Logo

Hygienemaßnahmen

Ist es sinnvoll, einen Mundschutz zu tragen?

Sollten wir im Kampf gegen das Coronavirus alle einen Mundschutz tragen? Dieses Thema bietet aktuell reichlich Stoff für Diskussionen. Während Experten unterschiedlicher Meinung sind, ist das beliebte Produkt weiter rar. Deshalb greifen immer mehr zur Selbsthilfe und nähen sich einen Mundschutz.

Carina Kirchberger bastelt zurzeit an Schutzmasken für Kinder.Foto: privat
Carina Kirchberger bastelt zurzeit an Schutzmasken für Kinder. Foto: privat
Carina Kirchberger bastelt zurzeit an Schutzmasken für Kinder.Foto: privat
Carina Kirchberger bastelt zurzeit an Schutzmasken für Kinder. Foto: privat

Ludwigsburg. Wie lässt sich die Ausbreitung des Coronavirus weiter eindämmen und wie und vor allem wann lässt sich das normale Leben in Deutschland wieder hochfahren? Der bundesweit bekanntgewordene Virologe Alexander Kekulé hat dazu einen konkreten Plan, den er am Mittwoch vorstellte. Er empfiehlt: Smart Distancing statt Social Distancing. Das heißt: Wenn es gelingt, die Epidemie durch die bisherigen Maßnahmen zurückzufahren, könne sie auch mit weniger einschneidenden Mitteln unter Kontrolle gehalten werden. Und dann spiele der Mundschutz eine wichtige Rolle.

Das Schützen der Risikogruppen hat laut Kekulé – auch wenn die Phase des Smart Distancing erreicht wird – oberste Priorität. „Für Personen ohne besonderes Risiko genügen die bekannten Hygieneregeln und das konsequente Tragen einer einfachen OP-Maske, wenn der Zwei-Meter-Abstand nicht eingehalten werden kann“, so der Virologe in einem Gastbeitrag bei Zeit online.

Er stellt klar, dass die OP-Maske in erster Linie andere schützt. Doch neuere Daten würden belegen, dass sich Menschen so auch selbst bis zu einem gewissen Grad gegen das Coronavirus schützen können. „Covid-19 wird hauptsächlich durch feine Tröpfchen übertragen, die beim Sprechen und Husten entstehen. Damit es zur Ansteckung kommt, müssen diese auf den Schleimhäuten von Augen, Nase oder Mund landen“, so Kekulé. „Davor, und vor unbewussten Berührungen des Gesichts, schützt die OP-Maske, am besten zusammen mit einer einfachen Brille.“ Der Virologe fordert deshalb: „Um dieses Smart Distancing zu ermöglichen, sollte die Bundesregierung sich mit aller Kraft bemühen, OP-Masken in ausreichender Zahl zu beschaffen.“

Dass dies kein leichtes Unterfangen sein dürfte, bestätigen die Apotheken. In der Mylius-Apotheke und auch in der Markt-Apotheke gibt es aktuell keinen Mundschutz mehr zu kaufen. Größere Mengen seien zwar bestellt, doch die Lieferung bereite immer wieder Schwierigkeiten. Der Tenor aus beiden Apotheken: Solange der Sicherheitsabstand eingehalten werde, sei pauschal kein Mundschutz für die allgemeine Bevölkerung nötig. Außerdem würde die Maßnahme nur greifen, wenn wirklich alle Menschen einen Mundschutz tragen würden.

Auch das Ludwigsburger Gesundheitsamt weist auf Anfrage unserer Zeitung darauf hin, dass „man mit einem normalen Mund- und Nasenschutz nur andere schützt, für den Fall, dass man selbst erkrankt ist. Wenn man selbst gesund ist, schützt man sich mit einem normalen Mund- und Nasenschutz nicht vor Ansteckung“.

Auch Carola Maitra, Vorsitzende der Kreisärzteschaft Ludwigsburg, hält es nicht für sinnvoll, dauerhaft im Alltag Mundschutz zu tragen. „Die wichtigsten Maßnahmen sind eine gute Händehygiene, das Einhalten von Husten- und Niesregeln und das Einhalten des Mindestabstandes“, sagt sie. „Besonders wichtig ist auch, dass man es unterlässt, sich in sein Gesicht zu fassen.“ Das Robert-Koch Institut sieht durch das Tragen eines Mundschutzes der gesunden Bevölkerung zudem keine signifikante Verringerung des Ansteckungsrisikos.

Dennoch werden immer mehr Stimmen laut, einen Mundschutz im Alltag zu tragen. Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, sagte der Neuen Osnabrücker Zeitung: „Mein Rat: Besorgen Sie sich einfache Schutzmasken oder basteln Sie sich selbst welche und tragen Sie diese im öffentlichen Raum.“ Die Masken würden keinen Schutz vor einer Ansteckung garantieren. „Aber sie können ein wenig helfen, das Risiko zu verringern, andere anzustecken oder selbst angesteckt zu werden.“ Auch Kekulé sagte in einer ZDF-Sendung, ein selbst genähter Mundschutz sei besser als gar keine Maske.

Viele Menschen werden deshalb nun kreativ, bieten mit selbst gebastelten Masken samt Anleitung ihre Hilfe an. Eine von ihnen ist Carina Kirchberger. Die gelernte Schneidermeisterin, die in Pflugfelden wohnt, stellt „kindgerechten Mundschutz aus bunten Stoffen“ her, wie sie erzählt. „Die Nachfrage nach Schutzmasken in den Märkten ist so groß, und zurzeit ist alles vergriffen. Das Basteln ist eine Möglichkeit, weiteren Personen Sicherheit zu geben, die sich schützen wollen.“ Auch ihr ist bewusst, dass ein selbst gebastelter Mundschutz nicht unbedingt vor einer Infektion schütze. „Aber gerade Kinder fassen sich so oft in den Mund und ins Gesicht. Vielleicht lässt sich das so ein wenig eindämmen. Außerdem wissen viele Leute vielleicht gar nicht, dass sie infiziert sind.“ Tragen auch diese einen Mundschutz, könne man die Verbreitung des Virus eventuell weiter verhindern.

Kirchberger schätzt, dass ein Laie rund 30 Minuten benötigt, um einen Mundschutz selber zu nähen. „Ich nutze doppelseitige Baumwolle mit bunten Motiven“, sagt sie. Die ersten 30 Masken habe sie bereits produziert. Sie könne sich vorstellen, diese bei Bedarf zu verkaufen. „Ich würde aber auch gerne einen Teil für Kinder im Klinikum spenden.“

Freya Schaible, die in Bietigheim-Bissingen als Osteopathin und Physiotherapeutin ihre eigene Praxis betreibt, hat mit ihrer Schwester Judika Hüttmann die Aktion „Helferlein“ ins Leben gerufen. Hüttmann fertigt hierfür selbst designte Mundschutzmasken an. Sie werden gegen eine Spende in der Praxis bereitgestellt. „Die Einnahmen kommen den Krankenhausclowns zugute“, so Schaible.

Auch Mitglieder des Landfrauenvereins Möglingen-Asperg sind aktiv geworden und haben zahlreiche Masken selber genäht. Gebraucht werde unter anderem kochfester Baumwollstoff. Denn nach jedem längeren Tragen sollte der Schutz heiß gewaschen werden.

Die Stadt Essen hat sogar eine Nähanleitung veröffentlicht. Auf der Homepage des Landfrauenvereins ( www.moeglingen-asperg.de) gibt es einen Link zu der Anleitung. Eine ausführliche Anleitung bietet auch der Blog von Susanne Zabel-Lehrkamp ( www.ludwigsburgmitkind.de).

Autor: