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Fußball

Hetzjagden, Tritte, Beleidigungen

Kritik an Umgang mit Schiedsrichtern im Fußball – Amateurspieltag in Berlin nach Streik komplett abgesagt

Schiedsrichter unter Beschuss: Unparteiische müssen vor Gegenständen beschützt werden. Archivfoto: Baumann
Schiedsrichter unter Beschuss: Unparteiische müssen vor Gegenständen beschützt werden. Foto: Baumann

Ludwigsburg. Seine 48 Jahre als Schiedsrichter haben Wolfgang Scheidt abgehärtet. Und dennoch stellt der stellvertretende Obmann der Schiedsrichtergruppe Ludwigsburg fest, dass „die Aggressivität heute eine andere ist als vor zehn Jahren“ – nicht nur wegen der jüngsten Angriffe auf einen Schiedsrichter in Münster, der von einem Spieler bewusstlos geschlagen wurde (siehe Beitext). „Wenn ein Spieler einen Fehler macht, heißt es von außen: ‚Beim nächsten Mal machst du es besser.‘ Wenn ein Schiedsrichter einen Fehler macht, ist das eine andere Geschichte, den kann man beschimpfen, verbal niedermachen.“

Streik legt Amateurfußball lahm

Auch Scheidt hat das schon erlebt. „Ich kann davon reden, was es heißt, als Schiedsrichter bedroht zu werden“, sagt er. Einmal habe er ein Tor gegeben, was eine Mannschaft nicht wahrhaben wollte und ihn über den Sportplatz verfolgte. „Ich habe mich gerettet, indem ich über einen Bach gesprungen bin“, sagt Scheidt. Ein anderes Mal ging es nicht so glimpflich aus. Ein Spieler sei damals auf ihn zugestürmt, habe ihn zu Boden gebracht und mehrfach gegen den Bauch getreten. Neun Monate Sperre bekam der Spieler dafür. „Ein Witz“, wie Scheidt findet. Er selbst war danach mehrere Wochen krank geschrieben. „In der Zeit habe ich schon überlegt, ob ich mir das weiter antue“, blickt er zurück.

Wie akut das Problem mit der Gewalt gegen Schiedsrichter ist, zeigen die Schlagzeilen der letzten Wochen. Unter der Überschrift „Es darf nicht den ersten toten Schiedsrichter geben“ begründete letzte Woche Schiedsrichtersprecher Ralf Kisting gegenüber dem Deutschlandfunk einen Streik der Schiedsrichter im Berliner Fußballverband, wegen dem dort alle Amateurspiele abgesagt wurden. Eine Woche zuvor wurde das Kreisliga-B-Spiel des KFIB Sindelfingen, einem Verein mit hauptsächlich albanisch-stämmigen Mitgliedern, beim FSV Deufringen von Angriffen der Sindelfinger auf den serbischen Schiedsrichter Darko Milakovic überschattet. „Er hatte ein Problem mit Albanern, anders kann ich mir das nicht erklären“, sagte der Vorstandsvorsitzenden des KFIB, Albert Marki, in der Sindelfinger Zeitung über die sportliche Vorgeschichte der Attacken auf den Schiedsrichter, der die Sindelfinger benachteiligt haben soll.

„Früher waren die Spieler auch nicht immer einverstanden, aber die Entscheidungen wurden akzeptiert, ohne dass es Gedanken an Gewalt gab“, sagt Scheidt über die Entwicklung des Umgangs mit Unparteiischen, „heute wird ein Schiedsrichter dagegen teilweise behandelt wie der letzte Dreck“.

Zwar merkt auch Scheidt an, dass Gewalt gegen Schiedsrichter im Raum Ludwigsburg kein so massives Problem wie in anderen Landesverbänden sei, am grundsätzlichen Missstand ändere dies aber nichts. „Was schlimm ist, ist die verbale Gewalt gegen Jung-Schiedsrichter. Dass 13- oder 14-Jährige beschimpft werden, ist das Schlimmste im Moment“, so Scheidt. Dabei würden kaum Fälle mit einem Sportgerichtsverfahren enden. „Stattdessen ist es eher so, dass die Karriere vom jungen Schiedsrichter beendet ist.“ Etwa einmal pro Monat kommen laut Angaben des Württembergischen Fußballverbands Extremfälle vor, in deren Folge sich ein Schiedsrichter beim WFV meldet und häufig sogar psychologische Hilfe benötigt. „Die Dunkelziffer ist aber vermutlich höher“, teilt der Verband auf Nachfrage zur Anzahl der Angriffe auf Schiedsrichter mit.

Vereine in der Pflicht

Eine Frage ist indes, wie man dagegen steuern kann in Zeiten, in denen man täglich sieht, wie selbst Schiedsrichter in der Bundesliga so hart angegangen werden wie keine Unparteiischen in anderen Sportarten sonst. Scheidt sieht die Vereine in der Pflicht: „Die müssen aktiv werden und Eltern und Spielern klar machen, dass es kein Leistungssport ist, sondern immer noch Freizeit.“

Auch ein weitaus strengeres Reglement gegen das Meckern und Reklamieren gegenüber Schiedsrichterentscheidungen würde er als realistisch bezeichnen, „wenn der DFB dazu bereit wäre. Aber heute ist es eher ein Kuschelkurs mit den Spielern. Was oben gut gemeint ist, kommt unten falsch an“, so Scheidt. Denn gerade im Amateurfußball sind die Konsequenzen weitaus schlimmer. „Ein Bundesligaspieler weiß, dass das sein Beruf ist. Für den Kreisligaspieler ist es das nicht“, begründet Scheidt, wieso einem Amateurfußballer schneller die Sicherungen durchbrennen können.

Sein größter Wunsch, sagt Scheidt, wäre, dass der Schiedsrichter irgendwann behandelt wird wie ein Sportler. „Wie jemand, der eben auch Fehler machen kann.“ Beim Blick auf die Ereignisse vom Wochenende kann das jedoch noch lange dauern.

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