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Gesundheit

Wachstumskurs führt auf die Alb

Die Regionale Kliniken-Holding, zu der auch die Krankenhäuser im Kreis gehören, steht vor einer Expansion. Der Konzern übernimmt offenbar die Geschäftsführung und Buchhaltung der defizitären Hospitäler im Kreis Reutlingen.

Ein Ludwigsburger Mediziner setzt bei einer Operation Kamera und Laser ein: Kreisklinikenchef Jörg Martin plant, seinen Krankenhauskonzern weiter auszubauen. Foto: Holm Wolschendorf
Ein Ludwigsburger Mediziner setzt bei einer Operation Kamera und Laser ein: Kreisklinikenchef Jörg Martin plant, seinen Krankenhauskonzern weiter auszubauen. Foto: Holm Wolschendorf

Kreis Ludwigsburg. Im vergangenen März begibt sich eine Delegation aus dem Kreis Reutlingen auf Infofahrt. Das Ziel: die Regionale Kliniken-Holding (RKH) in Ludwigsburg. Die Reutlinger Kommunalpolitiker, Gesundheitsmanager und Mediziner wollen sich über die Vor- und Nachteile eines großen Klinikenverbunds informieren. Die RKH ist unter den kommunalen Krankenhausträgern in Baden-Württemberg der Spitzenreiter. Sie kommt auf mehr als 2500 Betten und rund 8000 Mitarbeiter in den drei Landkreisen Ludwigsburg, Enz und Karlsruhe.

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„Wir sind stolz darauf, als kommunaler Träger zum Zug gekommen zu sein.“

Jörg Martin
Klinikenchef

Die Reutlinger brauchen für ihre Häuser in Bad Urach, Münsingen und der Kreisstadt dringend einen schlagkräftigen Partner. 2018 wiesen ihre Einrichtungen (etwa 775 Betten und 2000 Mitarbeiter) einen Verlust von knapp fünf Millionen Euro aus. Im Jahr davor waren es noch einmal 1,8 Millionen Euro mehr.

Im März 2020 stehen die RKH und die Kreiskliniken Reutlingen nun kurz davor, einen Managementvertrag abzuschließen. Das bestätigt der Ludwigsburger Klinikenchef Jörg Martin auf Anfrage unserer Zeitung. „Ja, es stimmt“, so Martin gestern. „Der Vertrag hat eine Laufzeit von drei Jahren mit einer Option, um weitere zwei Jahre zu verlängern.“ Der Inhalt: Die Regionale Kliniken-Holding übernimmt in Reutlingen die Geschäftsführung und hat ab dem 1. Mai auch das Kommando bei den Finanzen – wenn der Reutlinger Kreistag am kommenden Montag und die Gremien der RKH dem Deal demnächst zustimmen.

Die Vereinbarung hätte auch personelle Auswirkungen. Der RKH-Direktor aus dem Enzkreis, Dominik Nusser, soll neuer Geschäftsführer der Reutlinger Kreiskliniken werden. Medizinischer Geschäftsführer und Vorsitzender der Geschäftsleitung wird demnach der Ludwigsburger Klinikenchef Martin, der auch alleiniger Geschäftsführer der RKH-Häuser bleibt. „Die Aufgaben lassen sich gut vereinbaren“, so der habilitierte Anästhesist zu unserer Zeitung, „wenn sich nicht gerade das Coronavirus ausbreitet.“ Der Keim beschäftigt den Krankenhausmanager derzeit nach eigenen Angaben 24 Stunden am Tag.

Martin zeigte sich am Mittwoch „stolz darüber, dass wir als kommunaler Träger zum Zug gekommen sind“, und zwar in einem europaweiten Ausschreibungsverfahren, an dem sonst offenbar nur private Krankenhauskonzerne teilgenommen hatten. Außerdem kündigte der Gesundheitsexperte eine medizinische Bestandsaufnahme an. „Wir werden schauen, wo wir kooperieren können“, sagte er gestern. Immerhin ist der Weg nach seinen Angaben von Ludwigsburg nach Reutlingen zwei Kilometer kürzer als etwa zum RKH-Haus Bruchsal.

Darüber hinaus erhofft sich Martin Synergieeffekte – zum Beispiel beim Einkauf. Und: „Die Reutlinger haben offenbar erkannt, dass es starke Partner braucht, um die Herausforderungen der Zukunft etwa bei der Digitalisierung oder Präzisionsmedizin zu bewältigen.“

Eine Fusion der Häuser in Reutlingen, Bad Urach und Münsingen mit den RKH-Kliniken ist vorerst wohl nicht angedacht. „Der Managementvertrag gewährleistet den Kreiskliniken Reutlingen die unternehmerische und gesellschaftsrechtliche Selbstständigkeit“, so Martin. Auf die Frage, ob er nicht doch ein erster Schritt in Richtung Zusammenschluss sei, sagte der Manager: „Absolut nicht“. Mit Blick auf die Vertragslaufzeit ließ er sich aber ein Hintertürchen offen: „Fünf Jahre sind im Gesundheitswesen eine lange Zeit.“

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