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Black Lives Matter

„Rassismus ist für Dumme“

„Wir zeigen Gesicht und erheben die Stimme“: Vom Kind bis zum Rentner, alle Hautfarben vertreten, haben am Samstag 450 Menschen auf dem Rathaushof demonstriert und damit ein klares Zeichen gesetzt. Rassismus beginnt im Kleinen, so der Tenor, gefragt ist die Gesellschaft und der Einzelne.

Bunt vereint: Am Samstag finden sich rund 450 Menschen auf dem Rathaushof zusammen, um gemeinsam gegen Rassismus zu demonstrieren. Auf der Bühne die Veranstalter Jochen Faber (links) und Saliou Gueye. Foto: Andreas Becker
Bunt vereint: Am Samstag finden sich rund 450 Menschen auf dem Rathaushof zusammen, um gemeinsam gegen Rassismus zu demonstrieren. Auf der Bühne die Veranstalter Jochen Faber (links) und Saliou Gueye. Foto: Andreas Becker
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Ludwigsburg. Es ist einer der stilleren und bewegendsten Momente, als Dilene die Bühne betritt. Die Zwölfjährige steht klein und ernsthaft zwischen den Moderatoren Rachel Shomongo und Narcisse Benissan-Massan und spricht wie eine Große von dem Black Movement im Amerika der Sechziger, erinnert an Malcom X und Martin Luther King. Ihre Mutter habe ihr das Video gezeigt, in dem der Schwarze George Floyd am Boden liegt und ihm der Polizist mit dem Knie die Luft abdrückt. Acht Minuten lang. Bis er tot ist. Sein „I can‘t breathe“ (Ich kann nicht atmen) ist seit 25. Mai weltweit zum Aufschrei der Proteste gegen Rassismus geworden. „Das hat mir wehgetan“, sagt sie schlicht. „Wir haben alle das gleiche Blut. Ich finde, Gerechtigkeit ist gut für uns alle.“

Auf dem Rathaushof stehen oder sitzen die Menschen in lockeren Grüppchen – 450 sind es laut Veranstalter und Polizei –, viele halten Schilder in der Hand, andere hören einfach nur zu und stimmen regelmäßig in den Chor „Black Lives Matter“ ein, den Rachel Shomongo von der Bühne herab dirigiert. Es ist eine bunte Mischung der Generationen, und bunt ist wörtlich zu nehmen. Weiß, Braun, Schwarz – jede Hautfarbe ist vertreten. „Das ist eine tolle Mischung“, sagt Jochen Faber vom Förderverein Synagogenplatz, der die Veranstaltung mit Saliou Gueye vom Verein Afrika für Afrika und einem ganzen Team in kürzester Zeit organisiert hat. Dabei sind zig Organisationen, die sich an diesem Nachmittag nicht nur zeigen wollen, sondern das tun, was Saliou Gueye in seiner Rede beschwört: „Wir zeigen Gesicht und erheben die Stimme.“

„Es ist ein beschissener Anlass, dass wir alle hier sind“, sagt Jochen Faber, und schlägt den Bogen zur Zeit des Nationalsozialismus, als auch in Ludwigsburg „viele zu viele mitgemacht haben“. Man müsse es offensichtlich immer noch betonen, sagt er, „die Menschenrechte gelten für jeden“. Gueye fordert, man dürfe „Rassisten nicht die Meinungshoheit überlassen“. Auch in Ludwigsburg gebe es Rassismus, wichtig sei jedoch „die Einheit der Verschiedenen“: „Wir halten zusammen und werden den Rassisten Paroli bieten.“

Auch die Stadtverwaltung mit Oberbürgermeister Matthias Knecht, Erstem Bürgermeister Konrad Seigfried und zahlreichen Mitarbeitern nimmt Stellung. „Wir sind als Stadtverwaltung, als Deutschland verpflichtet, die Menschenwürde zu schützen“, sagte Knecht. Er erinnerte an die Attacke auf einen 15-jährigen Äthiopier, der am 8. Juni in Eglosheim von Unbekannten mit einer Stahlkugel beschossen worden war. Es habe zudem Drohbriefe gegeben, ein Migrant sei auf offener Straße beleidigt worden. Ludwigsburg sei bunt und vielfältig und zeige, „wie ein Leben ohne Rassismus funktioniert“.

Dass es nicht ganz funktioniert, wird allerdings in den Redebeiträgen klar. Oft werde sie aufgrund ihres Aussehens gefragt, „wo kommst du her“, erzählt Delali Benissan-Messan. „Gehöre ich nicht auch dazu?“ Als sie kritisiert, dass ihr viele in die Haare fassten, ohne zu fragen, brandet Beifall auf – an diesem Nachmittag finden sich viele Menschen mit krausen Haaren auf dem Platz, die das offenbar kennen. Penda Gueye und Maja Tünneshoff, 13 und 14, gehen gemeinsam ins Goethe-Gymnasium und wollen, dass „das nicht in zwei Wochen wieder vorbei ist“. Nachher erzählen sie, dass ein Lehrer kürzlich eine von drei Freundinnen aus China, dem Senegal und der Türkei nach einer Meinungsverschiedenheit mit „Da, wo du herkommst, hätte man dich schon längst geschlagen“, diffamiert hätte. Auf der Bühne sagen sie: „Niemand wird mit Hass auf andere Menschen geboren.“ Unten stehen Jorrell, Sven, Noel und Yamen, alle zwölf Jahre alt. Warum sie hier sind? Einer von ihnen sei Nigger genannt worden, „das ist aber unser Freund“. Am Rand sitzt Giuliano Ryll, der neben dem gesellschaftlichen den strukturellen Rassismus und Racial Profiling beklagt. Alina und Ekinsu rufen von der Bühne dazu auf, „unsere Muster zu hinterfragen“ – sie tragen T-Shirts vom Otto-Hahn-Gymnasium „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“. Viele Freunde aller Couleur hat auch Wilfried Peschke. Er arbeitet ehrenamtlich mit Flüchtlingen, „ich bin fest davon überzeugt, dass alle Menschen gleich sind“. Diese Einstellung teilt er mit Kay Hoffmann, der mit seiner Frau gekommen ist. „Vielfalt lebt, und wir sind mit dabei.“

Mut gegen Rechts, Amnesty International, Jugend-Eine-Welt-Forum, Fair Trade Agendagruppe, Integrationsrat, Siegfried Rapp als Generalkonsul von Equador, das Bündnis der Vielfalt mit Hayrettin Dogan oder Heart Beats mit Hannah Hadaller, der Citypfarrer Martin Wendte – es sind kämpferische Botschaften („Macht die Augen auf“, „Wir müssen viel lauter werden“) und Botschaften der Solidarität („Vielfalt anerkennen, Ausgrenzung widerstehen“), die ankommen. Für den Förderkreis Burkina Faso spricht Konrad Seigfried. „Niemand von uns findet Rassismus gut, aber es gibt Rassismus, mehr, als uns lieb ist.“ In Kongoussi kämpfe man jeden Tag mit den Folgen von Kolonialismus, Sklaverei, Imperalismus, „und wir sind heute da, um uns den Alltagsrassismus bewusst zu machen“.

„Ich bin fest überzeugt, dass sich der gesellschaftliche Prozess gegen Rassismus nicht mehr aufhalten lässt“, sagt der Intendant der Schlossfestspiele, Jochen Sandig. Allein sein Orchester vereint 20 Nationen, eine Selbstverständlichkeit für ihn, unabdingbar. Rassismus sei am Ende. „Das lässt sich nicht mehr aufhalten.“ Mit allen kniet er sich am Ende hin, acht Minuten lang – ein Zeichen für George Floyd, ein Zeichen der Trauer für die, die aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe zu Tode kamen, ein Zeichen der Stärke mit geballter Black-Power-Faust. Ein Zeichen des Respekts, oder, wie Sandig es optimistisch formuliert: „Wir krempeln die Welt buchstäblich um.“

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