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Der Kaffeebauer von Oßweil

Als Kind hatte er bereits feste Aufgaben in der Kaffeeplantage seiner Eltern. Heute importiert Jairo Hernandez Romero von Oßweil aus die Kaffeebohnen seiner Familie nach Deutschland.Eine Geschichte über die Leidenschaft für Kaffee und die Liebe zu einer Ludwigsburgerin.

So sieht eine Kaffeepflanze in der grünen Plantage aus: Jairo Hernandez Romero in Honduras.Fotos: privar
So sieht eine Kaffeepflanze in der grünen Plantage aus: Jairo Hernandez Romero in Honduras.Fotos: privar
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Jairo Hernandez Romero hat schon als Kind in der Plantage seiner Eltern Kaffee gepflanzt.
Jairo Hernandez Romero hat schon als Kind in der Plantage seiner Eltern Kaffee gepflanzt.
Die roten, reifen Kirschen werden von Hand gepflückt, mit Quellwasser gewaschen und in der Sonne getrocknet.
Die roten, reifen Kirschen werden von Hand gepflückt, mit Quellwasser gewaschen und in der Sonne getrocknet.

Wer mit Jairo Hernandez Romero eine Tasse Kaffee trinkt, kann jede Menge Begeisterung für

das koffeinhaltige Getränk erleben. Der 31-Jährige bereitet die Tasse Kaffee mit akribischer Hingabe zu. „Lieber etwas kräftiger oder mit einer schokoladigen Note?“ Er öffnet die Beutel, schließt die Augen, atmet den Duft der Bohnen ein. Er hat die Pflanzen angebaut, kennt die Menschen, die den Kaffee geerntet haben, kennt die Besonderheiten des sogenannten gewaschenen Kaffees. Jairo Hernandez Romero wiegt die Bohnen ganz genau ab und mahlt sie frisch. Er nimmt den ersten Schluck und nickt zufrieden. Ob es ein Frevel wäre, nun auch ein kleines bisschen Milch dazuzugießen? Jairo Hernandez Romero springt auf, um welche zu holen. Auch wenn er die Tasse unverfälscht genießt, darf der Besuch den Kaffee natürlich mit Milch trinken.

Jairo Hernandez Romero war fünf Jahre alt, als er zum ersten Mal auf der Plantage seiner Eltern in Honduras half, Kaffeepflanzen in die Erde zu bringen. Seine Mutter stammt aus dem Dorf Sensenti (Ocotepeque), wo seine Großeltern ihre erste Kaffeeplantage hatten. „1988 pflanzten meine Mutter und Großmutter auf drei Hektar Kaffeepflanzen an“, erzählt er. Eine Kaffeepflanze benötigt etwa zwei Jahre, bis die ersten Kirschen – so nennt man die Kaffeebohnen – geerntet werden können.

Wer an strenge Reihen einer Monokultur denkt, irrt sich offenbar. „Es gibt dort viele Bäume, Bienen und Vögel“, beschreibt Jairo Hernandez Romero die Plantage der Familie. Wenn man dem 31-Jährigen zuhört, hat man ein buntes Paradies vor Augen. Aber es gibt auch Schattenseiten. „Ich habe in der Kaffeeplantage zählen gelernt“, sagt er und senkt den Blick. Nachts musste er den trocknenden Kaffee bewachen, an den Nachmittagen Unkraut hacken. Seine älteste Schwester und er haben zwar eine Schule besucht, hatten zusätzlich aber schon früh feste Aufgaben in den Ferien und an den Nachmittagen. „Es gibt immer viel zu tun in einer Kaffeeplantage“, sagt Jairo Hernandez Romero, und er weiß, wovon er spricht.

Harte Arbeit ist ihm nicht fremd, gleichzeitig ist er als Kind schon äußerst geschäftstüchtig. In der Pause verkauft er an seine Mitschüler Popcorn, aus eigenem Antrieb, wie er sagt. Als ältester Sohn der Familie habe er früh lernen müssen, Verantwortung zu übernehmen. Sein Vater lebt inzwischen in den USA, versucht, dort Geld für die Familie zu verdienen. „Wir sind keine reichen Leute“, so drückt sich der junge Mann aus Honduras aus und nimmt einen Schluck des starken schwarzen Kaffees. Hinter ihm schlägt die Turmuhr der Oßweiler Januariuskirche. Doch wie kommt der Kaffeebauer aus Honduras in den beschaulichen Ludwigsburger Stadtteil? „Irgendwie habe ich immer schon geahnt, dass ich im Ausland leben werde.“ Gearbeitet hat Jairo Hernandez Romero nicht nur auf der Kaffeeplantage der Familie. Er besucht die Elite-Polizeischule, muss die strenge Ausbildung aber wegen einer Allergie abbrechen. Jairo Hernandez Romero verdient sein Geld in einer Goldmine und träumt doch von einem Studium. An einer Sprachenschule büffelt er Englisch in Doppelschichten, um auch im Ausland Geld verdienen zu können. Dann heuert er im Housekeeping auf einem großen deutschen Kreuzfahrtschiff an. Die Reisen übers Meer nach Mexiko und Costa Rica, Norwegen und Barcelona sollen seinem Leben eine ungeahnte Wendung verleihen.

Zur Besatzung des Kreuzfahrtriesen gehören Menschen aus 50 Nationen. Während Jairo Hernandez Romero für die sauberen Zimmer der Touristen sorgt, arbeitet Esther Fries in einem der Shops. „Ich wollte etwas von der Welt sehen“, erinnert sie sich. Als Mitarbeiterin im Verkauf hat sie Gelegenheit dazu. „Aus zollrechtlichen Gründen müssen die Geschäfte an Bord schließen, wenn das Schiff im Hafen liegt“, erklärt sie. Sofern keine Lieferung entgegengenommen werden muss, kann sie an Landgängen teilnehmen, sich Spitzbergen, Barcelona und andere Reiseziele anschauen. Die hübsche, fröhliche Deutsche fällt auch Jairo Hernandez Romero auf. „Irgendwann kam er immer häufiger beim Shop vorbei“, erinnert sie sich. Die beiden kommen ins Gespräch und verlieben sich ineinander.

„Esther hat mich nach Ludwigsburg importiert“, sagt er lächelnd. „Jetzt importiere ich den Kaffee meiner Familie nach Deutschland.“ Doch bis er dies am Esstisch in Oßweil sagen kann, gibt es viele Hürden zu überwinden: 2017 plant Esther Fries eine Reise nach Honduras, um Jairos Familie kennenzulernen. Ihre Eltern im Ländle sind alles andere als begeistert, als sie von diesen Plänen hören. Kein Wunder: Wer Honduras in die Internet-Suchmaske eingibt, bekommt sehr schnell „Honduras gefährlich“ angeboten. Auf der Seite des Auswärtigen Amts kann man lange Hinweise zur hohen Kriminalitätsrate lesen. Esther Fries lässt sich davon nicht verunsichern und steigt ins Flugzeug. Sie lernt die Familie ihres Freundes kennen und wird herzlich aufgenommen. Seine Heimat Honduras und die Gastfreundschaft der Menschen begeistern sie. Zu Esther Fries’ Geburtstag im März 2018 kommt Jairo nach Deutschland, ein paar Monate später wird die gemeinsame Tochter geboren.

Der Honduraner hat die Idee, den Kaffee seiner Familie nach Deutschland zu importieren. Er ist von der hohen Qualität der Bohnen überzeugt und hofft, der Familie auf diese Weise faire Preise zu ermöglichen. „Eigentlich hat es sich nicht mehr gelohnt“, gibt er zu. „Aber meine Mutter hat so eine riesige Leidenschaft für den Kaffeeanbau.“ Eine Ausfuhrgenehmigung von den Behörden in Honduras zu erhalten, ist keineswegs einfach, erinnern sich die beiden an den langwierigen Genehmigungsprozess und die vielen Telefonate nach Übersee. Sein 24 Jahre alter Bruder Oscar leitet die Plantage und sorgt dafür, dass die Kaffeesäcke per Schiff nach Deutschland kommen. Jairo Hernandez Romero könnte stundenlang über den Kaffee und seine Heimat, die er sehr vermisst, sprechen.

„Wir ernten von Hand mit Erntehelfern“, erzählt er. „Das Besondere ist, dass nur die reifen Kirschen gepflückt werden.“ Das mache die besondere Qualität des Kaffees aus. Dass Kinder in der Plantage arbeiten, will er auf keinen Fall. Sie sollen zur Schule gehen. „Wer die Geschichte nicht kennt, wiederholt die Geschichte“, sagt er und erinnert sich an seine eigene Kindheit. Für die jüngeren Kinder der Erntehelfer hat er auch schon eine Idee. „Mein Ziel wäre es, eine Kita in der Plantage einzurichten.“ Zukunftspläne hat er viele. „Manchmal muss ich ihn bremsen“, sagt Esther Fries und lächelt. Um das Geschäft aufzubauen, arbeitet er in Ludwigsburg als Maschinist bei Ausgrabungen des Landesamts für Denkmalpflege, die Erfahrungen aus seiner Arbeit in der Goldmine seien dabei äußerst hilfreich. Bisher hat der 31-Jährige den Kaffee vor allem an Röster in Deutschland weiterverkauft. Doch Jairo Hernandez Romero will mehr. „Alles aus einer Hand, vom Anbau bis in die Tasse“, so ist sein Credo. Dafür hat er sich jetzt eine Röstmaschine gekauft. Nur der richtige Platz zum Kaffeerösten und Abfüllen fehlt noch. Denn das darf er nur im Gewerbegebiet – wegen des starken Geruchs. Der 31-Jährige will weiter kämpfen. „Ich möchte einfach faire Preise und Bedingungen für die kleinen Kaffeebauern schaffen und verhindern, dass sie ihre Plantagen roden, weil es sich nicht mehr lohnt.“