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Interview

„Stuttgart zurzeit keine Alternative“

Größere Hallen, mehr Zuschauer, mehr Aufmerksamkeit – die Basketball-Bundesliga strebt danach, die Nummer zwei hinter König Fußball zu sein. Auch der Präsident der MHP-Riesen Ludwigsburg kann sich unter bestimmten Umständen einen Umzug in die Landeshauptstadt vorstellen. Noch sei die Zeit nicht reif, so Alexander Reil, das Potenzial analog zur Entwicklung der Liga aber sei vorhanden.

Alexander Reil. Foto: Baumann
Alexander Reil. Foto: Baumann

Ludwigsburg. Herr Reil, In der Diskussion darüber, wo die Grenzen des Basketball-Standorts Ludwigsburg liegen, ist ein möglicher Umzug nach Stuttgart stets ein Thema. Wie ernst sind solche Überlegungen?

Alexander Reil: Wenn ich neutraler Berater der MHP-Riesen wäre, würde ich sagen: Ihr müsst eine Entscheidung treffen, wo der Club in sechs bis acht Jahren stehen soll. Ich bin der Meinung, so wie Ludwigsburg dasteht, ist das ein solides Ergebnis. Aber deutscher Meister werden wir nicht, weil wir nicht in der Lage sind, Bayern München oder andere Vereine in einer Fünferserie zu schlagen. Dazu sind die Rahmenbedingungen hier zu limitiert. Wenn der Verein danach trachtet, unter die Top-Vier der Liga zu kommen, wird er das am Standort Ludwigsburg nicht realisieren können. Aber das ist eine Grundsatzentscheidung, die momentan nicht ansteht.

Aber Sie wären bereit, diesen Weg zu ebnen, eine Alternative zu Stuttgart gibt es ja nicht?

Das ist ja das Problem. Ich sehe Stuttgart zurzeit nicht als Alternative. Wir haben keine konkreten Ambitionen den Standort zu verlagern. Ich sage nur: Die Bundesliga wird sich in den nächsten Jahren weiterentwickeln. Wir setzen jetzt knapp fünf Millionen Euro pro Saison um. Der Ligaschnitt über alle 17 Clubs in der aktuellen Saison liegt bei 7,6 Millionen Euro. Auch wenn Berlin und Bayern das etwas verzerren, sehen Sie doch, wo wir stehen.

Ein Standortwechsel ist also eher Vision als Teil der momentanen Diskussion?

So ist es. Wenn man sich heute dafür entscheidet, in die Großstadt zu gehen, braucht man ein gewisses Budget, um von vorne herein sicher unter die ersten Fünf zu kommen. Wen interessiert es denn in Stuttgart, wenn wir um Platz 12 spielen? Dazu kommt, dass ich in Stuttgart keine wirklich passende Halle sehe. Die Schleyer-Halle können Sie für Ballsport vergessen und die MHP-Arena ist viel schmucker als die Porsche-Arena. Von dem her ist das kein aktuelles Gedankengut. Aber wenn man zehn, fünfzehn Jahre vorausschaut und die Entwicklungsmöglichkeiten betrachtet, sollte man darüber nachdenken.

Inwieweit dient der TVB Stuttgart/Bittenfeld als Referenz?

Eher nicht. Der TVB hat einerseits eines richtig gemacht: den Namen. Wenn ich nach Stuttgart gehe, muss ich auch so heißen, sonst gibt es keine Identifikation. Andererseits musst du, um in einer Großstadt erfolgreich zu sein, zur absoluten Ligaspitze gehören. Damit es Sinn macht, bräuchten wir zwei, drei strategische Partner und ein Budget, um attraktiven Basketball zu spielen.

Die MHP-Arena war in dieser Saison bereits zweimal ausverkauft. Vergangene Saison war das nicht der Fall. Wirkt es sich positiv aus, dass Ludwigsburg nicht international spielt?

Ich glaube, dass es auch daran liegt, wie die Mannschaft auftritt. Oft bekomme ich von Zuschauern zu hören: Endlich wird wieder richtig gekämpft. Dazu kommt, dass nach einer gewissen Vielzahl an Spielen wie im Vorjahr eine Übersättigung eintreten kann. Und fairerweise muss man auch fragen, wer das alles bezahlen soll. Ich bin deshalb nicht todunglücklich, dass wir zumindest ein Jahr lang nicht international spielen.

Rechnet sich der internationale Wettbewerb überhaupt für Ludwigsburg?

Das kann sich schon rechnen. Internationaler Spielbetrieb verschafft dem Club ein ganz anderes Renommee. Auch der nationale Bekanntheitsgrad steigert sich. Es kommt darauf an, wie man seine internationale Teilnahme vermarktet. Wir haben all die Jahre ein Plus gemacht, wenn auch kein großes. Das hat sich zusammengesetzt aus den Säulen Prämien, Zuschauer im geringsten Maße und Extrasponsoren für den internationalen Wettbewerb. Deshalb sage ich: Wenn man sich sportlich qualifiziert, muss man dabei sein.

Die Riesen sind sehr stark in die Basketball-Bundesliga gestartet. Haben Sie nach der nicht optimalen Vorsaison mit solch einem erfolgreichen ersten Saisonviertel gerechnet?

Sieben Siege in acht Spielen, das war nicht unbedingt die realistische Erwartungshaltung. Wir wollten losgelöst vom reinen Ergebnis unsere Tugenden wieder mehr aufs Parkett bringen, als das im vergangenen Jahr der Fall war. Das Spiel gegen Berlin war vielleicht kein spielerischer Leckerbissen, aber eines hat man gesehen: Wille, Einsatz und Kampf. Das haben wir voriges Jahr nur bedingt hinbekommen.

Woran erkennen Sie, welche Spieler die richtigen sein könnten?

Wir haben zunächst die vergangene Saison grundsätzlich analysiert. Vor allem was die Charaktere betrifft, war ich sehr stark involviert. Es ist diesbezüglich nämlich völlig egal, ob es sich um ein Büro-Team oder ein Basketball-Team handelt. Eine große Rolle hat zudem gespielt, hungrige Spieler zu verpflichten. Am Ende brauchst du aber auch Qualität, und die erkennt man zu hundert Prozent erst, wenn die Jungs da sind.

Wann haben Sie mit dieser Analyse und der Auswahl der Spieler begonnen?

Das passiert dauerhaft. Je länger eine Saison geht, desto öfter tauchen die gleichen Themen auf. Wir haben diese Fragen strukturiert, um dadurch die Chancen zu erhöhen, charakterstarke Spieler zu bekommen. Wir haben die Möglichkeiten genutzt, noch intensiver Informationen einzuholen und persönliche Gespräche im Vorfeld zu führen. Dann gehörte natürlich Glück bei Preis und Verfügbarkeit dazu. Wir haben uns gesagt: Lieber zehn Prozent weniger Talent, aber dafür 20 Prozent mehr Hintern-Aufreißen.

Gibt es eine Hierarchie im Team?

Es ist zwar ein sehr junges Team, aber die Älteren mit mehr Erfahrung übernehmen schon Führung. Es war ein sehr natürlicher Prozess, den man nicht leiten musste. Spieler wie Khadeen Carrington und Marcos Knight haben ohne Frage eine Führungsrolle. Das war voriges Jahr überhaupt nicht der Fall. Vor zwei Jahren, als wir in der Hauptrunde Dritter wurden, war das aber ähnlich.

Sie führen die Riesen seit über 20 Jahren. Wie lange wollen Sie das noch machen?

Ich habe noch einen Vertrag für die laufende Spielzeit und das folgende Jahr. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich das hier bei den Riesen nicht bis zur Rente mache. Da ich nicht jünger geworden bin, werden die Jahre dazwischen knapper. Ich mache es nach wie vor gerne, aber vor der nächsten Wahl werde ich darüber noch einmal nachdenken.

Könnten Sie sich auch eine Aufgabe zum Beispiel im Fußball vorstellen?

Man sollte sich da nie einschränken. Obwohl Basketball für mich natürlich auch mit viel Leidenschaft verbunden ist und ich aktuell auch als Präsident der Liga fungiere. Aber: Who knows.

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