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Serie (IX)

Kanzleiter hält 07 in der zweiten Liga

Vor 40 Jahren qualifizierte sich die SpVgg 07 Ludwigsburg für die neue Oberliga Baden-Württemberg. Sieben Jahre zuvor gelang sogar der Sprung in die zweithöchste deutsche Spielklasse. Was ist aus den einstigen Größen geworden?

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Sicherer Rückhalt: 07-Torhüter Jürgen Kanzleiter (r.) spielt in den 70ern vor ausverkauften Rängen. Archivbild: K.-D. Ranz

Ludwigsburg. Staunend stand er mit seinen Kameraden einst auf dem südbadischen Berg Hohentwiel und traute seinen Augen nicht: Oben schufteten die 07-Kicker im Trainingslager für das Aufstiegsspiel in Singen und unten fuhr der voll besetzte Zug mit den Ludwigsburger Anhängern in den Bahnhof ein. „Wir haben nur gestaunt, aus dem ganzen Zug hingen schwarz-gelbe Fahnen“, hat Jürgen Kanzleiter dieses Szenario noch genau vor Augen. Auch 47 Jahre danach noch.

1971 war das, er hielt in den Aufstiegsspielen, was zu halten war, und durfte sich schließlich sogar als Aufstiegstorhüter feiern lassen. Mit dem 2:1-Sieg gegen Waldhof Mannheim hatte die SpVgg 07 den Sprung in die damals zweitklassige Regionalliga Süd geschafft, als Neuling in der 1. Amateurliga. „Viele Gaststätten in Ludwigsburg hatten schwarz-gelb geflaggt“, erinnert sich Kanzleiter an die Riesenfußball-Euphorie in der Barockstadt. „Unsere Fans hatten immer einen mehrere Meter großen schwarzen Hammer aus Styropor dabei – und überall hieß es, jetzt ist 07 mit dem Hammer wieder da.“

Der Aldinger Jürgen Kanzleiter hatte beim TV Aldingen mit dem Kicken begonnen. 07-Funktionär Helmut Jahn, selbst einige Jahre Nationaltorwart, entdeckte ihn, doch Kanzleiter wollte erst noch für die Aldinger Aktiven spielen, um die notwendige Wettbewerbshärte bei den Erwachsenen zu erwerben.

Ende der 60er Jahre ging er dann an den Fuchshof, wo er sich als Jungspund zunächst gehörig umsehen musste. „Wir Jungen waren heiß und haben uns voll reingehängt“, erinnert er sich, „beim ersten Training hing ich nach einer halben Stunde über der Hecke und musste mich übergeben – so ein Trainingsprogramm war ich in Aldingen nicht gewohnt.“

Verletzungen ermöglichten ihm immer wieder, seine berufliche Karriere als Banker voranzutreiben. Kanzleiter feierte mit 07 den Aufstieg – und schaffte sogar den Verbleib in der Regionalliga. „Durch die lange Aufstiegsrunde konnte sich der Verein eigentlich nicht mehr verstärken“, sagt er rückblickend. „Wir waren aber ein verschworener Haufen von Feierabendprofis und sind dennoch nicht abgestiegen.“

Im Ludwig-Jahn-Stadion brannte die Luft, gegen die Ex-Meister 1. FC Nürnberg und TSV 1860 München war die Arena mit je 15 000 Besuchern ausverkauft: „Man hat nur Kopf an Kopf Leute in einem riesigen Menschenmeer gesehen. In Zwölferreihen war das Stadion von oben bis unten voll, sogar in den Bäumen saßen Zuschauer“, erinnert sich der heute 68-Jährige noch gut an diese Höhepunkte seines Fußballerlebens. Damals lernte Kanzleiter seine spätere Frau kennen. In der Lassas-Bar, einer Diskothek und gleichzeitig angesagtestem Sportlertreff in der Ludwigsburger Innenstadt, verliebte er sich in die damalige HCL-Hockey-Jugendnationalspielerin Gaby Weng. Weng war ebenfalls Torhüterin, „und sie war im Tor sogar deutlich besser als ich“, betont Kanzleiter – ganz wie ein Gentleman.

Bei 07 lief es allerdings zunehmend schlechter. Die Verpflichtung einiger Profis riss das Mannschaftsgefüge auseinander. „Das Management konnte in dieser kurzen Zeit nicht mitwachsen“, analysiert der einstige Bankdirektor Fehler der sportlichen Leitung. „Die Aufstiegsspieler bekamen immer noch gleich viel, die mit dem neuen Geld verpflichteten Zugänge aber viel mehr. Als dann Niederlagen kamen, meinten einige, wenn ich fünf Meter laufe, müssen die Neuen für ihr Geld in der gleichen Zeit 20 Meter rennen.“

Der Abstieg war die logische Konsequenz. Kanzleiter folgte seinen Ex-Teamkollegen aus dem 07-Aufstiegsteam, dem Sturmduo Günther Schuh und Wolfgang Holoch, zu den Stuttgarter Kickers. Dort spielte er noch einige Jahre in der zweitklassigen Regionalliga Süd, teilweise an der Seite der späteren Nationalspieler Walter Kelsch und Karl Allgöwer. Heute lebt er immer noch in Aldingen. Auf dem Golfplatz hat er es mittlerweile zu einem gehobenen Niveau gebracht. Einmal Zweitliga-Fußballer, immer ehrgeiziger Sportler.