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Nachkriegszeit

Einzigartige Kindheit in der Marstall-Kaserne

Die Geschwister Ingeborg Mautner und Richard Zimmer haben ihre Kindheit an einem Ort verbracht, den es längst nicht mehr gibt. Rückblick auf die Jahre nach dem Krieg, in denen aus Kasernen plötzlich Wohnraum wurde.

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Die Marstallkaserne in einer Luftaufnahme aus der Mitte der 50er Jahre.Archivfoto: Stadt Ludwigsburg
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Eine Kindheit im Hof der Marstall-Kaserne: Richard Zimmer mit großer Schwester und Tante (links), Ingeborg Zimmer (heute Mautner, Mitte) samt Pferdchen, und die Geschwister Renate und Richard beim Spielen (rechts).Fotos: privat
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Ingeborg Mautner und Richard Zimmer heute.Foto: Oliver Bürkle
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Ludwigsburg. Das Ludwigsburger Kapitel von Familie Zimmer beginnt nach der Vertreibung im Mai 1945. Die Eltern von Ingeborg Mautner und Richard Zimmer stammen aus Breslau in Schlesien. Der Vater muss dort ein gutgehendes Speditionsgeschäft zurücklassen. Er ist auf Kohlenhandel und Umzüge spezialisiert.

Der Verlust seines Geschäfts hält ihn aber nicht davon ab, direkt nach dem Krieg erneut sein Glück als Spediteur zu versuchen. Zuerst kommt die Familie nach Poppenweiler, im September 1945 wird sie in die Marstall-Kaserne einquartiert. Für viele Jahre wird die zur neuen Heimat. „Unser Vater hat Tag und Nacht gearbeitet“, erinnern sich Ingeborg Mautner (Jahrgang 50) und Richard Zimmer (Jahrgang 46). Die Keimzelle der neu aufgebauten Spedition Zimmer liegt in der Kaserne. „Unser Vater wollte nach der Vertreibung nur eines: Dorthin, wo die Amerikaner sind und nicht in die russische Zone“, erzählt Ingeborg Mautner.

In den ersten Jahren mietet sich Walter Zimmer Lkw von der US-amerikanischen Besatzungsarmee und organisiert damit Umzüge. Ab den 50er Jahren schafft er sich Stück für Stück einen eigenen Fuhrpark an. „Schneller Erfolg, das lag ihm im Blut“, sagen seine Kinder. Auf dem Areal der Marstall-Kaserne leben Anfang der 50er Jahre etwa 100 Menschen. Außerdem sind dort mehrere Kleingewerbe und Firmen wie die von Walter Zimmer untergebracht.

Familie Zimmer – zwei Erwachsene, vier kleine Kinder – hat zwei Zimmer. Die Kinder schlafen in der Küche. Dort werden abends zwei Betten aufgestellt, in jedes passen zwei Kinder. Die beiden älteren Geschwister – insgesamt hat die Familie sechs Kinder – schlafen in einem anderen Teil der Kaserne. Auch wenn es sehr eng ist, von beengten Verhältnissen spricht damals niemand. Und zumindest die Kinder empfinden das Leben dort alles andere als negativ. „Für uns war das eigentlich sehr schön“, erinnert sich Ingeborg Mautner. „Wir kleinen Nachkriegskinder haben von den Sorgen und Nöten der Eltern und Großeltern damals nicht so viel bemerkt.“

Das Wohnzimmer ist gleichzeitig das Büro, und in der Küche wird Wäsche gewaschen. Die Toilette ist ein Plumpsklo, und man muss über den Hof laufen, um dort hinzugelangen. Auf dem Stockwerk, in dem Familie Zimmer wohnt, sind noch sieben andere Familien untergebracht. Viele sind Vertriebene aus dem Osten.

„Als Kind war das für uns alles optimal“, erzählt Richard Zimmer. Die Kaserne ist voller Kinder. Spielkameraden zu finden ist eine Kleinigkeit. Dazu kommt der riesige Innenhof – ein gigantischer Abenteuerspielplatz. Der ist in einen oberen und einen unteren Hof unterteilt, erinnern sich Mautner und Zimmer. „Allein vier Mädchen aus der Marstall-Kaserne waren mit mir in einer Klasse in der Schule“, erzählt Ingeborg Mautner.

In den 50er Jahren haftet der Unteren Stadt ein zweifelhafter Ruf an. Zwischen den Kindern und Jugendlichen, die in der Marstall-Kaserne wohnen und denen, die weiter unten in der Talkaserne leben, gibt es Rivalitäten, sogar Kämpfe. Aber auch die Amerikaner sorgen für den fraglichen Ruf des Viertels. In den Kneipen der Unteren Stadt gibt es damals an jedem Wochenende Schlägereien, erinnert sich Ingeborg Mautner.

Für die Kinder kein Grund, das Areal um die Kaserne zu meiden. Im Winter geht’s im Schuss auf dem Schlitten den Reithausberg hinunter. Oben in der Reithalle neben dem Reithaus hat der Vater über dem Pferdestall ein Lager für seine Spedition eingerichtet.

Die Eltern fühlen sich schnell in Ludwigsburg zu Hause. Die vertriebenen Schlesier halten engen Kontakt. „Es gab eine Menge Zusammenkünfte, Familie wurde bei uns großgeschrieben“, sagt Richard Zimmer. Die Familie hat eines der ersten Fernsehgeräte in der Kaserne. „Die Nachbarn kamen mit ihren Stühlen immer zu uns ins Wohnzimmer, um gemeinsam fernzusehen.“ Neid und Hass waren nicht so ausgeprägt, die Menschen haben zusammengehalten, ist Zimmer überzeugt. „Wir hatten eine sehr schöne Kindheit.“

1958 schafft die Familie samt Firma den Sprung aus der Kaserne hinaus nach Eglosheim. Als die Marstall-Kaserne in den 60er Jahren abgerissen wird, hat die Familie keinen wirklichen Bezug mehr zu dem Ort. „Damals fanden alle in Ordnung, dass das alte Geraffel wegkommt“, erinnert sich Richard Zimmer.

Die Kindheit in der Kaserne ist für ihn und seine Schwester aber auch heute noch eine besondere Erinnerung: „Es war eine sehr schöne Zeit.“