Wer heute durch viele Betriebe geht, spürt die Unsicherheit. Investitionen werden verschoben, Stellen abgebaut, Aufträge brechen weg. Gerade in solchen Zeiten entscheidet sich, wie zukunftsfähig unser Land bleibt. Denn wer jetzt bei den Auszubildenden spart, verschärft die Fach-kräfteprobleme von morgen.
Die duale Ausbildung steht unter Druck. Dabei hat sie die Arbeitswelt in Deutschland über Jahrzehnte geprägt und international Anerkennung gefunden. Lernen im Betrieb und in der Berufsschule, Theorie und Praxis gemeinsam gedacht – dieses Modell funktioniert. Gut ausgebildete Fachkräfte sind seltener arbeitslos und werden dringender gebraucht denn je.
Die aktuellen Zahlen sprechen jedoch eine andere Sprache: Im März 2026 waren in Baden-Württemberg 27.553 junge Menschen unter 25 Jahren arbeitslos – der höchste Stand seit 2010. Gleichzeitig gingen etwa 3.000 junge Menschen trotz Bewerbung leer aus und fanden keinen Aus-bildungsplatz. Zwei Drittel der arbeitslosen Jugendlichen haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Zu viele junge Menschen wollen arbeiten und lernen, finden aber keinen Einstieg. Gleichzeitig klagen Unternehmen über Fachkräftemangel. Wie passt das zusammen?
Ein Grund ist, dass Unternehmen zuletzt weniger Ausbildungsplätze gemeldet haben – besonders in Industrie, Handel und öffentlichem Dienst. Natürlich stehen viele Betriebe selbst unter Druck. Doch die Antwort kann nicht sein, ausgerechnet bei der Ausbildung zu sparen. Wer heute weniger ausbildet, verschärft Fachkräftemangel von morgen.
Der Blick zurück zeigt, dass es auch anders geht. Während der Finanzkrise 2009 gelang es vergleichsweise gut, jungen Menschen Perspektiven zu bieten. Das duale Ausbildungssystem war damals ein wichtiger Stabilitätsanker. Gerade in schwierigen Zeiten braucht Ausbildung deshalb politische Unterstützung und den klaren Willen der Unternehmen, Verantwortung zu übernehmen.
Dass die grün-schwarze Landesregierung die berufliche Bildung stärker in den Fokus rückt, ist richtig. Programme wie „AVdual“ sollen ausgebaut und dessen Finanzierung sichergestellt, sowie die Begleitung an den Berufsschulen gestärkt werden. Denn genau an dieser Schnittstelle ent-scheidet sich oft, ob der Übergang in Ausbildung gelingt. Aber gute Programme allein reichen nicht aus.
Ausbildung ist anspruchsvoller geworden. Viele junge Menschen brauchen mehr Orientierung und Begleitung, Betriebe klagen über Bürokratie und hohe Belastungen. Deshalb braucht es mehr Zusammenarbeit – etwa durch Verbundausbildungen, damit nicht jeder Betrieb alles allein stemmen muss.
Gleichzeitig muss Berufsorientierung früher beginnen und verbindlicher werden. Jugendliche müssen Berufe realistisch kennenlernen – frühzeitig im Schulalltag.
Ebenso wichtig ist Verlässlichkeit. Wer eine Ausbildung machen will, darf nicht in Warteschleifen landen oder von Maßnahme zu Maßnahme geschickt werden. Deshalb braucht Baden-Württemberg eine Ausbildungsgarantie, die tatsächlich zu einem Ausbildungsplatz führt. Auf diesem Weg ist der Ausbau von Jugendberufsagenturen vor Ort als verbindende Anlaufstelle zur Unterstützung und Begleitung junger Menschen in die Ausbildung ein wichtiger Faktor.
Auch Unternehmen stehen in der Verantwortung. Wer ausbilden könnte, es aber nicht tut, darf sich nicht dauerhaft aus der gemeinsamen Aufgabe verabschieden. Modelle wie Ausbildungsumlagen zeigen bereits in einzelnen Branchen, dass Solidarität funktionieren kann. Auch der neue Ausbildungsförderungsfonds in Berlin könnte ein Vorbild für Baden-Württemberg sein.
Hinzu kommen die Veränderungen in der Arbeitswelt: Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und neue Anforderungen verändern Berufe rasant. Ausbildung kann dadurch moderner und attraktiver werden. Ersetzen können Technologie und KI aber nicht das Entscheidende: Menschen, die ausbilden, und Betriebe, die Verantwortung übernehmen.
Die Sicherung der dualen Ausbildung ist deshalb eine Gemeinschaftsaufgabe von Sozialpartnern, Politik, Schulen, und Gesellschaft. Wenn jetzt nicht gegengesteuert wird, gefährdet das nicht nur die Chancen vieler junger Menschen, sondern auch die wirtschaftliche Zukunft Baden-Württembergs.
