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Stuttgarter Entertainer
Harald Schmidt führt im Schauspielhaus quer durch sein Gedankenlabyrinth

Vom Hundertsten ins Tausendste: Entertainer und Schauspieler Harald Schmidt im Schauspielhaus. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Vom Hundertsten ins Tausendste: Entertainer und Schauspieler Harald Schmidt im Schauspielhaus. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Die „Spielplananalyse“ von Harald Schmidt am Stuttgarter Staatstheater wird zum Heimspiel. Er erweist sich als Plaudertasche der Extraklasse – kriegt aber am Ende nur mit Mühe die Kurve.

Stuttgart. Eine „Spielplananalyse“ ist angekündigt, als Harald Schmidt zur Eröffnung der neuen Saison im Staatsschauspiel wieder einmal zum Plausch einlädt. Nichts anderes ist es nämlich auch diesmal, wenn der frühere Late-Night-Talker nun schon am frühen Abend loslegt. Der Spielplan kommt so gut wie gar nicht vor. Schmidt verbeißt sich zunächst ganz tagesaktuell in die Feierlichkeiten zur Beisetzung von Königin Elizabeth und deren Fernsehübertragung. Da ist er ganz im Boulevard und befasst sich auch mit noch so belanglosen Kleinigkeiten. Natürlich auf seine Art. Und das ist die Art des Meisters des Gedankensprungs, des schnellen Wechsels zwischen geistreicher Ironie und plattem Kalauer, zwischen Tempo und schnöder Wirrnis. Man muss im Auditorium schnell sein, um ihm gedanklich auf den Fersen zu bleiben, man muss genau hinhören, wie er seine Worte und Sätze betont, wie er sie ausspricht.

Denn vieles ist doppeldeutig, ist bewusst interpretierbar, etwa wenn er Annalena Baerbock gleich mehrfach als „unsere Top-Diplomatin“ tituliert. Das Lob klingt dann doch sehr vergiftet. Aber nicht nur die Außenministerin bekommt ihr Fett weg, querbeet hangelt sich Schmidt mit manchmal nur beiläufigen Anmerkungen durch die Welt der Prominenz. Er berichtete vom kürzlichen CDU-Parteitag und stellt dabei den Umgang der Redner mit den hochwertigen Sennheiser-Mikrofonen in den Mittelpunkt, er bedenkt Robert Habeck mit fragwürdigem Mitleid („Von der Heiligsprechung auf der Titelseite des Spiegels bis zur Verdammnis durch die Bild-Zeitung vergingen gerade mal neun Tage“) und er sorgt sich um die Leibesfülle von Arbeitsminister Hubertus Heil.

Üble Kalauer und feiner Satire

Und ab und an erinnert er sich, dass das Thema ja die Analyse des Spielplans sein sollte, und er widmet diesem dann auch immer wieder mal einen Satz. Aber wie der Flügel, der Stuhl, das Pult, mit denen er die Bühne teilt, einfach nur Staffage sind, so ist der Spielplan kaum mehr als Vehikel, um die Gedankensprünge abzufedern. So kommt er von Schillers „Don Carlos“ auf die Schließung der Schillerhöhe, nachdem er einen Manager samt kräftigem Raucherhusten imitiert hatte, und zeigt so, dass er auch in lokalen Themen bewandert ist. Und man fragt sich, ob das nun eher spontan aus ihm herausquillt oder doch wohl vorbereitet ist und in der hergezeigten DIN-A4-Kladde („für 27 Cent“) verzeichnet ist, die er da hervorkramt.

Vom Hundertsten ins Tausendste, vom Ästchen zum Stöckchen geht seine Reise durch das Zeitgeschehen und durch seine skurrilen Gedanken. Lustig ist das allemal, das Publikum, wohl in erster Linie ohnehin erklärte Schmidt-Fans, amüsiert sich, lässt ihm auch die übelsten Kalauer durch, die er dann auch wieder mit feiner Satire wettmachen kann. Ein Unterhalter im besten klassischen Sinne, eine Plaudertasche der Extraklasse, so zeigt er sich auch an diesem Abend. Keiner ist vor ihm sicher, ein Seitenhieb ist immer drin. Auffällig, dass – obwohl mehrfach erwähnt – der Generalmusikdirektor der Staatsoper, Cornelius Meister, keinen abbekommt, fast meint man, so etwas wie Respekt von Schmidt, dem Inbegriff des Respektlosen, herauszuhören, der dann auch schon mal nachfragt, ob er, nachdem nun schon 75 Minuten vorbei seien, noch weitermachen soll. Rhetorische Frage, denn die Zuschauer klatschen natürlich aufmunternd, und so geht es in die letzte Runde, das Publikum vergnügt sich mehrheitlich weiter, auch wenn der Eindruck sich verfestigt, dass er sich so langsam in seinem kruden Gedankenlabyrinth zu verlieren scheint und den Ausgang nicht mehr findet. Den öffnet er dann doch, mit einem ziemlich abrupten Abgang und der Gewissheit, dass dieser Auftritt im Staatstheater ein Heimspiel war, bei dem er das Publikum voll hinter sich hatte.