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Porträt

„Ich baue mein Leben gerade auf“

„Alles hat sich hier super entwickelt“, sagt Omar Altif Almouchrif zufrieden. Der 25-jährige Syrer ist seit über drei Jahren in Deutschland, macht eine Ausbildung zum Bankkaufmann und lebt mit seiner deutschen Freundin in Oßweil.

Omar Altif Almouchrif bei der Arbeit in der Kreissparkassen-Filiale.Foto: Ramona Theiss
Omar Altif Almouchrif bei der Arbeit in der Kreissparkassen-Filiale. Foto: Ramona Theiss

Man muss ein Ziel haben, das war dem jungen Mann klar, als er nach Deutschland kam. „Ich wusste, dass ich mein Leben selbst aufbauen muss“, sagt der Syrer. Mittlerweile macht er eine Ausbildung zum Bankkaufmann, trägt Anzug, Krawatte und Armbanduhr. Die Arbeit gefällt ihm. Dafür war Omar Altif Almouchrif auch fleißig.

Schon kurz nach seiner Ankunft in Deutschland lud er sich eine Sprach-App herunter. „Ich habe sofort damit angefangen, erste Wörter und Zahlen auf Deutsch zu lernen“, sagt er. Ein halbes Jahr später in einer Flüchtlingsunterkunft in Tamm schlief er tagsüber, um nachts in Ruhe Deutsch lernen zu können. „Privatsphäre gab es nicht. Wir waren zu acht in einem Raum und es war laut“, sagt Omar. In den 3,5 Jahren, die er nun hier ist, lernte er so gut Deutsch, dass er damit studieren gehen könnte. „Ich liebe die deutsche Sprache. Und Schwäbisch. Ich kenne auch Wörter und Geschichten auf Schwäbisch. Zum Beispiel die vom Herrgottsbscheißerle. Weißsch?“, sagt er und lacht.

In Syrien hatte Omar Tiermedizin studiert. Er wollte jedoch das Fach wechseln und BWL weiterstudieren. „Aber wegen des Krieges musste ich das Studium abbrechen.“ Seine Heimat, Deir Azzor, eine Stadt nahe der Grenze zum Irak, wurde bombardiert, das Haus der Familie zerstört, Studienkollegen ermordet, erzählt er. Omar musste zu Hause bleiben. „Mein Vater sagte: ‚Du musst deinen Weg finden. Das Militär wird dich finden und zur Wehrpflicht zwingen‘. Ich wollte aber keine Menschen töten.“ Also fasste er den Entschluss, zu fliehen. Sein Vater verkaufte das Auto, um die Reise zu finanzieren.

Mitte 2015 kam Omar in Deutschland an. Er landete er in einer Unterkunft in Tamm. Dort lernte er einen jungen Deutschen kennen. Es entstand eine Freundschaft. Über ihn begegnete Omar einer Familie aus Ditzingen. Schließlich fragte die Familie, ob der Syrer nicht für eine Weile bei ihnen wohnen wolle. Das Zusammenleben klappte sehr gut, erzählt der 25-Jährige. „Die Familie hat mir sehr geholfen.“

In Tamm traf er auch einen zweiten wichtigen Menschen: Marie-Therese Engl. Die Ludwigsburgerin machte ein Praktikum in der Sprachschule, die Omar besuchte. Sie gefiel ihm sofort. „Ich habe sie zu uns ins Heim zum Essen eingeladen, obwohl der Ort nicht angemessen ist. Aber ich habe mich getraut“, sagt er und grinst. Es folgten mehrere Treffen, aus denen sich mehr entwickelte. Seit einem Jahr lebt das Paar in einer gemeinsamen Wohnung in Oßweil. Kulturelle Hürden gebe es wenige, erzählt Omar. „Manchmal verstehe ich ihren Humor nicht. Aber ihr geht es genauso.“ Anders als in Syrien würden die Frauen in Deutschland weniger kochen, hat er festgestellt. „Ich koche jetzt viel arabisch daheim. In Syrien nie, aber jetzt schon. Ich rufe dann meine Mutter an und sie sagt, welche Gewürze ich hinzufügen muss.“ Seine Freundin freut sich jedes Mal, wenn er arabisch kocht. Umgekehrt isst Omar gerne schwäbisch. Auch Marie-Thereses Familie sei von Anfang an sehr aufgeschlossen ihm gegenüber gewesen. „Sie waren nie kritisch“, sagt er. „Ich habe hier meine zweite Familie gefunden.“

Mit seiner Familie in Syrien telefoniert er regelmäßig. Sein Vater starb 2017, er war krank, erzählt Omar. „Ich konnte mich leider nicht von ihm verabschieden.“ Er hält kurz inne. „Aber ich werde ihn nicht enttäuschen. Er wollte mich als Auszubildenden und Studenten in Deutschland sehen. Ich arbeite daran, dass er und ich zufrieden sind.“

Einen Teil seines Ziels habe er mit der Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Kreissparkasse Ludwigsburg schon erreicht, das beruhige ihn. Sein Abitur wurde hier nur als Realschulabschluss anerkannt, erzählt Omar. Aber nach der Ausbildung will er dann studieren. „Ich könnte mir vorstellen, später einmal in der Beratung bei der Bank zu arbeiten“, sagt der Azubi. „Ich baue mein Leben hier gerade auf.“

Omar hat syrische und deutsche Freunde, spielt Fußball im Verein und unterstützt andere Flüchtlinge dabei, weiterzukommen, etwa indem er beim Übersetzen hilft. Und bevor er die Ausbildung begann, absolvierte er ein FSJ in Stuttgart in einem Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. „Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen“, sagt der 25-Jährige. Die jungen Flüchtlinge waren begeistert, wie gut Omar deutsch spricht. „‚Ich war fleißig, du musst auch fleißig sein‘, sagte ich zu ihnen“, erzählt Omar. „Man muss die Sprache können, um sich hier zu finden.“

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