Demonstration
Ludwigsburg | 18. Juli 2017

Der Boden wird nicht preisgegeben

Knapp 600 Menschen protestieren in Schwieberdingen bunt und lautstark gegen Atomschutt aus Neckarwestheim, der schon bald auf den Kreisdeponien landen soll. Im Zentrum teils beißender Kritik: Minister Franz Untersteller und Landrat Rainer Haas.

Sie sind viele: Die Polizei geht davon aus, dass gestern fast 600 Menschen gegen den Freimessmüll in Schwieberdingen auf der Straße waren.
Sie sind viele: Die Polizei geht davon aus, dass gestern fast 600 Menschen gegen den Freimessmüll in Schwieberdingen auf der Straße waren.
In fast schon karnevalistischer Manier bringen die Demonstranten ihren Unmut über die Atompolitik des Landes zum Ausdruck. Fotos: Oliver Bürkle
In fast schon karnevalistischer Manier bringen die Demonstranten ihren Unmut über die Atompolitik des Landes zum Ausdruck. Fotos: Oliver Bürkle

Als das Vororchester der Schwieberdinger Musikschule im Festzelt den Klassiker „Smoke on the water“ der Rockveteranen Deep Purple spielt, positionieren sich davor gut 15 Bauern auf ihren Traktoren. Sie haben ihre Maschinen mit Maisstauden und Ginster dekoriert – und mit Plakaten, die Hohn und Spott über Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) und den Landrat ausschütten. Einer empfiehlt „Rasendünger von Landrat Dr. Haas – da strahlt die ganze Familie“.

Im Festzelt des Musikvereins spricht derweil der Schwieberdinger Mediziner und Sprecher der IG Deponien Schwieberdingen-Horrheim, Dierk-Christian Vogt. Er bringt seine Botschaft, mit der er seit langem durch den Kreis zieht, unters Volk: Nein zu rund 3350 Tonnen Atomschutt aus dem Rückbau des Neckarwestheimer Atomkraftwerks, die ab dem Herbst auf den beiden Kreisdeponien landen sollen.

Die Kundgebung ist nur der Auftakt zu einem Demonstrationszug, der nach Schätzungen der Polizei hinter den Bauern knapp 600 Menschen vor das Rathaus führt. Darunter sind Kommunalpolitiker, Atomkraftgegner, Mediziner oder Privatpersonen. Einige rufen dem Umweltminister im fernen Stuttgart zu: „Untersteller in den Keller.“

Vor dem Rathaus werden sie von weiteren Rednern empfangen. Der Hemminger Mediziner Robin Maitra trichtert der Menge ein: „Es besteht nicht die geringste Notwendigkeit, dass der Müll aus Neckarwestheim bei uns auf den Acker gekippt wird.“

Damit spricht Maitra die zentrale Forderung der Demonstranten aus. Sie verlangen von Untersteller und Haas, dass das Material dort bleibt, wo es angefallen ist: auf dem Gelände des Atomkraftwerks. Das sogenannte Zehn-Mikrosievert-Konzept, das die Unbedenklichkeit des Abfalls ausdrücken soll, bezeichnet Maitra als „kompletten Unfug“. Der VR-Bank-Vorstand Urban Krappen wirft dem Atomstromkonzern EnBW vor, einst gutes Geld gemacht zu haben und jetzt eine billige Entsorgungslösung zu suchen. Beide Redner heimsen vor dem Schwieberdinger Rathaus großen Applaus ein.

Rückenwind haben die Gegner der Mülltransporte in diesen Tagen aus dem Neckar-Odenwaldkreis erhalten. Dort spricht sich der Landrat Achim Brötel gegen den Bauschutt aus dem Obrigheimer Kernkraftwerk auf seiner Deponie aus. Er verweist auf Warnungen der Ärztekammern aus Bund und Land, wonach die Politik mögliche Strahlenschäden verharmlose.

Diese Position erwarten die Demonstranten auch vom Ludwigsburger Landrat. Haas lässt das Thema am kommenden Freitag im Kreistag debattieren. Das Ergebnis? Offen. Auch wenn Haas bisher immer betont hat, dass der Kreis rechtlich verpflichtet sei, den Neckarwestheimer Freimessmüll anzunehmen. Spannend wird sein, wie viele Kreisräte ihm folgen wollen. Der Schwieberdinger Bürgermeister Nico Lauxmann sagte am Montagabend: „Auch wenn es die Rechtslage dem Land erlaubt, den Müll bei uns abzuladen, muss es sich nicht automatisch um den richtigen Weg handeln.“

Fest steht, dass viele Demonstranten am Freitag den Weg ins Landratsamt finden werden. Gestern ließen sie zum Abschluss ihrer Kundgebung gelbe Luftballons in den Himmel steigen.

Philipp Schneider
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