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„Über:morgen“ auch im Kreis Ludwigsburg
Festival der Kulturregion Stuttgart: Aus der Vergangenheit in die Zukunft

Das Ludwigsburger Franck-Areal wird bespielt. Fotos: Thomas Wolf, privat, Melissa E. Logan, TWIMC, Studio umschichten/p
Das Ludwigsburger Franck-Areal wird bespielt. Fotos: Thomas Wolf, privat, Melissa E. Logan, TWIMC, Studio umschichten/p
In Bietigheim sind die DLW-Werke Thema einer Ausstellung. Fotos: Thomas Wolf, privat, Melissa E. Logan, TWIMC, Studio umschichten/p
In Bietigheim sind die DLW-Werke Thema einer Ausstellung. Fotos: Thomas Wolf, privat, Melissa E. Logan, TWIMC, Studio umschichten/p
In Ditzingen bietet die „Arche“ Vereinen Raum für gemeinsame Projekte. Fotos: Thomas Wolf, privat, Melissa E. Logan, TWIMC, Studio umschichten/p
In Ditzingen bietet die „Arche“ Vereinen Raum für gemeinsame Projekte. Fotos: Thomas Wolf, privat, Melissa E. Logan, TWIMC, Studio umschichten/p
Melissa E. Logan hat in Marbach eine Klangskulptur gebaut. .Fotos: Thomas Wolf, privat, Melissa E. Logan, TWIMC, Studio umschichten/p
Melissa E. Logan hat in Marbach eine Klangskulptur gebaut. .Fotos: Thomas Wolf, privat, Melissa E. Logan, TWIMC, Studio umschichten/p
Nachhaltig geht es beim Jugendtreff in Gerlingen zu, das auch mit dem Skateboard erkundet werden kann. Fotos: Thomas Wolf, privat, Melissa E. Logan, TWIMC, Studio umschichten/p
Nachhaltig geht es beim Jugendtreff in Gerlingen zu, das auch mit dem Skateboard erkundet werden kann. Fotos: Thomas Wolf, privat, Melissa E. Logan, TWIMC, Studio umschichten/p
Festival-Kurator Julian Warner. Foto: Tobias Zangl/p
Festival-Kurator Julian Warner. Foto: Tobias Zangl/p
Was macht die Region stark? Julian Warner, Kurator des neuen Festivals der Kulturregion Stuttgart, sieht die kleinen Institutionen und Vereine als Schlüssel. Am 23. September startet nun das kunterbunte Festival – fünf Stationen gibt es dabei im Kreis Ludwigsburg.

Stuttgart/Ludwigsburg. Mittlerweile kenne er sich in der Region Stuttgart fast schon besser aus als im heimischen München, erklärt Julian Warner und lacht. Der künstlerische Leiter des Festivals „Über:morgen“ der Kulturregion Stuttgart– studentischer Habitus und verbindliche Art – ist während der vergangenen eineinhalb Jahre durch die Gegend getingelt, hat Orte und Menschen aufgesucht, unzählige Gespräche geführt, wie er vor dem Start des Projekts beim Pressegespräch unweit des aus diversen Containern und urbanen Gärtner-Installationen an der Esslinger Villa Merkel konstruierten Festivalzentrums erzählt.

Gerade in der aktuellen Lage, zwischen Corona und Ukraine-Krieg, etwas auf die Beine zu stellen, sei zwar nicht ganz einfach gewesen, dafür aber umso wichtiger. „Wir leben in krisenhaften Zeiten“, sagt der studierte Kulturanthropologe Warner, der „transdisziplinär in den Bereichen Kuration, Theater und Musik“ arbeitet, wie es in seiner Vita heißt. „Es ist daher umso wichtiger, dass wir etwas finden, auf das wir uns beziehen können, einen Fixpunkt.“ Dabei gehe es aber um weit mehr, als nur die Tradition zu bewahren – der Blick richtet sich vielmehr nach vorne. „Es geht bei diesem Festival nicht um das Gute von gestern, sondern wir gehen vorwärts – und nehmen etwas von gestern mit“, betont Warner. Daher auch der Titel des Festivals.

Insgesamt 21 Mitgliedskommunen der Kulturregion sind in diesem Jahr beteiligt – darunter auch fünf aus dem Landkreis Ludwigsburg: Neben der Barockstadt sind dies Bietigheim-Bissingen, Marbach, Gerlingen und Ditzingen. Insgesamt 27 Kunstwerke und Performances finden sich im reichhaltigen Programm. Die Eröffnung findet am Freitag, 23. September, um 19 Uhr im Esslinger Festivalzentrum statt.

Besucher bringen Antworten auf Zukunftsfragen mit

In Ludwigsburg bespielen Kurator Julian Warner und der Architekt Thomas Rustemeyer das Franck-Areal am Bahnhof, das seit dem „Neuland“-Festival vor ziemlich genau einem Jahr zum kreativen Zentrum der Barockstadt avanciert ist. Mit dem „Speicher der Zukunft“ wollen sie zeigen, „dass Altes in neuer Konstellation und Überliefertes, das uns ans Herz gewachsen ist, auch seinen Platz in der Zukunft haben darf“, wie es im Programm heißt. In einem augenzwinkernd bürokratischen Archiv voller Schreibtische, Telefone und Aktenordner können Besucher ihre ganz persönlichen Antworten auf die großen Zukunftsfragen abgeben – ob nun in Form von Objekten, Melodien oder aufgeschriebenen Anekdoten. Die Mitarbeiter – gespielt von Performern – nehmen diese entgegen und führen durch die Schau mit den bislang abgegebenen Exponaten.

In Bietigheim-Bissingen ist der Festivalbeitrag bereits seit Mitte Juli zu sehen: In der Städtischen Galerie zeigt die Ludwigsburger Künstlerin Sara F. Levin ihre Ausstellung „gestern:heute:morgen – ein Stadt verändert sich“ über das brachliegende ehemalige Firmen-Areal der Deutschen Linoleumwerke.

Durch gemeinsame Bewegung entsteht Musik

Auf der Schillerhöhe in Marbach spielt ausnahmsweise statt der Literatur mal die Musik die erste Geige. Die Künstlerin Melissa E. Logan präsentiert vor dem Literaturmuseum der Moderne ihre „radikal partizipative“ Klangskulptur – erst durch die Interaktion der Zuhörer entsteht Musik, dafür reicht es schon, vor den integrierten Antennen die Hände zu bewegen. In die Grundkomposition integriert hat die Künstlerin Textschnipsel aus Werken von E.T.A. Hoffmann, Jean Paul und anderen – ein bisschen Literatur ist also doch noch mit von der Partie.

In Gerlingen zeigt das „Studio Umschichten“ einen neuen Treffpunkt für Jugendliche, dessen Gestaltung mit recycelten Baustoffen der Stuttgart-21-Baustelle – die die Macher bereits beim Festival vor zwei Jahren verwendeten – in einem Workshop entwickelt wurde.

Nicht einfach nur Kunst hinwerfen

Was zeichnet Ditzingen aus? „Neue und alte Vereine“, lautet die Antwort von Kurator Warner. „Das ist ein Schatz.“ Also gibt es nun – dank des Kollektivs TWIMC – mit der „Arche“ in einem leerstehenden 70er-Jahre-Gebäude in der Marktstraße 24 eine Möglichkeit für die Vereine, sich zu präsentieren. Die auch in Ditzingen im Vorfeld notwendigen lokalpolitischen Diskussionen seien nicht ganz einfach gewesen, erzählt Warner, aber wichtiger Bestandteil des Projekts. „Das Kunstwerk ist nun besonders legitimiert, es geht ja gerade darum: Die Ochsentour zu machen, zu werben und nicht einfach Kunst hinzuwerfen und wieder wegzufahren.“

Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht, qua Amt traditionell auch Vorsitzender der Kulturregion, lobt den Kurator, dessen Engagement nach einem dreistufigen Auswahlverfahren schnell in trockenen Tüchern war, fast schon überschwänglich. „Julian Warner hat uns mit seinen Ideen förmlich elektrisiert – er strahlt Begeisterung und Enthusiasmus aus.“ Die Bedeutung von Kultur sei während der Coronazeit erst recht sichtbar geworden, so Knecht. Die Kultur habe gelitten, sich aber auch neu aufgestellt, etwa mit digitalen Ersatzlösungen für Veranstaltungen. Er appelliert aber mit Blick auf die anstehenden Haushaltsplanungen der Städte und Gemeinden auch an seine Amtskollegen: „Die Kultur darf – trotz aller anderer Themen – nicht zu kurz kommen“, betont Knecht. „Wir müssen genügend Geld bereitstellen.“ Das tut nun auch die Kulturregion einmal mehr. „Wir wollen mit diesem Festival unsere Zukunft bestimmen, sagt er, „wir wollen wichtige Weichen stellen.“

Info: Das Festival läuft vom 23. September bis 16. Oktober. Weitere Infos unter www.uebermorgen.kulturregion-stuttgart.de.