Festhaltetherapie
Ludwigsburg | 28. April 2018

„Es geht mir nicht um Mitleid“

Bisher hat Stadtrat Oliver Kube vor allem mit Aktionen gegen Rechts von sich Reden gemacht. Nun will der 27-Jährige mit einem Buch gegen die Festhaltetherapie vorgehen. Er hat die umstrittene Erziehungsmethode im Grundschulalter selbst erlebt – und erlitten.

Der Ludwigsburger Stadtrat Oliver Kube hat sich mit einem sehr persönlichen Thema an die Öffentlichkeit gewandt.Archivfoto: Ramona Theiss
Der Ludwigsburger Stadtrat Oliver Kube hat sich mit einem sehr persönlichen Thema an die Öffentlichkeit gewandt.Archivfoto: Ramona Theiss

Was wie ein harmloser Familienausflug auf die Schwäbische Alb beginnt, endet für den Grundschüler Oliver Kube und seinen drei Jahre jüngeren Bruder in einer Tortur. „Du musst tun, was Mama und Papa sagen“, wiederholt Gastgeberin Burga mit bayrischem Akzent immer und immer wieder. Oliver Kube erinnert sich noch gut an die muffigen Matratzen, auf denen er und sein Bruder liegen müssen. Aber vor allem erinnert er sich an die Panik, die Angst, die Verzweiflung. Denn auf ihm liegen seine Mutter, sein Vater oder Seminarleiterin Burga und halten ihn fest, drücken ihn mit ihrem Körpergewicht in die Matte.

Die Idee hinter der Therapie: Durch intensives Festhalten soll ermöglicht werden, dass Konflikte ausgetragen werden können und die Liebe wieder fließen kann.

Festhalten empfanden Kinder schlimmer als Schlagen

„Ich habe bisher öffentlich lieber über Rechtsruck oder Kapitalismus geredet“, so Kube, der für Ökolinx im Ludwigsburger Gemeinderat sitzt. Als er erfahren hat, dass die Festhaltetherapie immer noch praktiziert wird, hat er sich dazu entschlossen, mit dieser sehr persönlichen Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. „Es geht mir nicht um Mitleid“, so Kube. Sein Ziel sei es, den Wahnsinn zu stoppen.

Eine Psychologin der Erziehungsberatung des Landratsamts hatte die Therapie, die von Jirina Prekop propagiert wird, empfohlen. Prekop arbeitet damals als Therapeutin am Stuttgarter Olgahospital und veröffentlicht zahlreiche Ratgeberbücher. Kube und sein Bruder seien wilde, aufmüpfige Jungs gewesen. Mit der Festhaltetherapie versuchen sie, die Jungen in den Griff zu bekommen. Etwa ein Jahr lang fahren seine Eltern alle zwei Wochen, manchmal wöchentlich zu Burga, später wechseln sie zu einer Therapeutin in den Kreis Ludwigsburg.

„Die Recherche war emotional anstrengend, die Veröffentlichung habe ich dann als befreiend erlebt“, sagt Kube, der neben seinen eigenen Erfahrungen und die seines Bruders auch die Erlebnisse anderer junger Menschen schildert. „Ich habe es nur als Gewalt erlebt“, heißt es in einem Bericht, „Festhalten war schlimmer als Schlagen“, in einem anderen.

Ohne Wirkung ist die Therapie bei Kube nicht geblieben. „Ihr seid ruhiger geworden“, erinnert sich Kubes Mutter, die ebenso wie der Vater inzwischen kritisch auf die damalige Therapie blickt. „Hätten wir das Ganze erst einmal von außen betrachtet, hätten wir uns womöglich dagegen entschieden“, werden sie in Kubes Buch zitiert. „Sie haben sich einreden lassen, dass sie etwas Gutes tun“, erklärt sich der 27-Jährige das Verhalten der Eltern. Auch heute gebe es noch Therapeuten, die Eltern die Festhaltetherapie empfehlen.

„Betroffene kämpfen mit verheerenden Langzeitfolgen“

Professor Hermann Ebel ist Ärztlicher Direktor an der Ludwigsburger Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin. Die Festhaltetherapie sei kein breit etabliertes Verfahren, sagt er auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Methode werde wohl heute noch angewandt, „allerdings eher im paratherapeutischen Bereich“. Sein Urteil fällt deutlich aus: „Die Festhaltetherapie genügt wissenschaftlichen Ansprüchen überhaupt nicht. Ihre Wirksamkeit ist nie wissenschaftlich geprüft worden.“ Für Kubes Kampf gegen die Festhaltetherapie äußert er großes Verständnis.

„Viele Betroffene haben mit verheerenden Langzeitfolgen durch die erzwungene Nähe zu kämpfen, das ist mir erspart geblieben“, so Kube. „Ein angepasstes, ruhiges Kind bin ich nicht geworden. Zum Glück.“ Mit körperlicher Nähe habe er heute keine Probleme. „Nur meine Eltern kann ich nicht umarmen, aber das ist eben ihr Problem.“

Info: Das E-Book „Festhaltetherapie. Dein Wille breche“ ist online unter der Adresse https://festhaltetherapie-stoppen.blogspot.de abrufbar.

Stephanie Bajorat
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