken entdeckt hat und sogar das eine oder andere Stehaufmännchen. Doch Vorsicht, sie alle haben ihre dunkle Seite. Wer hätte nicht als Kind Angst vor der eigentlichen Bedeutung von „Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“ bekommen? Was, wenn der Schlaf nahe an den Tod führt, wenn der Sandmann Dunkleres im Schilde führt?

Und so wird der Ausstellungsbesuch zum Balanceakt, weil die beiden Hälften der Wirklichkeit nicht immer aufeinander passen, in den Kopfbüsten von Sylvia Wanke nicht und in der Welt draußen schon gar nicht. Das gilt auch für die Masken, die nun im Kabinett der Galerie zu sehen sind: Sie erinnern an den Effekt, wenn man einen Spiegel auf eine Hälfte seines Porträts stellt und mit einem Mal eine verzerrte Version seiner Selbst erblickt. Symmetrie ist eine gelungene Illusion, gerade wie die Theaterwelt, in der sich die Künstlerin so poetisch bewegt. Denn Sylvia Wanke ist Bildhauerin, Szenografin und Dozentin am Studiengang Figurentheater der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo sie ihre Schüler lehrt, Figuren zu entwickeln, zu bauen und zum Leben zu erwecken. Sie erzählt von ihrem neuesten Projekt, einem Figurentheater zu Oskar Schlemmer (1888..1943), dem Stuttgarter Künstler, Bühnenbildner und Schöpfer des Triadischen Balletts. 2008 hat sie ihm schon einmal nachgespürt, 2019 soll die neue Produktion auf die Bühne kommen.

Ihr Bühnenleben bereits hinter sich hat hingegen die nun ebenfalls ausgestellte Maske des „Jokers“: Sie war Teil einer Ausstattung, die Sylvia Wanke für das Thüringer Staatsballett geschaffen hat. Sie hat die benutzten Masken zerschnitten und zu etwas Neuem zusammengefügt, ein ähnliches Vorgehen, wie bei der Collagen-Serie, die sie jetzt zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. In ihnen recycelt sie, was von Büsten und Objekten übrig blieb, und schafft aus erstarrtem Pappmaché-Guss, gekleisterten Papierkordeln und Zeitungspapier zweidimensionale Bühnenräume.

Für den Rundgang durch die sehenswerte Ausstellung empfiehlt sich übrigens besonders die Zeit der frühen Dämmerung. Danach tritt man aus der Galerie, blickt hinauf in den unruhigen, abendlichen Himmel – und mit einem Mal sind sie wieder alle da: Sandmann, Nachtmahr und der Stoff, aus dem die „Hirngespinste“ sind.

Info: Die Werkschau eröffnet morgen in der Städtischen Galerie, Am Laien 3, und ist bis 17. Dezember zu sehen – dienstags und donnerstags von 16 bis 18 Uhr sowie sonntags von 14 bis 17 Uhr. Am Montag, 17. Dezember, ist Sylvia Wanke ab 20 Uhr zu Gast beim Kulturtreff im angrenzenden Gewölbekeller; die Galerie hat dann zusätzlich von 19 bis 20 Uhr geöffnet.

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