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Ausstattung

Mit Cradle-Stuhl müssen Schüler hoppeln

Anlaufschwierigkeiten mit umweltfreundlichen Schulmöbeln – Rektorin der Schubartschule beklagt sich, Firma will nun nachbessern

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Endlich. Die Schubartschule bekommt neue Stühle. Die alten Holzstühle haben schon fünf Jahrzehnte auf dem Buckel, sind wacklig geworden, bei manchen gehen Spreißel ab. Zwei Klassensätze sind es, die hohen Plastikstühle haben eine Zertifizierung als Cradle-to-Cradle-Produkt. Von der „Wiege zur Wiege“ bedeutet: Die Materialien sind wiederverwertbar, mit dem Stoffkreislauf will man keine Ressourcen verschwenden.

„Level“ heißen die besonderen Stühle, und die Grundschüler lernen gleich, was das englische Wort bedeutet: Der Sitz ist auf einer Ebene, die erst einmal erklommen werden will. Einmal oben, passen die Kinder mit ihren Beinen nicht mehr richtig unter den Tisch, beschreibt Rektorin Barbara Weichert das Dilemma. Denn dort befinden sich Körbe. „Sie müssen sich draufsetzen und dann mit dem Stuhl unter den Tisch hoppeln.“

Ein Zustand, der für den Unterricht unmöglich ist. Und der auch den Stadträten zu Ohren gekommen ist, die von der Verwaltung stets dazu angehalten werden, bei ihren Beschlüssen auf Sparsamkeit zu achten. Zeigten die Cradle-Stühle doch noch andere Schwächen: Das höhenverstellbare Fußbrettchen kippte immer wieder schräg ab, die Verstellfunktion löste sich ständig und musste von Lehrern wieder eingerastet werden.

Teure Stühle, die nicht passen? Diese Frage warf die SPD-Fraktionsvorsitzende Margit Liepins auf, die sich an der Schubartschule umgeschaut hatte. Und sich seit geraumer Zeit über aufwendige Möbel in städtischen Gebäuden wundert, wie etwa über speziell angefertigte Holzmöbel für ein Kinder- und Familienzentrum. Auch fallen ihr in Schulen Einbauschränke auf, die so hoch sind, dass Lehrer erschwert oder nur mit einer Leiter rankommen.

Gibt die Stadt also zu viel oder an falscher Stelle Geld aus? Auch die Frie- densschule hat zwei Klassensätze der neuen Cradle-Stühle bekommen, die August-Lämmle-Schule in Oßweil hat schon seit 2016 ähnliche, aber keine Cradle-Hochstühle. Ein einfacher Stuhl, berichtet die Stadt auf Nachfrage, kostet um die 60 Euro, ein Cradle-Stuhl 115 Euro, also fast doppelt so viel. Allerdings seien die Cradle-to-Cradle-zertifizierten Stühle nur zehn Euro teurer als die neuen Stühle, die beispielsweise die Oßweiler Grundschule bekommen hat, so Daniel Wittmann, der bei der Stadt für die Ausstattung der Schulen zuständig ist. In Oßweil sind sie typgleich – und wie Elternvertreter mitteilen, seien die Kinder dort sehr zufrieden.

Die Stadt will an ihrem Konzept festhalten, sieht sie doch einige Vorteile in der Beschaffung der umweltfreundlichen Schulmöbel. Sie seien höhenverstellbar und wachsen mit dem Kind mit. Die höheren Kosten rechtfertigt sie damit, dass andere Ausgaben wegfallen: etwa für das Umräumen der Klassenzimmer und das Herbeischaffen von Austauschmöbeln durch die Technischen Dienste der Stadt.

„Über die Jahre hinweg gleichen sich die Kosten aus“, so Wittmann. „Wir sparen erheblich Lager- und Transportkosten“, pflichtet Pressesprecher Peter Spear bei. Bisher lagern bei den Innenstadtschulen und am Bildungszentrum West mehrere Hundert Stühle und Tische. Jedes Schuljahr checken die Grundschulen, was sie, weil die Kinder größer geworden sind, austauschen müssen.

Die Probleme mit den Cradle-Stühlen sollen jetzt behoben werden. Die Körbe unter den Tischen tauscht der Hersteller aus, berichtet die Stadt auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Raster für die Fußleiste, die sich schon bei leichtem Kontakt lösen, werden ebenfalls nachgearbeitet.

Schrittweise sollen nun alle alten Tische und Stühle ersetzt werden. „Das war nötig“, so die Rektorin der Eglosheimer Schubartschule zu ihrem Mobiliar aus den 1970er Jahren. Schon vorher griff sie auf gebrauchte Stühle aus dem Möbellager zurück, um kaputte zu ersetzen. Für die Grundschulen in der Stadt bestellt die Verwaltung jedes Schuljahr vier bis acht Klassensätze, heißt es.

Bei Cradle-to-Cradle denken viele an Holzstühle. Warum sind diese aus Plastik? Für die Stadt zählt, dass die Möbel entsprechend zertifiziert und nachhaltig sind – ob aus Plastik oder Holz. Zum Zeitpunkt der Bestellung waren nur Plastikstühle im Angebot. Die gleichen Stühle mit Holz gibt es erst seit kurzem. „Hätte es Holz gegeben, hätte ich es genommen“, sagt die Schulrektorin.

Nachhaltig waren auch die alten Tische und Holzstühle, auf denen vielleicht schon die Eltern der Grundschüler saßen. Und wiederverwertet wurden die Möbel auch: Die Schule hat sie Familien angeboten. Weichert: „Viele haben zu Hause keinen Schreibtisch.“ Der Rest wurde laut Stadt nach Osteuropa verschenkt oder entsorgt.

So richtig glücklich muss die Grundschule mit den neuen Möbeln noch werden. Die Cradle-Stühle sind zu schwer zum Tragen – für den Stuhlkreis, so die Rektorin, muss man die Stühle jetzt übers Parkett schieben. Und Aufstuhlen geht nur noch zu zweit.

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