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Spielsucht

Spielsüchtiger im Gefängnis: „Ich habe allen eine heile Welt vorgespielt“

Daniel Kessler war viele Jahre spielsüchtig. Momentan sitzt er im Gefängnis. Auch seinen Traumjob bei der Integrierten Leitstelle in Ludwigsburg ist er los. Die Geschichte eines Mannes, der tief gefallen ist und sich jetzt zurückkämpfen will.

Das Cover des Buches, das Daniel Kessler im Gefängnis geschrieben hat. Fotos: privat
Das Cover des Buches, das Daniel Kessler im Gefängnis geschrieben hat. Foto: privat

Ludwigsburg. Am 23. Januar 2020 ist es so weit. Jahrelang hat Daniel Kessler allen etwas vorgemacht. Zigfach stand er vor Gericht. Hundertausende Euro hat er verspielt oder besser gesagt: verwettet. Jetzt bricht seine „heile Welt“ zusammen. Das Spiel ist aus. Game over.

An diesem Januartag steckt ihn die Polizei in Haft und er verliert seinen Traumjob. Doch an diesem Tag beginnt für Daniel Kessler (33) auch ein neues Leben. Ein Leben, das ihn zunächst ins Gefängnis führt. Gleichzeitig kann er aber einen Neuanfang machen. Einen Anfang ohne Wettsucht.

Die ersten Schritte in die Sucht hat Daniel Kessler, der im Kreis Ludwigsburg aufgewachsen ist, im Jahr 2005 gemacht. Damals steckt er mitten in seiner Ausbildung bei der Deutschen Bahn. Unter den Kollegen gibt es eine Fußball-Tippgemeinschaft. Er startet mit einem Einsatz von fünf Euro. „Das war der Anfang“, sagt Daniel Kessler rückblickend. Aus den fünf Euro werden schnell 50 Euro pro Woche. Dann, 15 Jahre später, kurz vor seiner Inhaftierung, macht er keine Wetten unter 500 Euro.

Niemand in seiner Familie hat eine Ahnung von seiner Sucht

Sein Weg in die Sucht verläuft schnell und ohne Abzweige. Spätestens als ein Wettbüro in der Nähe seiner Wohnung aufmacht, gibt es für Daniel Kessler kein Halten mehr. Vor und nach der Arbeit geht er in dieses Wettbüro. Oft eineinhalb Stunden oder länger. Auch online schließt er Wetten ab. Er tippt dabei auf Fußballergebnisse, Tennis oder Handball. Er tippt weltweit auch in den Ligen von Afrika oder Südamerika. „Ich hatte oft überhaupt keine Ahnung von den Mannschaften oder Sportlern.“

Niemandem von seiner Familie erzählt er davon. Statt den Hund auszuführen, geht er in seiner Freizeit ebenfalls ins Wettbüro. Den Hund nimmt er einfach mit, damit es nicht auffällt. Und obwohl er über all die Jahre keinen Überblick über seine Finanzen hat, gelingt es ihm, den Schein zu wahren. Er sorgt immer dafür, dass das Geld für die Miete und die Lebenshaltungskosten ausreicht. Das ganze Ausmaß seiner Sucht wird seinem Umfeld erst klar, als die Polizei seine Wohnung durchsucht.

Wie viel Geld er in all den Jahren verspielt hat, weiß Daniel Kessler nicht. Es sind aber mehrere Hunderttausend Euro. Darunter ein komplettes Erbe und Geld, an das er durch Betrügereien kommt. „Ich habe immer Geld gebraucht.“ Die einfachste Methode, sich welches zu beschaffen, entwickelt er über den Internethandel. Er bestellt hochwertige Waren wie Smartphones oder Tablets, bezahlt diese aber nicht. Dann verkauft er die Ware weiter, oft weit unter dem Marktwert. Manchmal verkauft er auch Waren über die Internetplattform Ebay gegen Vorkasse, liefert aber nie. Hauptsache, er kommt schnell an Geld, das er wieder zum Wetten einsetzen kann.

Seine Betrügereien sind natürlich nicht besonders genial und fliegen schnell auf. Ab 2012 wird er regelmäßig vor dem Ludwigsburger Amtsgericht angeklagt und verurteilt. Über 300 Opfern schuldet er am Ende Geld. Doch in Haft muss er all die Jahre zunächst nicht. Seine Strafen werden immer zur Bewährung ausgesetzt. Weder seinem Anwalt noch den Richtern noch seinen Bewährungshelfern erzählt er von seiner Sucht. „Ich habe allen eine heile Welt vorgespielt. Selbst während der Gerichtsverhandlungen hatte ich im Hintergrund weiter auf dem Smartphone Wetten am Laufen.“

Eine Beratungsstelle besucht er nie. Er versucht auch nie ernsthaft, mit dem Wetten aufzuhören. „Meine Strategie, aus einer Pechsträhne herauszukommen, war die Intensivierung des Wettens.“

Im Grunde versteht er sich selbst nicht. „Ich bin eigentlich ein Typ Mensch, der anderen helfen will.“ Schon als Jugendlicher ist er bei der Feuerwehr. Dann arbeitet er jahrelang als Rettungssanitäter. Bis er endlich in seinem Traumberuf ankommt – der Integrierten Leitstelle in Ludwigsburg. Von Januar 2019 bis zu seiner Verhaftung im Januar 2020 arbeitet er dort. Die Kündigung flattert wenige Tage nach seiner Verhaftung ins Gefängnis. „Ich habe mir meinen Traumjob selbst verbaut.“ Trotzdem hofft er auf eine zweite Chance.

Er hat die große Hoffnung, eine zweite Chance zu bekommen

Im März dieses Jahres wird Daniel Kessler wegen Betrugs zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Dieses Mal erhält er keine Bewährung mehr. Wenn er aus dem Gefängnis rauskommt, hofft er auf eine neue Chance. Mit einigen seiner ehemaligen Kollegen von der Integrierten Leitstelle steht er noch immer in Kontakt. Sehr gerne würde er in seinen Beruf zurückkehren.

Die Monate im Gefängnis und die Auseinandersetzung mit seiner Sucht beschäftigen ihn sehr. Das ist auch der Grund, warum er ein über 200 Seiten starkes Buch über sich und seine Erlebnisse geschrieben hat. „Game Over 23.01.2020“ soll Ende des Jahres erscheinen.

Das Buch gewährt einen Einblick in das Leben und die Sucht von Daniel Kessler. Minutiös beschreibt er seine Kindheit, seine Wettsucht und den Alltag im Gefängnis. Eine wirkliche Antwort darauf, warum er überhaupt angefangen hat, krankhaft zu wetten und seine gesamte Existenz aufs Spiel zu setzen, findet er aber nicht. Seine Kindheit verläuft zwar nicht wie im Bilderbuch, die Eltern trennen sich, die Mutter ist Alkoholikerin und der Vater stirbt früh, doch in seiner Großmutter findet er immer wieder familiären Halt.

Ein Psychiater diagnostiziert ihm in einem Gutachten eine mittelschwere Spielsucht. „Wenn ich in schlechter Stimmung war, konnte ich durch das Wetten die Stimmung verbessern“, sagt Daniel Kessler. Es sei ein Kick gewesen, zu versuchen, mit immer höheren Einsätzen die Verluste wiedergutzumachen. Auch wenn diese Strategie niemals aufgegangen ist. Heute ist ihm klar: „Am Ende gewinnt immer der Anbieter.“

Eine Therapie hat er bisher nicht machen können. Das geht in Haft nur, wenn man süchtig nach Drogen ist. Er steht aber mit einer Suchtberaterin in Kontakt. Außerdem hat er momentan nicht das Verlangen danach, Wetten abzuschließen. Selbst im Gefängnis wird gespielt und gewettet. „Ich selbst habe eine Teilnahme aber von Anfang an abgelehnt.“

Dass die Spielsucht im Strafrecht bisher nur wenig Berücksichtigung findet, ärgert Daniel Kessler. „Ich erwarte von unserer Politik, dass das pathologische Glücksspiel irgendwann einmal in unserem Strafrecht Anerkennung finden wird.“ Immerhin verdiene der Staat über die Steuergelder am Glücksspiel eine Menge Geld. Es gebe viele unseriöse Angebote, um junge Menschen ins Wetten und damit in die Sucht zu locken. „Ich wünsche niemandem auf dieser Welt, was mir widerfahren ist.“

Die Zeit alleine in der Zelle habe ihm die Augen geöffnet. Einfach ist diese Zeit nicht für ihn. Gerade die Passagen über das Leben im Gefängnis sind in seinem Buch besonders intensiv geschildert. Denn sie sind aus dem Blickwinkel eines Menschen geschrieben, der noch nie mit Gefängnissen zu tun hatte.

Seine Schulden muss er noch viele Jahre abarbeiten

Der Corona-Lockdown im vergangenen Jahr erwischt ihn voll. Monatelang kann er seine Familie nicht sehen, weil Besuch im Gefängnis verboten ist. Diese Zeit sei sehr hart gewesen, sagt Daniel Kessler. Mittlerweile befindet er sich im offenen Vollzug. Tagsüber geht er arbeiten, am Wochenende kann er sogar seine Familie besuchen. Wie es für ihn finanziell weitergeht, ist noch nicht klar. Die Privatinsolvenz läuft. Einige Jahre muss er noch Schulden begleichen, bis irgendwann ein Schlussstrich gezogen wird.

Wer mit Daniel Kessler spricht, der spricht mit einem Mann, der geradezu erleichtert wirkt. Erleichtert darüber, dass er endlich offen zu seiner Sucht stehen kann. Sie hat dadurch die Gewalt über ihn verloren. „Meine Inhaftierung kam, so blöd es klingen mag, für mich genau zum richtigen Zeitpunkt.“

Info: Sein Buch hat Daniel Kessler zwar schon fertig geschrieben, für Druck und Lektorat muss er aber 1500 Euro aufbringen. Unter www.230120.de kann man über die Spendenplattform Betterplace einen Beitrag für die Verwirklichung des Buchprojekts leisten. Es fehlen noch knapp 900 Euro.

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