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Interview

„Dieses Jahr hat mich verändert“

Quirin Emanga spricht über die Entwicklung in den USA, die Black Lives Matter-Bewegung und seine Ziele als Basketballer

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Ludwigsburg/Boston. Seit mehr als einem Jahr studiert der mittlerweile 20 Jahre alte Quirin Emanga an der Northeastern University in Boston. Trotz seines Sportstipendiums ist für den ehemaligen Spieler des Bundesligisten MHP-Riesen Ludwigsburg der Basketball nicht mehr das Wichtigste. Im vergangenen Jahr hat sich in den USA einiges verändert – auch für den Marbacher mit kamerunischen Wurzeln.

Sie haben ein Stipendium an der North-eastern University, engagieren sich aber gleichzeitig gegen Rassismus und setzen sich für Feminismus ein. Nimmt Basketball in Ihrem Leben den gleichen Stellenwert ein wie zu Ludwigsburger Zeiten?

Basketball wird immer einen riesigen Stellenwert in meinem Leben haben. Ich würde aber sagen, dass ich neben Basketball neue Interessen habe. Ich bin als Mensch gewachsen und weiß, dass Basketball nicht alles ist. Es gibt ein Leben neben und nach dem Basketball. Ich würde nicht sagen, dass Basketball kleiner geworden ist, ich habe aber meinen Horizont erweitert.

Hängt Ihre Entwicklung mit der Black Lives Matter-Bewegung zusammen?

Das vergangene Jahr hat mich verändert. Ich bin viel erwachsener geworden und es fällt mir leichter, etwas zu sagen, wenn mir etwas nicht passt. Im März war es, als die Black Lives Matter-Bewegung und Proteste gegen Polizeigewalt größer wurden – das war die Zeit, in der ich politisch aktiver wurde. Vorher hatte ich keine wirkliche Meinung, weil ich mich nie damit befasst habe. Mittlerweile ist das anders. Das betrifft auch Themen wie Umwelt, Feminismus oder Rechte der LGBTQ-Community.

Aus den USA hört man immer wieder, dass man als Dunkelhäutiger Angst haben muss, wenn man von der Polizei angehalten wird. Geht das Ihnen genau so?

Ich fahre hier kein Auto, was aber nicht heißt, dass ich nicht bange, wenn die Polizei an mir vorbeiläuft. Letztes Jahr hatte ich nie darüber nachgedacht, was ich mache, wenn ich angehalten werde – obwohl ich das hätte machen müssen. Wenn ich jetzt irgendwo hingehe, mache ich mir bewusst, wann, wo und mit wem ich das tue, weil ich weiß, dass es nicht so ungefährlich ist, wie ich dachte.

Haben Sie Angst vor der Polizeiwillkür?

Es gibt den englischen Begriff „double consciousness“, der besagt, dass schwarze Leute zum Beispiel niemals in einen Supermarkt gehen und etwas in ihre Tasche stecken, weil sie wissen, dass sie sofort als Verdächtige wahrgenommen werden würden – selbst wenn sie es an der Kasse aus der Tasche nehmen und bezahlen wollten. Ich weiß, dass ich ein Mensch bin, weiß aber auch, dass ich ein schwarzer Mensch bin und deshalb gewisse Sachen nicht machen sollte, weil ich dadurch in Probleme geraten könnte.

Glauben Sie, dass sich das irgendwann ändern wird?

Ich hoffe es. Ich glaube aber nicht, dass das in meinem Leben der Fall sein wird. Es geht aber nicht um mein Leben. Die ganzen Proteste und die Bewegung sind nicht für unser Leben, sondern für die nächsten Generationen, unsere Kinder und Enkel. Wir sind auch nicht die Generation, die das begonnen hat, sondern es fortführt und einen großen Schritt macht.

Gibt es Situationen, in denen Sie merken, dass Sie anders behandelt werden?

Häufig sind es Dinge, die oft nicht böse gemeint sind, die aber trotzdem wehtun. Zum Beispiel, wenn mir jemand sagt: „Du siehst so exotisch aus“, oder „darf ich deine Haare anfassen?“. Das sind Sätze, die Menschen objektivieren und wie Tiere fühlen lassen. Die Leute meinen es nicht böse, wissen aber nicht, was es bewirken kann.

Was löst das bei Ihnen aus?

Früher war mir das nicht so bewusst und ich war darin noch nicht so gebildet. Ich dachte, das gehört als Schwarzer in Deutschland zum Leben dazu. Heute weiß ich, dass ich mir so etwas nicht gefallen lassen muss.

Haben Sie das Gefühl, dass Rassismus in den letzten Jahren zugenommen hat?

Das Bewusstsein dafür ist größer als vor drei Jahren. Rassismus ist aber nicht größer, er wird nur öfter gefilmt. Die Menschen werden auf frischer Tat ertappt. Das Problem ist aber, dass die Konsequenzen nicht die sind, die es geben müsste. Das hat den Menschen die Missstände bewusster gemacht.

Was halten Sie von Donald Trump?

Er kann Menschen beeinflussen und ist gut darin, Tatsachen zu verdrehen. Wenn man nicht allzu gebildet ist oder das hinterfragt, tappt man schnell in seine Falle. Dennoch: Um ihn zu unterstützen, muss man falsche Werte und Moral haben.

Trotzdem hat er bei der US-Wahl über 70 Millionen Stimmen erhalten.

Es dauert eben lange, bis sich etwas ändert. Die USA hat ja auch eine krasse Geschichte von Sklaverei und Rassismus. Das macht es nicht einfacher, viele Menschen umzustimmen, weil etliche das noch unterstützen. Rassentrennung und die Proteste unter Martin Luther King sind gar nicht mal so lange her. Es wird schwierig, etwas zu ändern, aber ich glaube daran.

Sportlich blicken Sie auf ein durchwachsenes erstes Jahr in den USA zurück. Gab es je die Überlegung, das College zu wechseln, als es nicht so gut lief?

Nein. Ich wusste, dass das erste Jahr meistens ein ganz schwieriges Jahr ist und die Spieler dann oft sehr unglücklich sind. Aber ich wäre nicht der Mensch auf und neben dem Platz, wenn ich das nicht erlebt hätte. Ich habe viel Positives daraus gezogen und fühle mich wohl hier.

Akademisch haben Sie sich dagegen umorientiert.

Nächstes Jahr werde ich meinen ersten Kurs in Mode belegen. Außerdem ist Kunst ein völlig neues Gebiet, für das ich mich interessiere. Ich lerne jeden Tag etwas Neues dazu. Ich hätte nie gedacht, dass ich etwas mit Kunst am Hut haben würde. Ich hatte mit dem Studiengang Wirtschaft angefangen, das war aber nichts für mich.

Was ist aus Ihrem ursprünglichen Ziel geworden, Basketballprofi zu werden?

Ich würde nicht sagen, dass ich entweder das Eine oder das Andere machen will. Wenn ich die Möglichkeit habe, Basketball zu spielen, werde ich das machen. Ich würde aber auch gerne in der Modeindustrie und irgendwann auch für ein Non-Profit-Unternehmen arbeiten. Es gibt aber keinen Grund, mich jetzt zu entscheiden.

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