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Interview

Interview mit Jaleen Smith: „Will beenden, was ich angefangen habe“

Der Co-Kapitän der MHP-Riesen Ludwigsburg, Jaleen Smith, spricht im Interview über seine – selbst für ihn – überraschende Entwicklung, den möglichen Titel als wertvollster Spieler der BBL, und erzählt, warum Ludwigsburg für ihn mehr als nur ein Karrieresprungbrett ist.

Foto: Baumann
Foto: Baumann
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Ludwigsburg. Seit 2019 spielt Jaleen Smith bei den MHP-Riesen Ludwigsburg. Nach zuvor zwei Jahren beim Basketball-Zweitligisten Academics Heidelberg wechselte der 26Jahre alte Texaner nach Ludwigsburg. Vom Probespieler wurde Smith zur absoluten Stammkraft, holte vergangene Saison die Vizemeisterschaft und steht nun mit den Riesen auf Rang eins der BBL. Am Sonntag (15 Uhr) trifft Smith, dessen Vertrag in Ludwigsburg nach Saisonende ausläuft, auswärts auf den Tabellenfünften Merlins Crailsheim.

Da es scheint, als würde derzeit alles funktionieren, was Sie anpacken: Wann war das letzte Mal, dass etwas nicht so geklappt hat, wie Sie es sich vorgenommen hatten?

Da muss ich überlegen. Vielleicht München.

Die einzige Saisonniederlage der Riesen in der BBL, das war Ende November.

Genau. Wir haben seit zweieinhalb Monaten nicht verloren. Alles läuft gut, sogar privat: Auch meine Verlobte ist hier in Ludwigsburg. Ich habe mitbekommen, wie die Partnerinnen mancher Mitspieler Probleme hatten, nach Deutschland einzureisen. Dagegen hatten wir Glück.

Dass Ihre Zeit bei den Riesen eine solche Erfolgsgeschichte werden würde, war nicht abzusehen. Sie kamen als Probespieler vom Zweitligisten MLP Academics Heidelberg. Heute sind Sie Kandidat als wertvollster Spieler (MVP) der Bundesliga. War das so geplant?

Ich hätte nie erwartet, es so weit zu schaffen. Meine Erwartungen wurden übertroffen. Ich hätte niemals gedacht, MVP-Kandidat in dieser Liga zu sein, das ist verrückt.

Wie erklären Sie diese Entwicklung?

Ich habe Selbstvertrauen und fühle mich wohl. Ich hatte in meinem ersten Jahr in Heidelberg ein paar Probleme, war als Rookie neu in Deutschland und wusste nicht, was mich erwartet. Ab dem zweiten Jahr kannte ich meine Situation und das Umfeld. Das Gleiche gilt nun für Ludwigsburg. Ich hatte mich schon vor meinem Wechsel hierher in Deutschland wohlgefühlt und spiele jetzt in einem Umfeld, in dem mir Trainer John Patrick vertraut und ich mich einfach wohlfühle.

Damit unterscheiden Sie sich von vielen anderen US-Amerikanern, die Teams wie Ludwigsburg als Sprungbrett sehen und maximal eine Saison hierbleiben.

Viele Spieler kommen hierher, um sich zu verbessern. John Patrick achtet sehr auf die Defensive, und jeder weiß, dass ein Spieler, der in Ludwigsburg gespielt hat, automatisch einen besseren Ruf als Verteidiger bekommt.

Für Sie war das nicht das Wichtigste?

Nach dem Finalturnier in München letztes Jahr konnte ich eine Führungsrolle einnehmen. Das kannte ich so noch nicht in meiner bisherigen Karriere. Einer der Go-to-Guys im Team zu sein, war das, was ich wollte. Das war ein Hauptgrund, wieso ich in Ludwigsburg geblieben bin.

Wie glücklich sind Sie mit dieser Entscheidung? Im Sommer gab es Gerüchten zufolge etliche Teams, die an Ihnen interessiert waren.

Klar, es gab Interessenten. Aber wenn ich zurückblicke, muss ich sagen, dass das die beste Entscheidung war, die ich hätte treffen können. Es zahlt sich gerade absolut aus und ich würde die gleiche Entscheidung genauso wieder treffen.

Die nächste Entscheidung mussten Sie zuletzt treffen, als Sie Ihre Ausstiegsklausel im Vertrag haben verstreichen lassen. Damit bleiben Sie mindestens bis Saisonende in Ludwigsburg. Hatten Sie konkrete Abschiedsgedanken?

Ich hätte diese Klausel zwar ziehen können, aber ich habe nie wirklich darüber nachgedacht. Ich hatte einige Angebote. Aber so schön es auch war, sich das durchzulesen: Wir spielen so gut gerade und ich will beenden, was ich hier angefangen habe. Wir sind mitten in der Saison, und ich wollte auf keinen Fall durch einen Wechsel in die Situation kommen, in der ich darüber hätte nachdenken müssen, was in Ludwigsburg passiert wäre, wenn ich geblieben wäre.

Das letzte Mal, als Sie mit unserer Zeitung über die Zukunft gesprochen haben, sagten Sie, Sie würden am liebsten so lange wie möglich in Europa spielen. Würde das auch im Fall eines Angebots aus der NBA gelten?

Ich möchte immer noch auf dem höchsten Level in Europa spielen. Ich liebe es hier. Das ist meine vierte Saison in Deutschland und ich kann mir vorstellen, in diesem Land bis ans Ende meiner Karriere zu bleiben. Ein Wechsel in ein anderes Land wäre, als müsste ich wieder bei null anfangen. Wenn aber die NBA ruft, könnte das eine Option werden.

Sportlich gelten Sie bei den Riesen als unverzichtbar, stehen teilweise über 40 Minuten auf dem Feld. Wie wichtig ist es Ihnen, so viel Spielzeit zu bekommen?

Das zeigt einfach, dass Coach Patrick mir vertraut. John weiß, dass ich genau so sehr gewinnen will wie er.

Was unterscheidet John Patrick von anderen Trainern?

In meiner ersten Saison in Heidelberg hat mich nie jemand angeschrien. Klar, das kann Spielern helfen, sie andererseits aber auch zurückwerfen. Wenn JP sich einen Spieler vornimmt, macht er das nicht, um auf ihm herumzuhacken. Er will nur klarmachen, was passieren kann, und will mögliche Fehler vermeiden.

Kommen damit alle Spieler zurecht?

Es geht um mentale Stärke. Wenn man es nicht gewohnt ist, kann das schwierig werden. Ich wurde schon in der Highschool angeschrien und wusste bereits, dass es mich letztlich besser macht.

In dieser Saison scheint diese Herangehensweise besonders gut zu funktionieren. Was ist mit diesem Team möglich?

Alles! Hoffentlich hält unsere Siegesserie bis in die Play-offs an. Aber die Play-offs sind wie eine neue Saison. Wir müssen weiter Ludwigsburg-Basketball spielen.

Nun spielen Sie gegen die Crailsheim Merlins. Dort gilt Trae Bell-Haynes als zweitbester Spieler der Liga – nach Ihnen. Was erwarten Sie am Sonntag?

Crailsheim hat zuletzt drei Spiele in Serie verloren. Sie haben trotzdem eine sehr gute Mannschaft. Trae Bell-Haynes zu stoppen, wird sehr wichtig für uns sein.

Werden Sie ihn verteidigen?

Das werden wir sehen. Ich habe ihn schon am College verteidigt, aber nur einmal gegen ihn gewonnen. Er hat sich klasse entwickelt, wirkt geduldiger, ist flink und hat einen guten Wurf. Er hat einen großen Sprung gemacht.

Genau wie Sie also?

Ja, genau wie ich. (lacht)

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