Logo

Schlossfestspiele

Festspielintendant Jochen Sandig: „Wir alle müssen diese Welt neu denken“

„Wichtig ist, dass viele russische Künstler sich jetzt äußern“: Der Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, Jochen Sandig, erklärt im Gespräch mit unserer Zeitung unter anderem, welchen Einfluss der Ukraine-Krieg auf die neue Saison hat, deren Programm am Donnerstag offiziell präsentiert wird.

Zeigt Flagge: Intendant Jochen Sandig erklärt sich solidarisch mit den Menschen in der Ukraine. Foto: Holm Wolschendorf
Zeigt Flagge: Intendant Jochen Sandig erklärt sich solidarisch mit den Menschen in der Ukraine. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Seine dritte Spielzeit als Intendant könnte seine erste weitgehend normale werden: Jochen Sandig blickt voller Vorfreude auf die Saison der Schlossfestspiele, die Anfang Mai beginnt – gleichzeitig macht er sich große Sorgen um die Menschen in der Ukraine. Ein Gespräch über „Putinfreunde“ in der Kunst, die Festspiele als Plattform und seine Verantwortung für das große Ganze.

Herr Sandig, wir leben in unruhigen Zeiten: Erst kam Corona, nun auch noch der Ukraine-Krieg. Wie treiben diese Themen aktuell Sie und die Schlossfestspiele um?

Jochen Sandig: Der Beginn des Ukraine-Kriegs hat mich und uns alle wirklich verstört, nein: erschüttert. Zu diesem Zeitpunkt Ende Februar befanden wir uns gerade in der finalen Endredaktion unseres Programmbuchs. Soweit wir konnten, haben wir noch auf die neuen Entwicklungen reagiert. Wir haben ein Foto des interreligiösen Friedensgebets auf dem Ludwigsburger Marktplatz darin abgebildet, das direkt am Abend des 24. Februars stattfand. Dort habe ich eine starke Solidarität gespürt, am Rathaus weht die Flagge der Ukraine und auch die Fenster unseres Palais Grävenitz leuchten seitdem in Blau-Gelb. Wir haben ja auch viel zu tun mit Künstlerinnen und Künstlern aus Russland, Belarus und der Ukraine, manche leben bei uns in der Region. Die Dirigentin Oksana Lyniv, die letztes Jahr die Festspiele eröffnet hat, stammt aus Brody bei Lwiw, wo sie das MozArt Festival leitet. Sie wird dieses Jahr wieder unsere „Fest Spiel Ouvertüre“ dirigieren.

War das schon vor der Krise so geplant?

Ja! Neu ist aber, dass der Auftakt unter dem Motto „No More War“ steht, als explizites Friedenskonzert, mit dem Festspielorchester. Wir haben die 6. Sinfonie von Tschaikowsky im Programm, das letzte Werk des Komponisten, mit dem legendären langsamen letzten Satz, der einen Requiem-Charakter besitzt. Eine besondere Symbolik in diesen Zeiten. Natürlich wissen wir nicht, was im Mai sein wird. Wir haben ja alle die Hoffnung, dass dieser Alptraum bis dahin vorbei ist. Außerdem werden wir eines der schönsten Werke von Wolfgang Amadeus Mozart aufführen – sein Klavierkonzert Nr. 23, A-Dur. Der sowjetische Diktator Stalin hat Anfang der 1950er Jahre eine persönliche Aufnahme des Werkes erzwungen, es war die Musik, die ihn in seinem Sterbebett in den Tod begleitet hat. Ein wahnsinniges Stück, sehr melancholisch, mit einem Finale voller Freude und Hoffnung. Als wir das planten, ahnten wir von dem Krieg noch nichts.

Wie kann die Kultur generell mit solchen politischen und militärischen Auseinandersetzungen umgehen?

Der aggressive Angriff auf das europäische Nachbarland durch den russischen Präsidenten Putin ist natürlich ein großes Thema in den Künsten. Viele Künstler äußern sich solidarisch, senden Botschaften. Oksana Lyniv ist da sehr aktiv. Das Wichtigste ist, dass wir die Sprachlosigkeit überwinden und mit unseren Mitteln reagieren. Die Waffen der Künstler sind ihre Instrumente – sie treffen ins Herz, ohne zu töten. Musik und Tanz sind universelle Sprachen. Unsere Aufgabe in diesem Jahr als Fest der Künste, Demokratie und Nachhaltigkeit besteht darin, diese politischen Themen zu reflektieren. In den vergangenen Jahren ging es vor allem um den Klimawandel, Gender Equality und Black Lives Matter, natürlich wird uns das auch weiter begleiten. Wie gehen wir mit Krisen um? Und was bedeutet Freiheit? Wie leben wir in Frieden? Da sind wir natürlich sofort bei Schiller und Beethoven. Es ist schlimm, zu erleben, dass unsere kulturellen Werte so stark angegriffen werden. Umso mehr müssen wir die Kraft, die von der Musik ausgeht, nutzen.

Welche russischen und ukrainischen Musiker gibt es denn im kommenden Programm?

Am Eröffnungswochenende laden wir ein Kammerensemble des von Oksana Lyniv gegründeten Youth Symphony Orchestra of Ukraine zur Eröffnung unserer Frei-Luft-Musik-Reihe auf dem Marktplatz ein. Dort wird auch die ukrainische Musikerin und Dirigentin Viktoriia Vitrenko ein Konzert geben. Patricia Kopatchinskaja trägt ihre Heimat Moldawien im Herzen, sie wird auch ein sehr bewegendes Projekt mit dem Mahler Chamber Orchestra entwickeln. Die inhaftierte belarussische Freiheitskämpferin und Musikerin Maria Kalesnikava war ja bereits im vergangenen Jahr ein wichtiges Thema. Am 11. Juni widmen wir der Demokratiebewegung in Belarus „Die unvollendete Revolution“, mit Werken, die auf Basis von belarussischen Gedichten entstanden sind, geleitet von Vitali Alekseenok, der auch das Buch „Die weißen Tage von Minsk“ verfasst hat.

Der als „Putinfreund“ geltende russische Dirigent Waleri Gergijew wurde jüngst in München wegen seines Schweigens zum Krieg entlassen. Würden Sie besonders von russischen Künstlern ein politisches Bekenntnis erwarten, wie sie zu dem Konflikt stehen?

Alle Künstler, die wir einladen, bekennen sich ganz klar gegen den Krieg und gegen Putin. Und zwar ganz deutlich, auch öffentlich. Das ist eine Voraussetzung, das ergibt sich aber bei uns auch von selbst. Ich kenne Gergijew und verstehe durchaus das Dilemma, in dem er sich befindet. Aber seine Sprachlosigkeit, finde ich, ist ein No-Go. In der Woche, in der der Krieg begann, wäre ich eigentlich nach Russland gereist. Teodor Currentzis hat am 24. Februar seinen 50. Geburtstag gefeiert, mit einem Konzert in St. Petersburg, ich wäre dabei gewesen. Die Neunte von Beethoven stand auf dem Programm, mit diesem mir so wichtigen Satz „Alle Menschen werden Brüder“ – und Schwestern, ergänze ich da immer gerne. Das ist unser Leitmotiv: Was wir jetzt brauchen, ist ein Zusammenraufen, Zusammenstehen, wenn ein Land ein anderes angreift, noch dazu ein Brudervolk. Wichtig ist, dass viele russische Künstler sich jetzt äußern.

Sind die Festspiele also einmal mehr wichtiger denn je, als Plattform?

Ja, gerade in dieser dunklen Zeit ist es an uns, ein Licht anzuzünden in den elf Festivalwochen, die vor uns liegen. Ich freue mich sehr auf die Saison – trotz der schrecklichen Ereignisse, aber eigentlich gerade deshalb, weil unser Programm enormen Sinn stiftet. Ich hoffe, dass wir großen Zulauf haben und die Menschen in unsere Konzerte strömen, in einer Zeit, in der wir Corona einigermaßen im Griff haben. Wenn wir die Bilder aus der Ukraine sehen, relativiert sich ohnehin alles. Wir waren zwei Jahre lang im Krisenmodus, aber Menschen, die ums nackte Überleben kämpfen, sind noch mal in einer ganz anderen Situation. Aktuell findet ja ein Wandel statt, dass man verstärkt in militärische Kapazitäten investieren will. Da zucke ich innerlich schon zusammen – weil ich denke, dass Friedenssicherung auf ganz vielen Ebenen stattfinden und auch finanziert werden muss.

Was meinen Sie konkret?

Wissen Sie, ich bin in Esslingen aufgewachsen als Ältester von drei Kindern, meine Eltern waren immer sehr aktiv in der Friedensbewegung. Das war auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, mein Vater ist vor dem Bau der Mauer aus Sachsen nach Süddeutschland gekommen, meine halbe Verwandtschaft ist in der DDR aufgewachsen. Das alles hat mich sehr beschäftigt, und ich bin dann auch nicht zur Bundeswehr gegangen, sondern habe Zivildienst gemacht. Nicht umsonst bin ich in der Kultur gelandet. Als Intendant suche ich nach Mitteln und Wegen für Völkerverständigung und gegen den Hass, der von Diktatoren wie Putin geschürt wird. Ich denke, es würde Sinn ergeben, viel mehr Geld in Demokratiebewegungen und Friedensprozesse zu investieren und internationale Austauschprojekte zu fördern. Wenn jetzt allein in Deutschland 100 Milliarden Euro mehr in militärische Ausrüstung gesteckt werden, könnte man schon überlegen, ob man davon nicht wenigstens ein Prozent in eine andere Richtung lenkt: eine Milliarde für nichtmilitärische Friedenssicherung! So könnten zum Beispiel 4000 Projekte mit jeweils 250000 Euro gefördert werden – Imagine! Fatal wäre es hingegen, wenn vor lauter neuen Baustellen jetzt die Kultur hinten runterfällt und in unserem Bereich gekürzt wird.

Welche Rolle darf und soll der Aspekt der Nationalität in diesem Kontext spielen?

Bei der Solidarität mit der Ukraine geht es mir um die Menschen, nicht um die Nation. Die Vision eines geeinten und friedlichen Europas steht im Mittelpunkt. Es geht um die Idee einer Menschheitsfamilie, wie bei Schiller, dass wir Weltbürger werden. Die Kulturszene ist ja ohnehin eine große Familie. Symphonie bedeutet im Griechischen „Zusammen-Klang“, in friedlicher Weise, Koexistenz. Es bildet sich dadurch ein utopischer Raum der pluralistischen Demokratie in Harmonie.

Corona bildete in Ihrer bisherigen Intendanz den Rahmen, zwangsweise. Nun beginnt Ihre dritte Saison, es könnte die erste zumindest halbwegs normale werden. Wie ist Ihre Gefühlslage?

Ich bin einerseits erschüttert von den Weltereignissen, habe aber gleichzeitig das Gefühl, dass wir über den kritischen Punkt in der Pandemie hinaus sind. Impfen ist keine Einschränkung der Freiheit, sondern bringt sie uns zurück. Wir leben zum Glück in einer sehr lebendigen Demokratie – nicht in einer Diktatur, wie manche ja behaupten. Mir ist wichtig, dass unsere Besucherinnen und Besucher die Festspiele als Möglichkeit sehen, wieder zusammenzukommen. Sehr lange waren wir in sozialer Distanz zueinander, wir brauchen wieder geistigen und seelischen Austausch. Dazu gehört auch das Glas Wein danach, das Gespräch. Im Klangkreis im Schlosshof, auf dem Marktplatz. Ich bin optimistisch. Wir müssen unseren Auftrag als Festspiele noch mehr umsetzen, das wird in diesem Jahr zum ersten Mal deutlich werden.

Inwiefern?

Das betrifft besonders die Öffnungsstrategien, an denen wir ja schon seit zwei Jahren arbeiten: Die Möglichkeit, im Klangkreis des Festspielzentrums im Schlosshof kostenlos Liveübertragungen von Konzerten zu verfolgen, dazu gibt es elf Marktplatzkonzerte, immer freitags. Aber auch der gesellschaftspolitische und demokratische Impuls muss stärker werden. Es geht nicht darum, irgendwelche Länder gegeneinander auszuspielen. Kiew, Charkiw, Lwiw, Odessa – es sind derzeit vor allem die Städte, die angegriffen werden, wir leben hauptsächlich in Städten. Der Austausch zwischen Stadtbürgern auf dieser Welt wird wichtiger werden, das müssen wir stärker diskutieren.

Spielt Corona inhaltlich noch eine Rolle im Programm?

Mir war es auch wichtig, in dieser Saison die Pandemiezeit weiter zu reflektieren. Wir haben auffällig viele Werke, die große existenzielle Fragen bearbeiten, die die Verarbeitung von Trauer thematisieren. Die h-Moll-Messe von Bach, die Missa Solemnis von Beethoven und das Brahms-Requiem können dabei auch viel Trost geben. Schon im Programmheft 2020 schrieb ich, viele Ereignisse noch nicht ahnend, dass wir am Beginn einer Zeitenwende stehen. Das ist fast zu schwach, eher ist es ein Epochenumbruch – und wie sich diese Epoche entwickelt, wird von uns allen abhängen. Wir können nicht darauf warten, dass uns irgendjemand den Weg weist, sondern wir müssen alle gemeinsam diese Welt neu denken.

Sie haben im Januar ja Verstärkung bekommen: Gabriele Zerweck ist neue zweite Geschäftsführerin neben Ihnen. Was war Ihnen bei dieser Veränderung wichtig?

Ich wollte ganz bewusst eine Doppelspitze installieren mit einer Person, die nicht nur den Bereich Künstlerische Planung und Produktion leitet, sondern auch die Geschäftsführung mit mir teilt. Stadt und Land haben dieser Idee zugestimmt, die ich schon länger im Sinn hatte. Gabriele Zerweck passt perfekt in dieses neue Leitungsmodell. Wir mussten die Lasten einfach auf mehr Schultern verteilen.

Damit Sie mehr Bewegungsfreiheit haben?

Ja, und horizontale Strukturen sind zukunftsweisend – ich bin keine One-Man-Show, sondern Teil eines Teams. Als Intendant trage ich weiterhin die Verantwortung für das große Ganze, aber auf das Team kommt es an.

„Bitte stören“ steht an Ihrer Bürotür…

Das „nicht“ habe ich dabei umgeknickt (lacht). Mir ist es wichtig, immer offene Türen zu haben. In der Vergangenheit habe ich schon in Leitungsteams zu dritt oder zu viert mitgewirkt, im Teilen von Macht und Verantwortung bin ich erfahren, es hat viele Vorteile. Wenn man schwierige Phasen hat – die es ja zuletzt bei den Festspielen auch öfter gab –, ist das besonders wichtig. Geteiltes Leid ist halbes Leid, aber geteilte Freude ist doppelte Freude.

Autor: