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Häusliche Gewalt
Kinder in Frauenhäusern - Zur umfassenden Betreuung fehlt oft das Personal

Wunschvorstellung: Sozialarbeiterinnen setzen sich regelmäßig mit den Kindern im Frauenhaus einzeln zusammen, um das Erlebte spielerisch und pädagogisch aufzuarbeiten. Aber die Realität sieht oft anders aus. Foto: Microgen/stock.adobe.com
Wunschvorstellung: Sozialarbeiterinnen setzen sich regelmäßig mit den Kindern im Frauenhaus einzeln zusammen, um das Erlebte spielerisch und pädagogisch aufzuarbeiten. Aber die Realität sieht oft anders aus. Foto: Microgen/stock.adobe.com
Studienarbeit beschäftigt sich mit Angeboten für Kinder in Frauenhäusern – Sozialarbeiterinnen würden gerne mehr anbieten

Obwohl Kinder, die mit ihren Müttern im Frauenhaus landen, schlimme Erfahrungen gemacht haben, entwickeln sich die meisten positiv weiter. Diese Beobachtung hat Sarah-Lena Stirn während ihres Praktikums im Ludwigsburger Frauenhaus gemacht. So kam die 24-Jährige auf die Idee für ein Thema ihrer Bachelorarbeit. Sie hat Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg studiert. In ihrer Abschlussarbeit hat sie sich mit den Herausforderungen und Chancen für Kinder, die eine Zeit lang im Frauenhaus leben, auseinandergesetzt. Zudem beschäftigte sie sich mit der Frage, welche Angebot für Kinder es in Frauenhäusern gibt, und wie Kinder davon profitieren. Um Informationen aus der Praxis zu bekommen, hat Sarah-Lena Stirn mit Mitarbeiterinnen von drei verschiedenen Frauenhäusern gesprochen. Wo diese Frauenhäuser stehen, sagt die 24-Jährige nicht, denn sie hat den Mitarbeitern Anonymität versprochen.

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Oft wird die Situation verschwiegen, im Frauenhaus können die Kinder dann endlich darüber sprechen.“


Sarah-Lena Stirnehemalige EH-Studentin

Kinder haben besondere Bedürfnisse

„Was die Herausforderungen und Chancen angeht, haben die Interviews das bestätigt, was ich auch schon in der Literatur gelesen hatte“, so Sarah-Lena Stirn. Herausfordernd sei, dass die Kinder ihren Wohnort verlassen müssen und zum Teil auch in eine neue Schule oder einen neuen Kindergarten müssen. Das liegt daran, dass Frauen und Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, oftmals in einem anderen Landkreis untergebracht werden, weil in ihrer ursprünglichen Region die Gefährdung zu groß wäre. Dazu kommen beengte Wohnverhältnisse im Frauenhaus, weil sich mehrere Familien Bad und Küche teilen. Zudem sind die Standorte der Frauenhäuser geheim. Kinder können also keine Freunde dorthin einladen. „Wenn man keinen Besuch empfangen kann, ist es viel schwerer, neue Freundschaften zu knüpfen“, erzählt eine Mitarbeiterin des Ludwigsburger Frauenhauses, die aus Sicherheitsgründen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie bestätigt im Gespräch mit unserer Zeitung die Beobachtungen von Sarah-Lena Stirn. Corona habe die Situation für die Kinder im Frauenhaus noch verstärkt, sagt sie. Durch Online-Unterricht sei es noch schwieriger, an einer neuen Schule Fuß zu fassen.

Doch Sarah-Lena Stirn hat in ihrer Arbeit nicht nur Schwierigkeiten dieser Kinder herausgearbeitet. Eine große Chance des Frauenhauses sei, dass die Kinder zur Ruhe kommen können, denn die Gewaltsituation ist beendet. Sie sehen zudem, dass auch andere Familien, andere Kinder ähnliche Erfahrungen gemacht haben. „Oft wird die Situation verschwiegen, im Frauenhaus können die Kinder endlich darüber sprechen“, so eine weitere Beobachtung von Sarah-Lena Stirn. Ein eigener Ansprechpartner für die Kinder im Frauenhaus sei wichtig, so die Mitarbeiterin des Frauenhauses. „Die Kinder saugen den Stress der Mutter auf wie einen Schwamm.“ Da sei eine Sozialarbeiterin, die nun für die Kinder da ist, wichtig.

Doch Mitarbeiterinnen, die nur für die Kinder da sind, gibt es nicht in jedem Frauenhaus. Das müsste ausgebaut werden, sagt Sarah-Lena Stirn. „So können im Frauenhaus Entwicklungsbeeinträchtigungen und Verhaltensauffälligkeiten besser aufgefangen werden.“ Im Ludwigsburger Frauenhaus gibt es zwei Sozialarbeiterinnen in Teilzeit, die nur für die Kinder da sind. Sie organisieren sowohl Einzel- als auch Gruppenangebote. Die Einzelsitzungen seien wichtig, um die Kinder aufzufangen, so die Mitarbeiterin des Frauenhauses. Auf spielerische und pädagogische Weise werde das Erlebte aufgearbeitet.

Oft gibt es Gruppenaktivitäten

Bei Gruppenangeboten handelt es sich meistens um Ausflüge, um die Problematik gemeinsam in der Gruppe aufzuarbeiten und die nähere Umgebung kennenzulernen. „Teilweise ist das auch eine Notlösung, weil wir nicht die Kapazitäten haben, uns regelmäßig mit jedem Einzelnen zusammenzusetzen“, berichtet die Mitarbeiterin. Denn auch wenn in Ludwigsburg mehr angeboten werden kann als in anderen Frauenhäusern, sei das immer noch zu wenig. Eigentlich, so die Mitarbeiterin, sollte mit jedem Kind im Frauenhaus einmal die Woche regelmäßig gearbeitet werden. Doch in der Praxis sieht das anders aus: Da die Mitarbeiterinnen auch viele organisatorische Dinge erledigen müssen, bleibt oft keine Zeit für die Arbeit am Kind. Deshalb gebe es Gespräche meistens nur unregelmäßig, oft auch mit Geschwistern zusammen. „Die Kinder würden Einzelgespräche aber wirklich dringend brauchen“, so die Mitarbeiterin des Ludwigsburger Frauenhauses.

Die Finanzierung der Frauenhäuser sei immer noch ein großes Problem, sagt Sarah-Lena Stirn. Die Mischfinanzierung – Frauenhäuser werden oftmals über Landes- und kommunale Mittel, Eigenmittel der Träger sowie Spenden und Kostenbeteiligungen der Frauen finanziert – reiche oft nicht aus für optimale Unterstützung, so die 24-Jährige. Wegen der finanziellen Lage fehlten oft Angebote und Sozialarbeiterinnen für Kinder. Auch zusätzliche Zimmer, in denen die Kinder spielen können, seien in allen Frauenhäuser sinnvoll. Das Ludwigsburger Frauenhaus hat mehrere Standorte, nur an einem gibt es ein Spielzimmer. „Natürlich wäre mehr wünschenswert“, sagt die Mitarbeiterin.

Im Frauenhaus gebe es die Hoffnung, dass sich durch die Istanbul-Konvention etwas ändert. Diese ist ein internationales Abkommen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Die Konvention ist seit 2018 in Deutschland geltendes Recht. Die Sozialarbeiterinnen im Frauenhaus würden sich mehr Personal und mehr Platz wünschen. „Es ist schwierig, allem gerecht zu werden“, sagt die Mitarbeiterin. Die Arbeit im Frauenhaus sei emotional belastend und verlange den Sozialarbeiterinnen viel ab. „Dazu kommt, dass die finanzielle Anerkennung fehlt, wie in vielen sozialen Berufen.“ Das mache es noch schwieriger, Personal zu finden. Dabei sei die Arbeit im Frauenhaus sehr erfüllend. „Es ist toll mitzuerleben, wie sich die Kinder entwickeln.“ Oftmals würden sie wenig oder gar nicht essen und sprechen, dann sich mit der Zeit aber entfalten und sich den Sozialarbeiterinnen gegenüber öffnen.

Sarah-Lena Stirn hätte nach ihrem Studium gerne in einem Frauenhaus gearbeitet. Doch es habe keine passende Stelle gegeben. Stattdessen arbeitet die 24-Jährige nun bei der sozialpädagogischen Familienhilfe in Heilbronn. Ihre Bachelorarbeit hat sie schon im vergangenen Jahr geschrieben. Doch erst kürzlich wurde sie dafür mit dem Preis der Stadt Ludwigsburg ausgezeichnet. Ihre Dozentin hatte die 24-Jährige dafür vorgeschlagen. Die Nominierung und vor allem der Gewinn hätten sie sehr überrascht.