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Neue Biotope für Eidechse und Molch

Mit seiner geplanten Erweiterung im Mäurach in Ludwigsburg greift der Möbelriese XXXL Mann Mobilia stark in die Lebensräume der Tierwelt ein. Auf dem Areal hat sich eine wertvolle Flora und Fauna mit Populationen von Vögeln, Molchen und Eidechsen entwickelt. Die sollen nun besonders geschützt werden.

Ludwigsburg. Es ist eine besondere Situation am Mäurach: Unbeobachtet und ungestört hatte sich dort – bis die Stadt 2008 ihre ersten Entwicklungspläne spann – eine Art Idyll entwickelt, für Tiere, Pflanzen und auch den Menschen. So tauchten dort nahezu unbemerkt Wohnhäuser auf, im alten Kalksteinbruch schlummerten Versteinerungen und Merowinger-Gräber in der Erde, die alten Bäume wurden Heimat für derzeit über 20 Vogelarten (siehe unten) sowie Insekten und Käfer, in den Tümpeln siedelten sich bis zu 1000 Berg- und Teichmolche an, nahe des rauschenden Verkehrs auf B 27 und Mäurach-Querspange sonnten sich Eidechsen ungestört in der Sonne.

Und diese Situation bedarf besonderer Maßnahmen: So empfiehlt ein faunistisches Gutachten von 2014 sowie ein Artenschutzgutachten von 2017 umfangreiche Arbeiten, um die rund 1000 Molche wie auch die große Population von Eidechsen nicht zu gefährden. Die Zauneidechsen bekommen ein neues Biotop im nordöstlichen Bereich, die Molche sollen in ihrem Tümpel östlich des Erweiterungsbaus von Mann Mobilia vom eingeleiteten Dachwasser profitieren – das in einen neuen Vorteich fließt. Fassade wie Dach des Neubaus sind begrünt.

 

Wasserversorgung muss stimmen

 

Die Amphibien kämpfen mit sinkendem Grundwasser und Trockenheit – und wandern, umschlossen von Straßen, isoliert im Mäurach und sind auf funktionierende Lebensräume angewiesen. Weil mit dem Eingriff der Druck steige, so das Gutachten, „sind weitere Nutzungsintensivierungen auf dem Gelände auszuschließen“. Die Flächen von Autohaus wie Baustelleneinrichtung müssten danach „für Biotopentwicklungsmaßnahmen zur Verfügung stehen“. Im Februar wurde der Bebauungsplanentwurf mit einer XXXL-Erweiterung von 13 700 Quadratmetern Verkaufsfläche auf 23 700 Quadratmeter verabschiedet.

„Bei den Baumaßnahmen ist darauf zu achten, dass die Tierarten mobil genug sind, um während der Eingriffe ausweichen zu können“, sagt das Gutachten. Heißt: Für die Zauneidechsen sind nur März/April (nach dem Winterquartier) oder August/September (nach Eiablage und Brut) ideal. Um zu verhindern, dass die Eidechsen in die alten Quartiere zurückkehren, sollen sie dort vergrämt und in das neue Biotop umgesiedelt werden. Wichtig sind Sandflächen, Reisighaufen, Steinriegel, Schotter oder Altholz.

Die Rodung von Bäumen und Gehölzen muss zudem bis 1. März abgeschlossen sein. Neun Bäume werden gefällt, laut Fachbereichsleiterin Tiefbau und Grünflächen, Ulrike Schmidtgen, 33 neue gepflanzt (grüne Punkte). 15 Nistkästen werden als Ausweichquartiere für Vögel und Fledermäuse aufgehängt.

Für die Molche müssen rechtzeitig Amphibienschutzzäune errichtet werden, damit diese nicht auf die Baustelle wandern. Insgesamt, so erläuterte Schmidtgen im Stadtteilausschuss Eglosheim, werden die Eingriffe in der Ökobilanz durch die Entsiegelung der Fläche des Schützenhauses sowie ein Teilgebiet der Zugwiesen ausgeglichen. Teurer könnten die Stadt die Sünden der Vergangenheit kommen: Laut einem Bodengutachten von 2011 sind am Schützenhaus und am Autohaus mit Lackiererei sowie Schrottplatz giftige Altlasten zu erwarten, die abgetragen und entsorgt werden müssen.

 

 

 

Zum Artikel: Nachtigall, Fledermaus und der Eglosheimer Drache

In einem faunistischen Gutachten wurden 2014 im Mäurach 27 verschiedene Vogelarten – 2006: 22 – gezählt, die bis auf die Straßentaube besonders geschützt sind. Darunter sind 22 Brutvögel wie Grünspecht (streng geschützt), Eule oder Girlitz, aber auch Durchzügler wie Klappergrasmücke oder Dohle. Aus Durchzüglern wie Zaunkönig oder Nachtigall sind mittlerweile Dauerbewohner geworden.
Über die Jahre blieb die Zahl der Berg- und Teichmolche weitgehend konstant. 2014 wurden 800 bis 1000 Molche gezählt, Fachbereichsleiterin Tiefbau und Grünflächen, Ulrike Schmidtgen, sprach im April von 300 bis 500. Die Tiere leben in Naturschutztümpeln, die als Abgrabungswasser in der Zeit des Steinbruchs entstanden sind. Durch die umringenden Straßen sind die Wanderbeziehungen der Molche massiv gestört, sie halten sich nun ganzjährig weitgehend isoliert auf dem Mäurach auf.
Die Zauneidechse präferiert die sonnig-trockenen Bereiche im Norden und Nordwesten, der Bestand hat durch den Bau der Mäurach-Querspange und den Einbau der Lärmschutzwand vor über 20 Jahren stark abgenommen, ist laut Gutachten aber nun stabil. Auch die Blindschleiche fühlt sich hier heimisch.
Vereinzelt wurden auch streng geschützte Zwergfledermäuse gefunden, die in alten Baumhöhlen siedeln. Für diese wie auch die Vögel, die in Bäumen nisten, sollen als Ausgleichsmaßnahme 15 Nistkästen aufgehängt werden. So ist eine Rodung der nicht zu erhaltenden Gehölze nur von 1. Oktober bis 28. Februar zulässig, um Vögel, Fledermäuse und Käfer zu schützen. Der Abbruch der Gebäude muss zwischen 1. November und 28. Februar liegen.
Seit 1988 wurden die Bestände 2000 und 2006 sowie 2008 gesichtet. Mit der geplanten Erweiterung von XXXL wurden 2011/12 rund 1000 Molche gezählt, 2014/15 folgte ein weiteres Gutachten, 2017 wurde ein Artenschutzgutachten von 2016 aktualisiert. Auf dem 3,5-Hektar-Gebiet fand man 1850 Alamannengräber, der Lettenkeuper-Steinbruch wurde 1880 bekannt, als Versteinerungen eines eidechsenähnlichen Schwimmsauriers („Eglosheimer Drachen“) gefunden wurden. Vegetations-und Gehölzbestände gelten als besonders erhaltenswert.
Genutzt wurde der mittlere Teil als Lagerfläche und Schrottplatz eines Autohauses, das Vereinsheim des Schützenvereins hat dort ebenfalls seine Heimat. In einem Obstgarten an der Mäurach-Querspange (auch Standort für Bienenkästen) befindet sich einer der Molchtümpel, der zweite an Abbruchwänden und Obstwiese in einem Grundstück an der Frankfurter Straße (150 Quadratmeter). Die Gewässer, sowie mehrere Felsbildungen, Gehölze und Magerrasen sind als geschützte Biotope ausgewiesen, der Steinbruch ist geschütztes Geotop.