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Kreativität frei von Konventionen

Klangspaziergang zum 25-jährigen Bestehen des Kunstzentrums Karlskaserne

Performance unter dem Kastanienbaum. Foto: Andreas Becker
Performance unter dem Kastanienbaum. Foto: Andreas Becker

Ludwigsburg. Unter der großen Kastanie im Hof, deren Blätter herbstlich rauschten, wurde das Gehörte in Bewegung umgesetzt. In den Stallungen versuchten drei Menschen ihrem begrenzten Dasein an Tisch und Stuhl eine neue Freiheit zu geben. Lärmend, scharrend und von Obertongesängen bisweilen höhnisch kommentiert. Es folgten die ironische Performance einer Theaterbesucherin im Raum der kleinen Bühne und die Show junger Instrumentalisten in der Reithalle, wo die improvisierten Klänge doch ein großes Ganzes ergaben.

Mit dem Klangspaziergang „Ich höre die Härchen in meinem Ohr tanzen“ feierte die Karlskaserne am Wochenende ihr 25-jähriges Bestehen. Das Jubiläumsprojekt war mit großem Publikum geplant und wurde jetzt unter Pandemiebedingungen in reduzierter Form umgesetzt. Jeweils acht Besucher machten sich alle halbe Stunde auf eine Tour durch die Räume des Kunstzentrums und erlebten das Sausen der Welt ganz tief in sich drin. Die große Party fiel aus, die aufgetürmten Sektgläser an der Bar im Foyer der kleinen Bühne waren nur Dekoration, die Macher des Projekts ließen die Folgen für Kunst und Kultur durch die Pandemiebeschränkungen nicht aus, sie bewiesen aber auch, dass mit Kreativität etwas ganz Neues entstehen kann.

Befreit von altbekannten Ritualen und Konventionen gelang so der Blick auf das Wesentliche. Die Konzentration auf das Klingen in sich selbst und die Erinnerung an einen perfekten Tag, als keine Autos in der Stadt fuhren und Musiker auf die Bühne gingen um zu spielen was sie wollten. „Wir haben uns der Herausforderung gestellt und den Klangspaziergang unter besonderen Bedingungen umgesetzt“, sagte Axel Brauch, der zusammen mit Ute Kabisch, Scott Roller, Roderik Vanderstraeten, Lisa Thomas, Doris Schopf und Bettina Gonsiorek das künstlerische Produktionsteam bildete. Als Akteure dabei waren das Jugendsinfonieorchester und der Projektchor Chorioso der Jugendmusikschule sowie das Altentanztheater-Ensemble Zartbitter der Tanz- und Theaterwerkstatt.

Die die einzelnen Stationen umrahmenden Performance-Texte stammten von Axel Brauch und Peter Licht. Wie bekommen wir diese leeren Räume mit den Verbotsschildern und Absperrbändern bloß zum Leben? Das fragte sich das Produktionsteam und machte sich an die Arbeit. So nahmen die Besucher in der kleinen Bühne dort Platz, wo normalerweise Künstler agieren.

Der Blick fiel auf die Stuhlreihen und Margit Melan spielte die Zuschauerin. Sie hielt dem Publikum den Spiegel vor und verschwand in der Dunkelheit, als die Scheinwerfer auf der Bühne angingen. Und schließlich das Wagnis des Jugendsinfonieorchesters, die Reithalle mit ungewöhnlichen Klängen zu erfüllen. Mal rätselhaft-sphärisch, mal ungestüm-heiter. Keine Vorstellung lief wie die andere ab, der Überraschungseffekt war stets groß.

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