Ludwigsburg. Die erste Disziplin, in der Roese an den Start ging, waren die 400 Meter Hürden. Motivierend für ihn war der Stadionsprecher, der ihn ausführlich vorstellte: „Auf der Bahn 5 ein ganz spannender Mann. In der aktiven Männerklasse trat er fünf Mal für die Nationalmannschaft an und lief über die 200 Meter mehrmals unter 21 Sekunden. Fast 30 Jahre später versucht er sich nun über die 400 Meter Hürden. Er arbeitet heute unter anderem als Mentaltrainer. Nun kann er zeigen, wie stark er mental ist.“ Mit dieser Ansage ging Roese das Rennen sehr flott an und baute seinen Vorsprung immer weiter aus. Auf der Zielgeraden wurde er von mehreren Hundert Zuschauern angefeuert. Im Ziel freute er sich über den Gewinn der deutschen Meisterschaft. Dabei verbesserte er seine eigene und die deutsche Jahresbestzeit in seiner Altersklasse um über eine Sekunde und gewann in 63,54 Sekunden mit sechs Sekunden Vorsprung sehr deutlich den Titel. Diesen Lauf sollte er allerdings auch noch am nächsten Tag spüren.

Beim Hochsprung, am zweiten Wettkampftag waren die schweren‘ Beine arg hinderlich. Hinzu kamen äußerst widrige Wetterbedingungen. Starkregen, heftige Winde und kühle 11 Grad sind keine Bedingungen, bei denen Leichtathleten gerne Topleistungen präsentieren. Roese stieg bei einer Höhe von 1,54 Meter ein und merkte gleich, dass er an diesem Tag keine Bestleistung springen könnte. So übersprang er als zweite Höhe noch die 1,57 Meter und beendete dann den Hochsprung vorzeitig, um sich noch etwas zu schonen. Dennoch erreichte er damit den dritten Platz und somit die Bronzemedaille.
Ziel mehr als erreicht
Am Abend traute er sich noch einmal auf die Rundbahn. „Ich wollte gerne das Medaillenset vollbekommen“, sagte er mit einem Schmunzeln. Genau dieses gelang ihm auch. Über die 400 Meter kurz vor dem Ziel richtig gut. Auf den letzten 50 Metern verließ ihn dann die Kraft, um eine für ihn gute Zeit zu erreichen. Dennoch holte er die Silbermedaille und komplettierte somit das gewünschte Medaillenset.
Diese Medaille kam überraschend
Am Sonntagmorgen dann die Überlegung, ob ein Start über die 200 Meter noch sinnvoll wären oder ob eine frühere Heimreise nicht die bessere Entscheidung sein könnte. Nach langem hin und her ging die Fahrt ins Gothaer Volkspark-Stadion. Roese gehörte in einem großen und starken Feld zu den vier bis sechs Kandidaten auf die Bronzemedaille. Gold und Silber waren so gut wie reserviert. Bei Roese gab es selbst nach dem Einlaufen noch Unsicherheiten bezüglich eines Startes: „Ich war mir nicht sicher, ob ich meinem Körper noch mehr zumuten konnte. Ich spürte bereits jeden Knochen.“ Er entschied sich aber doch, ins Rennen zu gehen. Nach der Hälfte der Strecke lag er auf Platz fünf. Was dann passierte, konnte er im Nachhinein selbst nicht erklären. Er zündete den Turbo, setzte alle Reserven frei und überrollte förmlich das ganze Feld. Im Ziel hatte er einen klaren Vorsprung und sicherte sich seine zweite deutsche Meisterschaft an diesem Wochenende. Tobias Roese nach dem Lauf: „Ich denke, ich brauche noch ein oder zwei Tage, um den Lauf zu analysieren und zu reflektieren. Es war einfach großartig. Vor allem, da ich damit absolut nicht gerechnet habe.“ (red)
