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Rede an die deutsche Jugend im Schlosshof
De Gaulles Ludwigsburger Rede von 1962: Zeitzeugen erinnern sich

De Gaulle am 9. September 1962 während seiner Rede an die deutsche Jugend im Ludwigsburger Schlosshof. Archivfoto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
De Gaulle am 9. September 1962 während seiner Rede an die deutsche Jugend im Ludwigsburger Schlosshof. Archivfoto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
In der ersten Reihe sitzen die Zeitzeugen Ulrich Krüger, Rosemarie Wolf und Uta Baumgärtner. Foto: Holm Wolschendorf
In der ersten Reihe sitzen die Zeitzeugen Ulrich Krüger, Rosemarie Wolf und Uta Baumgärtner. Foto: Holm Wolschendorf
Die Zeitzeugen Hannelore Braun und Hans Jochen Henke (von links) im Gespräch mit den beiden LKZ-Redakteuren Carolin Schneider und Christian Walf. Daneben die beiden Zeitzeugen Apollonia Löffler und Hans Ulrich Jordan. Foto: Holm Wolschendorf
Die Zeitzeugen Hannelore Braun und Hans Jochen Henke (von links) im Gespräch mit den beiden LKZ-Redakteuren Carolin Schneider und Christian Walf. Daneben die beiden Zeitzeugen Apollonia Löffler und Hans Ulrich Jordan. Foto: Holm Wolschendorf
Der französische Präsident Charles de Gaulle hielt am 9. September 1962 im Schlosshof seine Rede an die deutsche Jugend. Auch wenn seitdem 60 Jahre vergangen sind: De Gaulles Worte sind immer noch präsent, wie am Donnerstagabend eine Diskussion mit Zeitzeugen im LKZ-Verlagsgebäude deutlich machte.

Ludwigsburg. Eines haben die sieben Teilnehmer der Podiumsdiskussion im LKZ-Verlagsgebäude gemeinsam: Sie waren sehr jung, als Charles de Gaulle im Innenhof der Schlossresidenz seine berühmte Rede an die deutsche Jugend hielt. Manche von ihnen waren, so wie Apollonia Löffler, Rosemarie Wolf und der spätere Oberbürgermeister von Ludwigsburg, Hans Jochen Henke, aus persönlichem Interesse gekommen. Andere wie Uta Baumgärtner und Hans Ulrich Jordan waren als Schülerreporter vor Ort. Und Ulrich Krüger, damals zwölf, gehörte als Sohn des Schlossverwalters ohnehin zum Inventar.

Riesige Begeisterung

Hannelore Braun arbeitete 1962 für das Deutsch-Französische Institut (DFI). Im Urlaub hatte sie ein Telegramm ihres Chefs bekommen. Die Weisung: Sie sollte ihren Urlaub unverzüglich unterbrechen und nach Ludwigsburg zurückkehren, um bei den Vorbereitungen der Großveranstaltung zu helfen. Sie habe zu dieser Zeit überlegt, ihren Job zu kündigen, erzählt Braun. „Im DFI herrschte damals eine steife Atmosphäre. Nach der Rede hat sich das umgedreht, ich bin dem DFI dann 50 Jahre treu geblieben.“

Sämtliche Zeitzeugen betonen im Rückblick übereinstimmend, dass de Gaulles Worte nachhaltigen Eindruck bei den Tausenden von Besuchern hinterließen. „Die Begeisterung war riesig“, meint etwa Apollonia Löffler. Der Franzose habe eine völlig andere Aura gehabt als die deutschen Politiker der Nachkriegszeit. „Die deutschen Politiker waren damals ausnahmslos alte Männer, die irgendwie den Krieg überlebt hatten – betont sachlich und auf den Inhalt bedacht. De Gaulle dagegen trat sehr emotional auf.“

Aus heutiger Sicht wirke de Gaulles Pathos aus der Zeit gefallen, räumt Uta Baumgärtner ein, vielleicht sogar ein wenig lächerlich. Doch die Rede habe ihre Wirkung nicht verfehlt. „Als junge Deutsche hatte ich endlich das Gefühl, ernstgenommen zu werden. Das Gefühl, dass Verzeihen möglich ist – ich kriege heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke.“

Beeindruckt bis heute

Der Gast aus Paris habe das gesamte Publikum im Schlosshof beeindruckt und Hoffnung verbreitet, erinnert sich Rosemarie Wolf. „Er macht den Leuten Mut und vermittelte das Gefühl, dass man wieder wer ist.“ Auf ihren eigenen Lebensweg wirkte sich de Gaulles Rede ganz konkret aus: Die damals 17-Jährige ging nach ihrer Ausbildung als Au-pair nach Frankreich und konnte ihre Fremdsprachenkenntnisse anschließend auch für ihren Job im kaufmännischen Bereich nutzen.

Hans Ulrich Jordan verweist darauf, dass Deutschland und Frankreich zu Beginn der 60er Jahre nach den beiden Weltkriegen noch ein völlig anderes Verhältnis hatten als heutzutage. „Die gegenseitigen Beziehungen waren schwierig. Es erforderte Mut gegenüber der eigenen Bevölkerung, so wie de Gaulle auf die Deutschen zuzugehen.“

Botschaft gilt bis heute

Die Botschaft des Präsidenten sei noch heute aktuell, meint Hans Jochen Henke. „Die Rede war nicht nur eine Geste der Annäherung, sondern auch politisch visionär.“

In dieser Zeit sei es für junge Menschen einfach nicht üblich gewesen, von einem Politiker direkt adressiert zu werden. „Das war ungewöhnlich. Deutschland hatte ja genug wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Probleme“, so Henke. „Die jungen Leute waren fasziniert von de Gaulle, und das wollten sie ihm auch zeigen.“

Der Präsident habe betont, dass das künftige deutsch-französische Verhältnis nur auf Basis von gegenseitigem Vertrauen, Aufmerksamkeit und Freundschaft funktionieren könne und dass es Aufgabe der regierenden Politiker sei, die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen. „Aber er hat auch gesagt, dass es an den jungen Menschen liegt, die gegenseitigen Beziehungen mit Leben zu füllen“, so Henke.

De Gaulle verstand es meisterhaft, Zuversicht zu vermitteln – eine Eigenschaft, an der es in Europa derzeit mangelt. „Man bräucht endlich wieder eine neue Ruck-Rede“, sagt Ulrich Krüger, der später wie sein Vater Schlossverwalter werden sollte. „Vielleicht klappt es ja beim 75-jährigen Jubiläum der Rede.“