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Gewalt auf Sportplätzen: Vereine in der Verantwortung

Drei Spielabbrüche in zwei Wochen. Im Fußballbezirk Enz/Murr ging es in den vergangenen Wochen drunter und drüber. Nun hofft man auf tatkräftige Unterstützung der beteiligten Vereine.

Bei jedem Spiel stellt der Gastgeber Ordner zur Verfügung. Die Gewalt hält das aber nicht von den Amateurplätzen fern. Foto: Baumann
Bei jedem Spiel stellt der Gastgeber Ordner zur Verfügung. Die Gewalt hält das aber nicht von den Amateurplätzen fern. Foto: Baumann

Ludwigsburg. Der Schritt von Ingo Ernst war durchaus außergewöhnlich: Mit einer Rundmail an Pressevertreter und Vereine brachte er seine Sorge zum Ausdruck, mit der der Vorsitzende des Fußballbezirks Enz/Murr die jüngsten Spielabbrüche verurteilt. Darin schreibt Ernst von einer „Zunahme der Gewalt auf Sportplätzen“ – zwischen Spielern, Zuschauern, aber auch gegenüber Schiedsrichtern. Dies habe an zwei aufeinanderfolgenden Spieltagen zu insgesamt drei Spielabbrüchen im Bezirk geführt. „Emotionen gehören zum Fußball, aber keine Gewalt“, sagt Ernst, angesprochen auf die Beweggründe seines Brandbriefs.

Dabei bleibt die Frage, wieso es im Fußball so viel häufiger zu Auseinandersetzungen mit teilweise schwerwiegenden Folgen kommt als in anderen Sportarten. So wurden in der letzten vollständig zu Ende gespielten Saison vor der Coronapandemie 0,05 Prozent (685) der Spiele in Deutschland wegen einer Störung abgebrochen, teilte der Deutsche Fußball-Bund auf seiner Internetseite mit. Zudem wurden 3987 Spiele wegen einer Gewalthandlung, 2725 wegen einer Diskriminierung gemeldet. Mit etwaigen Problemen schlägt man sich in anderen Sportarten nicht herum. Der Deutsche Basketballbund meldet auf Nachfrage: „Es gibt keine Statistiken zu diesem Thema. Es gibt aber auch nahezu nie Gewalt im Basketball, weder auf dem Feld noch auf den Rängen. Wenn, dann handelt es sich um absolute Einzelfälle und Ausnahmen.“ Auch vom Deutschen Handballbund hört man Ähnliches.

„Im Basketball oder Handball gibt es so was nicht. Es sind die Kleinigkeiten an Respekt, die im Fußball abgehen“, sagt Ernst. Zuletzt wurden drei Spiele in der Kreisliga B nach Ausschreitungen abgebrochen: Croatia Bietigheim II – Sönmez Spor Bietigheim, VfL Gemmrigheim II – Sönmez Spor Bietigheim, TSC Kornwestheim II – FC Gerlingen III. Eine Woche zuvor hatte beim Spiel der zweiten Mannschaften des GSV Höpfigheim und des FC Marbach sogar die Polizei eingeschaltet werden müssen.

Neben Geldstrafen im dreistelligen Bereich gab es laut Ernst „Spielsperren, die bis in den April 2022 hineingehen“. Viel mehr setzt der Bezirksvorsitzende aber auf das Durchgreifen der Vereine: „Wir sind auf deren Unterstützung angewiesen.“ Der Schritt der Marbacher könnte einer in die richtige Richtung gewesen sein. Der FCM kündigte an: „Sobald sich für uns ein klares Bild ergibt, wer daran beteiligt war, werden diese Leute das letzte Mal für den FC Marbach aufgelaufen sein.“

Nach den jüngsten Spielabbrüchen hat der WFV auch über die Spielwertungen entschieden. So geht Sönmez Spor in beiden Fällen als 3:0-Sieger hervor, Gerlingen hat das Spiel beim TSC am Grünen Tisch gewonnen.

Abgehakt ist das Thema damit nicht. Zumindest manche Vereine setzen auf weitere Konsequenzen. „Neben den Strafen des WFV und der Mannschaft wird er noch eine soziale Aufgabe im Verein von mir bekommen“, sagt Gemmrigheim-Coach Andreas Schweiker über seinen Spieler, der sich ein Wortgefecht mit einem Gegner geliefert habe, in dessen Folge es zu Handgreiflichkeiten kam. Das geht Sönmez-Trainer Özdemir Arslan nicht weit genug. „Wenn das mein Spieler wäre, würde er bei mir nicht mehr spielen.“

Der Coach möchte ohnehin nur ungern über Details der Ausschreitungen sprechen. Vielmehr spreche für sein Team, dass die WFV-Urteile zu dessen Gunsten ausgesprochen wurden. Dennoch habe er über Konsequenzen nachgedacht. „Ich war kurz davor zurückzutreten.“ Erst sein Team habe ihn zum Bleiben überredet.

Interne Konsequenzen wird es bei Croatia dagegen nicht geben. „Ich kann meinen Spielern nichts vorwerfen“, sagt Spielleiter Ante Mihaljevic: „Vom Sportgericht kam das Urteil, da wir nicht weiterspielen wollten. Im Endeffekt hat es so ausgesehen, als ob wir die Aggressoren waren, obwohl ein Spieler von Sönmez angefangen hat. Dass wir mit der Strafe und als Schuldige rauskommen, finde ich total ungerecht“, hadert er mit dem Gegner und dem WFV.

Ebenfalls unzufrieden ist man beim TSC Kornwestheim. Yasin Ayan, Spielertrainer und Vorstandsmitglied des TSC, berichtet über das vorzeitige Ende der Partie gegen Gerlingen: „Der Schiedsrichter hat auf Verdacht das Spiel abgebrochen.“ Der Unparteiische habe kurz vor Spielende Spucke an seinem Bein entdeckt und einen TSC-Spieler vom Platz gestellt, ohne zu wissen, von wem die Spucke überhaupt kam. „Die getrocknete Spucke an der Wade habe ich gesehen. So eine Aktion kann man nicht schönreden. Aber uns als TSC Kornwestheim so bloßzustellen und zu sagen, das kam von uns aus, wollen wir nicht akzeptieren.“ Die Karte sei mittlerweile zurückgenommen worden. „Ich kann da keinen Spieler für bestrafen“, sagt Ayan.

Der Bezirksvorsitzende Ernst hofft indes weiterhin, dass in Zukunft solche Themen nicht mehr diskutiert werden müssen: „Letztendlich kann ein Sportgericht etliche Strafen aussprechen. Aber wollen wir das? Wir wollen einen gescheiten Spielbetrieb, in dem man fair miteinander umgeht.“

Interview: Kriminologin Dr. Thaya Vester über Gewalt im Amateursport, die Rolle von Schiedsrichtern und die Macht von Sanktionen

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