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Covid.19

„Ich bin jetzt viel bewusster geworden“

Als das Coronavirus im März Ludwigsburg erreicht, gehört Sabine Servinho-Lohmann zu den frühen Covid-19-Erkrankten. Zwei Wochen später kämpft sie auf der Intensivstation im Klinikum um ihr Leben. Sie kehrt gesundet und ein bisschen gelassener in eine Welt zurück, in der gegen Corona-Beschränkungen demonstriert wird. „Das macht mir Sorgen“, sagt sie. „Wir müssen das Virus ernstnehmen.“

Beatmung auf der Infektionsstation: Die linke Aufnahme von Sabine Servinho-Lohmann mit Maske macht sie selbst am 29. März – einen Tag, bevor sie auf die Intensivstation verlegt und ins künstliche Koma versetzt wird. Sie hat den Kampf gewonnen: Nach v
Beatmung auf der Infektionsstation: Die linke Aufnahme von Sabine Servinho-Lohmann mit Maske macht sie selbst am 29. März – einen Tag, bevor sie auf die Intensivstation verlegt und ins künstliche Koma versetzt wird. Sie hat den Kampf gewonnen: Nach vier Wochen Krankenhaus und drei Wochen Reha freut sich die 66-Jährige über ihr neu gewonnenes Leben: „Ich bin froh und dankbar.“ Foto: privat, Holm Wolschendorf
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Ludwigsburg. Künftig wird Sabine Servinho-Lohmann zweimal im Jahr Geburtstag feiern. Einmal im Oktober, in dem sie geboren wurde, und einmal am 3. April. An diesem Tag wird die 66-Jährige aus dem künstlichen Koma geholt. „Eine Frau mit sanfter Stimme hat meinen Namen gerufen“, erinnert sie sich. „Sie erschien mir wie ein Engel.“ Ihr werden die Augen gereinigt, sie sieht „verschwommen Menschen in Vollmontur und Maschinen“. Sie ist zurück. Fünf Tage wurde sie auf der Covid.19-Intensivstation sediert und beatmet, dann schlägt die Behandlung an. „Das war mein zweiter Geburtstag.“

So poetisch würde es Professor Dr. Götz Geldner wohl nicht formulieren, doch er weiß um die Lebensgefahr, in der Sabine Servinho-Lohmann schwebte. Sie kann sich noch erinnern, dass sie von der Infektionsstation „im Laufschritt“ auf die Intensivstation gebracht wurde. Der Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie ist der medizinische Covid.19-Organisator im Kliniken-Verbund, mit zentraler Aufnahme in Ludwigsburg. Geldner sagt: „Die Entzündungsparameter waren sprunghaft angestiegen, die Blutwerte und Lungenfunktion wurden immer schlechter.“

An viel kann sich Sabine Servinho-Lohmann von diesem Moment nicht erinnern – nur an die Angst, die hochstieg. Ein Arzt sagt zu ihr: „Sie werden jetzt schlafen.“ Ins künstliche Koma versetzt, wird sie zunächst intubiert, dann nach einem Luftröhrenschnitt beatmet. Die Klinik habe gute Erfahrungen damit gemacht, die Patienten auf den Bauch zu legen, sagt Chefarzt Götz Geldner, für eine bessere Durchmischung von Blut und Sauerstoff. Die Erfolge gäben dem Team recht. „Am Anfang war es ziemlich schlecht, mit Bauchlagerung ist es besser geworden.“ Das ist wichtig: Nach zwei Wochen Beatmung, so Geldner, steigt die Mortalität rasant auf bis zu 95 Prozent.

Zu der Zeit hat das Klinikum Ludwigsburg bereits drei zusätzliche Covid-Intensivstationen eingerichtet, Sabine Servinho-Lohmann ist eine von über 50 Patienten, die dort mit Covid.19 behandelt werden. An diesem 29. März gibt es im Land über 11.500 Infizierte, 128 Tote sind zu beklagen. In Ludwigsburg sind laut Chefarzt Geldner seitdem von den Intensivpatienten 20 Prozent gestorben. Trotz der Tragik ein guter Wert, sagt der Mediziner. Früh habe man blutverdünnende Mittel gegeben, um Thrombosen zu verhindern. Es zeigte sich, dass sich diese schnell bildeten und tödliche Herzinfarkte verursachten. 20 Prozent Sterblichkeit im Vergleich zu über 50 Prozent in Italien und 40 bis 60 Prozent weltweit: „Damit sind wir mehr als zufrieden“, sagt Götz Geldner.

Die ersten Symptome zeigt Sabine Servinho-Lohmann am 15. März. Im Landkreis Ludwigsburg gibt es an dem Tag 38 Infizierte, in Baden-Württemberg sind es 977. Die Zahl steigt rasant. Bis dahin hat sie weiter an der Rezeption in einem Wellnessbetrieb gearbeitet, Freunde getroffen. Sie führt sonst als Wilhelmine von Grävenitz Touristen durch die Stadt, erzählt von den „Klugen Köpfen“ Ludwigsburgs oder veranstaltet mit den „Tafelfreuden“ und der „Serenata Venezia“ Abende mit ihrem Mann J.J. Lohmann. Corona nimmt immer mehr Raum ein, die 66-Jährige kauft die erste Mund-Nasen-Maske ihres Lebens. „Die anderen haben mich da noch ausgelacht.“ Sie sieht die Bilder aus Italien, macht sich Sorgen um ihren über 70-jährigen Mann, der mit Herz-OP und Diabetes besonders gefährdet ist.

Dann trifft es sie selbst. Hals- und Gliederschmerzen, trockener Husten, Fieber – sie geht zum Arzt. „Nicht jede Erkältung ist Corona“, habe dieser gesagt, sie geht mit einer Krankschreibung, Halstabletten und Aspirin nach Hause. Drei Tage später ist ihr Hals zugeschwollen, die Schmerzen werden stärker. Erneut der Besuch beim Hausarzt, erneut durch die Hintertür mit Maske und Desinfektion. Diesmal stimmt er einem Corona-Test zu, „wenn es Sie beruhigt“. Am 19. März dann der Test, am 22. die Gewissheit. Sie ist Corona-positiv, bleibt zu Hause und legt eine Liste mit allen Namen an, mit denen sie seit dem 12. März länger Kontakt hatte. „Angst hatte ich da keine.“ Zehn Tage dauert es, bis das Gesundheitsamt, das geradezu überrollt wird, die Briefe an alle verschickt. Wie sich herausstellte, hat sie keinen angesteckt. Bis auf ihren Mann – der zeigt am 16. März die ersten Symptome wie Halsschmerzen und Heiserkeit, aber mit leichtem Verlauf. Zehn Tage später sein Corona-Test: negativ. Ein Antikörpertest würde wohl zeigen, dass er infiziert war.

Doch der Zustand von Sabine Servinho-Lohmann verschlechtert sich. Am 22. März wird sie zu Hause zweimal bewusstlos und ins Krankenhaus auf eine der Covid-Infektionsstationen gebracht. Ihr Sauerstoffwert liegt unter 90 Prozent. Dann werden ihre Werte trotz Schlauch und Atemmaske schlechter, sie wird immer schwächer. „Ich konnte nicht einmal mehr mein Handy halten.“ Laut Chefarzt Geldner „kein untypischer Verlauf“. Neben ihr liegt eine 75-Jährige, die ebenfalls positiv getestet wurde. Die beiden kennen sich von den „Tafelfreuden“ von Sabine Servinho-Lohmann. Als diese später wieder auf die Normalstation verlegt wird, erfährt sie, dass ihre Nachbarin nicht überlebt hat. „Sie ist am Karfreitag gestorben. Das hat mich sehr berührt.“

Berührt ist sie auch von dem, was das Klinikum für sie getan hat. „Ärzte und Pflegerpersonal leisten eine tolle Arbeit. Ich habe mich gut aufgehoben gefühlt.“ Im Koma, erzählt sie lächelnd, seien ihr Frauen und auch Kinder in bunten, wehenden Gewändern begegnet, die sie eingeladen hätten, ihnen zu folgen. „Es war bunt, schön und gut. Es wäre leicht gewesen, mitzugehen.“ Sie will nicht von einer Nahtoderfahrung sprechen, aber sie ist jetzt überzeugt: „Wenn man in die andere Welt hinübergeht, ist es einfach.“

Gerührt ist sie auch von der Welle von Hilfsbereitschaft, die sie erfahren hat. Während sie im Krankenhaus und in der isolierten Reha das Atmen und Gehen trainiert, bekommt sie zig Anrufe, Freunde schicken Blumen und Bücher, eine Freundin richtet den Garten, Nachbarn und Freunde unterstützen ihren Mann. „So viel Anteilnahme!“

Mittlerweile geht es Sabine Servinho-Lohmann wieder gut. „Ich fühle mich fit.“ Die Erfahrung hat sie aber verändert. „Ich bin jetzt viel bewusster geworden. Und manche Sachen, über die ich mich früher aufgeregt habe, sind unwichtig geworden.“ Sie lacht: „Ich will leben.“ Sie konzentriert sich auf sich selbst, gerade malt sie bunte Elefanten, „ein Zeichen von Stärke“. Am Sonntag, 21. Juni, hat sie ihre erste Führung „Kluge Köpfe“: „Ich bin froh, wenn es wieder losgeht.“

Dass sie in eine Welt zurückkehrte, die gegen Corona-Beschränkungen demonstriert und in der Verschwörungstheorien die Runde machen, macht ihr Sorgen. „Wir müssen das Virus ernstnehmen.“ Chefarzt Götz Geldner „ist kein Hellseher“, sagt er. Derzeit liegen nur vier Covid-Fälle im Klinikum, zwei davon intensiv. Der weitere Verlauf werde sich zeigen, aber eins ist sicher, auch mit Impfung: „Das Virus bleibt.“ Sabine Servinho-Lohmann ist überzeugt, dass man damit umgehen kann. „Wenn jeder ein bisschen Rücksicht nimmt und die Hygiene- und Abstandsgebote einhält, können wir alle ein relativ normales Leben führen.“

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